Gibt es noch ein Geschäftsszenario für Telepresence?

Videokonferenzen sind beliebt wir nie: Die Entwicklung von Alternativen hat die Markt-Präsenz von Telepresence-Systemen aber deutlich verringert.

Telepresence wurde ursprünglich konzipiert, um ein Video-Erlebnis zu schaffen, das Geschäftsreisen ersetzen sollte. Telepresence-Systeme waren die Prunkstücke im Bereich der Videokonferenzen. Üblicherweise bestanden sie aus Anwendungen mit drei oder vier großen Bildschirmen. Die Teilnehmer setzte man an identische Tische, wo sie von Angesicht zu Angesicht ihren Gesprächspartnern begegneten. Diese wurden in Lebensgröße und High Definition präsentiert, begleitet von hochwertigem Stereo-Sound. Das Ergebnis  war ein Erlebnis, das sich für die Teilnehmer anfühlte, als ob sie sich physisch im gleichen Raum befinden. Telepresence wurde für seine Fähigkeit beworben, die Zusammenarbeit unter Mitarbeitern und das Teamwork zu fördern. Zudem war ein gewisser Prestige-Faktor mit dem Telepresence-Konzept verbunden. Eine Telepresence-Suite vermittelt den Eindruck, dass ein Unternehmen Weltklasse sei und daher eine perfekte Ergänzung zur neuen Konzern-Zentrale.

Telepresence-Systeme bieten ein stabiles und qualitativ hochwertiges Bild. Sie benötigen dafür eine hohe Bandbreite, was durch Quality of Service (QoS) unterstützt wird. Einige der ursprünglichen Telepresence-Systeme waren nur zusammen mit einem dedizierten Netzwerk verfügbar. Die Kosten für die Netzwerk-Anforderungen trugen zu den Gesamtkosten bei, die im Laufe eines Lebenszyklus der Telepresence-Systeme entstanden. Trotzdem war es einfach zu demonstrieren, dass selbst bei nur geringfügig reduzierter Reisetätigkeit Kosten eingespart werden konnten. Persönliche Face-to-Face-Besprechungen mit entfernten Kollegen wurde Realität. Vorher unternahm eine Führungskraft aus den USA zum Beispiel monatlich eine Reise nach Europa, um Kollegen zu treffen. Nun war das täglich ohne Reisekosten möglich. Telepresence-Systeme dienten aber nicht nur zur Einsparung von Reisekosten, sondern auch für die engere Zusammenarbeit.

Wo befindet sich der Telepresence-Markt heute?

In den letzten Jahren haben Veränderungen am Markt und verbesserte Technologien dafür gesorgt, dass viele (einst exklusive) Vorteile von Telepresence auch in anderen Technologien vorhanden sind. Videokonferenz-Codecs und Desktop-Video-Clients unterstützen HD-Videoqualität. Riesige Monitore sind relativ günstig erhältlich. Für nicht mehr als 1.500 Euro bekommt man einen 70-Zoll- oder für etwa 2.200 Euro einen 80-Zoll-LED-Monitor mit HDTV-Qualität. Das entsprach vor ein paar Jahren den Kosten für einen 40-Zoll-Bildschirm.

Laptops, Tablets und Smartphones sind mit hochwertigen Kameras und Displays ausgestattet. Diese machen Videos durch die verbesserte Bild-und Tonqualität allgegenwärtig. Außerdem gibt es zahlreiche kostenlose Apps für Videokonferenzen, wie zum Beispiel Skype, Facetime, Friendcaller, ooVoo und fring. Auch Social-Media-Seiten wie Google Hangouts, Facebook und MySpace bieten Video-Telefonie kostenlos an. Hunderte von Millionen von Anwendern nutzen Video als Kommunikationsmedium. Das bringt auch Unternehmen dazu, ihrer Belegschaft vermehrt Video-Funktionen zur Verfügung zu stellen. Jüngere Mitarbeiter erwarten Video an ihrem Arbeitsplatz genauso, wie sie einen Zugang zu Social-Media-Seiten vorfinden möchten.

Warum schrumpft der Telepresence-Markt?

Mehrere Faktoren halten Unternehmen davon ab, weitere Telepresence-Systeme einzusetzen:

  • Firmen konzentrieren sich auf die Nutzung von einheitlichten Kommunikationsmedien. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Telefon, Instant Messaging (IM), Voicemail, Verzeichnis-Dienste, File Sharing sowie Web-Konferenzen mit Video-Option. Das alles ist in einer einzigen Applikation vereint. Die IT-Abteilung möchte ihre Anwender nicht auf einmal mit zu vielen Veränderungen an den Kommunikations-Plattformen überlasten. Daher wird mehr Zeit damit verbracht, die Kommunikation zu vereinheitlichen, als sich auf Alternativen, wie Telepresence zu konzentrieren.
  • Video ist heute allgegenwärtig. Daher begreifen Unternehmen immer mehr, welche Vorteile es bringt, wenn sie allen Mitarbeitern Video zur Verfügung stellen. Video-Optionen für viele Mitglieder der Belegschaft bereitzustellen hat daher eine hohe Priorität. Der Ausbau von Systemen für einzelne gehobene Mitarbeiter, also der Bereich, in dem Telepresence-Systeme eingesetzt wurden, ist untergeordnet. Daher werden weitere Systeme in Konferenzraumgröße vorangetrieben und mobile Video-Funktionen in die Systeme des Unternehmens integriert.
  • Nach Jahren wirtschaftlicher Schwierigkeiten sind Unternehmen bei neuen Investitionen vorsichtig geworden. IT-Sicherheit, Data-Center-Konsolidierungen und die Einführung von Unified Communications (UC) werden höher priorisiert als Investitionen, die als luxuriös wahrgenommen werden. Dazu gehört Telepresence.

Die wirtschaftlichen Argumente für Telepresence-Geschäft sind immer noch gültig. Allerdings haben die Weiterentwicklung von Alternativen und verminderte Ressourcen die Marktpräsenz der Technologie deutlich verringert. Videokonferenzen finden inzwischen breite Akzeptanz. Sie werden als Medium für eine bessere Zusammenarbeit genutzt und fördern die Produktivität. Das bedeutet aber nicht, dass Konferenztische im Stil von Sitzungssälen mit mehreren Großbildschirmen notwendig wären. Es geht eher darum, der kompletten Belegschaft einen insgesamt besseren Zugang zu Video-Funktionen zu ermöglichen. In gewissem Sinne bieten Telepresence-Systeme einer Firma Prestige. Aber genauso wie Transport nicht zwingend bedeutet, dass jemand eine Luxus-Limousine haben muss, erfordert eine verbesserte Zusammenarbeit nicht unbedingt eine Telepresence-Suite. Manchmal tut es auch ein Nutzfahrzeug.

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