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Welche Rolle Technologie bei der Umsetzung des Brexit spielt

Der Brexit wird Auswirkungen auf die Interaktion zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich haben. Das bietet für die Tech-Industrie auch Chancen.

Erst hatte keiner mit der Entscheidung gerechnet, dann glaubte niemand, dass es dabei bleibt, und jetzt wird er doch Realität – der Brexit. Großbritannien hat sich im Referendum gegen die EU entschieden – und setzt diese Entscheidung jetzt auch um. Noch müssen die Austrittdetails verhandelt werden, doch eines ist jetzt schon klar: Die Auswirkungen werden auf beiden Seiten des Ärmelkanals in vielerlei Hinsicht enorm sein – und damit natürlich, wie jede andere auch, die IT-Branche treffen.

Großbritannien gehört traditionell zu den wichtigsten Handelspartnern Deutschlands: Laut BITKOM gingen im vergangenen Jahr ITK-Produkte und Unterhaltungselektronik im Wert von 2,9 Milliarden Euro aus Deutschland ins Vereinigte Königreich. Das entspricht acht Prozent aller deutschen ITK-Ausfuhren und macht das Land zum zweitwichtigsten Handelspartner für deutsche IT-Unternehmen, nach Frankreich.

Für die Tech-Branche sind tiefgreifende Veränderungen ein alltäglicher Teil des Geschäfts, die zugleich enormes Potenzial bergen. Und der Brexit ist genau das – er wird die Art und Weise, wie Unternehmen und Menschen zusammenarbeiten, tiefgreifend verändern und bietet damit auch enormes Potenzial für die IT-Industrie. Denn Grenzkontrollen, Datenschutz, Handelsabkommen und viele weitere Bereiche, in denen Technologie eine große Rolle spielt, sind betroffen. Technologie wird nicht nur bei der Etablierung und Überbrückung neuer Grenzen im Einsatz sein. Effektive Grenzsicherung, die Einrichtung neuer Rechenzentren jenseits des Ärmelkanals, die mit den zukünftigen Datenschutzbestimmungen Großbritanniens konform sind, sowie der sichere Austausch von Informationen zwischen Regierungen und Strafverfolgungsbehörden sind nur einige der „Pain Points“, wo IT-Spezialisten gefragt sein werden.

Technologie und Grenzkontrollen

Fortschrittliche Technologie wird eine Schlüsselrolle unter anderem bei der effektiven Grenzsicherung spielen und sicherstellen, dass beispielsweise personelle Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie am meisten gebraucht werden. Nicht zuletzt die Flüchtlingsthematik und erhöhte Terrorgefahr lassen den Bedarf an effizienten Lösungen zur Kontrolle der Grenzübergänge in Europa wachsen. Moderne Technologie ist das perfekte Werkzeug, um nicht nur nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen zu suchen, sondern den gesamten Heuhaufen im Blick zu behalten. Angesichts der akut werdenden Bedrohungssituation ist Technologie neben Manpower die einzig logische und skalierbare Lösung.

Da bei einer überwiegenden Mehrheit der Reisenden von keinerlei Bedrohung auszugehen ist, können Technologien an Grenzübergängen gezielt eingesetzt werden – und Einwanderungsbehörden ihre Ressourcen so auf diejenigen Reisenden konzentrieren, die einer zusätzlichen Prüfung bedürfen. Neue Technologien tragen also grundsätzlich dazu bei, die Grenzabfertigung effizienter zu gestalten und damit zu beschleunigen: Zum Beispiel können Pässe so bereits vor der Einreise mit einer biometrischen Datenbank abgeglichen und Reisende mithilfe entsprechender Analysetools nach ihrem Hintergrund beurteilt werden. Je nach Einstufung in eine bestimmte Risikogruppe durchlaufen Reisende anschließend unterschiedliche Verfahren: Personen, die einen geringen Risikofaktor aufweisen und bedenkenlos einreisen dürfen, würden über sogenannte „Fast-Tracks“, also Fahrspuren oder Warteschlangen mit maschineller Ausweis-/Passüberprüfung zügig durch die Kontrollen gelangen. Reisende mit hohem Risikofaktor hingegen, die einer weiteren Überprüfung durch das Grenzpersonal bedürfen, würden nicht durch die Fast-Tracks, sondern in entsprechend andere Kontrollprozesse geschleust.

Möglich werden solche Szenarien nur durch die neuesten Fortschritte in der Biometrie: Gesichts- und Fingerabdruckkontrollen sind zeitintensiv und an Grenzübergängen daher ungeeignet. Der biometrische Abgleich der Iris mit sehr großen Datenbanken hingegen ist heute nahezu in Echtzeit möglich und bietet damit eine effiziente sowie kostengünstige Methode der Grenzabfertigung – nicht nur in Großbritannien.

Die Sicherung der Grenzen bedeutet auch in der EU heute wieder mehr als Passkontrollen in Flughäfen oder Bahnhöfen. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten suchen derzeit händeringend nach Lösungen, um Personenbewegungen besser erfassen zu können. Durch die Entstehung neuer Grenzen in Folge des Brexit wird die Situation nicht gerade einfacher. Doch diese Herausforderungen sind zu schaffen – mit modernen Technologien, die sowohl in Großbritannien als auch in der EU eine Schlüsselrolle für die Grenzsicherheit spielen werden.

Datenhoheit und Cloud

Neben der Sicherung der physischen Grenzen wird der Brexit zu eigenen Datenschutzbestimmungen in Großbritannien führen – etwa mit der Anforderung, sensible Daten lokal zu speichern und zu hosten. In Australien und Neuseeland gibt es beispielsweise bereits Vorgaben, nach denen Daten von Bürgern im Heimatland vorgehalten werden müssen. Für die Anbieter von Cloud-Diensten in Großbritannien, die in der Lage sind, lokal gehostete Lösungen insbesondere für den öffentlichen Sektor und die Finanzdienstleistungsbranche bereitzustellen, eröffnen sich mit dem Brexit völlig neue Geschäftsmöglichkeiten.

Insbesondere die Akzeptanz der Hybrid Cloud wird in Großbritannien einen starken Aufwind erleben. Denn sie erlaubt es, die verschiedenen Ansprüche an Datenschutz zu kombinieren – abhängig davon, ob innerhalb des Unternehmens, in Großbritannien, international oder in der Public Cloud operiert wird. Zudem gilt es, nicht nur gespeicherte Daten zu schützen, sondern auch Daten während der Übermittlung von einem Ort zum anderen.

Sicheres Teilen von Daten

Die EU wurde mit dem Ziel gegründet, die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu fördern. Mittlerweile ist sie zu einem Binnenmarkt zusammengewachsen, in dem sich sowohl Menschen als auch Waren völlig frei bewegen. Einige Kritiker des Brexit befürchten jetzt, dass Großbritannien möglicherweise keine Informationen mehr mit seinen europäischen Partnern teilen wird, die etwa zur Bewältigung gemeinsamer Probleme nötig wären. Doch es gibt viele internationale Beispiele, die das Gegenteil belegen. So ist Großbritannien bereits Teil der „Five Eyes“-Allianz mit Australien, Kanada, Neuseeland und den USA. Auch kooperieren britische Behörden eng mit internationalen Strafverfolgungsbehörden wie Interpol, Europol und SIRENE. Hier gewinnt die Fähigkeit, Daten sicher zu teilen, enorm an Bedeutung.

„Der Brexit wird enorme Auswirkungen auf die Interaktionen zwischen Großbritannien, der EU und dem Rest der Welt haben. Doch für die Tech-Industrie birgt die Veränderung große Chancen.“

Sandro Lindner, Unisys

Zu diesem Zweck muss ein ganzheitlicher Sicherheitsansatz her, der Menschen, Richtlinien und Technologie umfasst. Ein wichtiger Baustein davon ist Mikrosegmentierung: Mit ihrer Hilfe wird die „Cyber-Kill-Kette“, eine Methodik, in der groß angelegte Cyberattacken oft stattfinden, durchbrochen. Grundprinzip der Technologie ist es, Unternehmensnetzwerke in viele kleine Einheiten – logische Mikrosegmente – zu zerlegen, die ausschließlich für die Mitglieder einer definierten, sicheren Community, einer Community of Interest (COI), zugänglich sind – ohne den üblichen, historischen Sicherheits-Management-Overhead. Mikrosegmentierung setzt dabei auf die Vorteile von Netzwerk-Virtualisierung und IPsec, um die zugrundeliegende Infrastruktur granularer zu isolieren und so besser kontrollierbar zu machen. Mikrosegmentierung kann Angriffe so nicht nur vereiteln, sondern im Ernstfall auch die Auswirkungen minimieren. Sie beschränkt den Zugriff von potenziellen Angreifern auf Daten und Dienste auf ein winziges Segment.

Auch wenn die Folgen bei weitem noch nicht absehbar sind: Der Brexit wird enorme Auswirkungen auf die Interaktionen zwischen Großbritannien, der EU und dem Rest der Welt haben. Doch für die Tech-Industrie – für die Veränderung eine alltägliche Konstante ist – birgt die Veränderung große Chancen. Denn für die Umsetzung der Veränderung ist Technologie absolut notwendig.

Über den Autor:
Sandro Lindner ist Geschäftsführer Unisys Deutschland und Head of EMEA Sales Commercial.

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