Stoppt die Cloud, ich will aussteigen

Von der NIST stammt eine Definition, was echtes Cloud Computing ausmachen sollte. Demnach sind die meisten heutigen sogenannten Cloud-Angebote keine.

Kaum einer der Dienste, die von Anbietern als „Cloud“ vermarktet werden, entspricht der NIST-Definition aus dem Jahr 2011. Kaum verwunderlich also, dass wir uns nicht mehr auskennen. Das ist eine Cloud und dies ist eine Cloud. Alles ist heutzutage ein Cloud-Dienst, beziehungsweise eigentlich nicht.

Im September 2011, nach mehreren Jahren der Beratung und 15 Entwürfen, stellte die US-Bundesbehörde National Institute of Standards and Technology (NIST) eine echte Definition von Cloud Computing vor. Seitdem ist die NIST-Definition jedoch sozusagen in der Übersetzung verloren gegangen. Schuld daran sind zum Teil auf ihren Vorteil bedachte Anbieter und Vermarkter – gestützt von ahnungslosen Medien.

Merkmale und Modelle von Cloud-Diensten…

NIST definierte fünf wesentliche Merkmale von Cloud-Diensten: Selbstbedienung nach Bedarf, umfassender Netzwerkzugriff, Ressourcenpooling, schnelle Anpassbarkeit und messbare Dienste. 

Nahezu keiner der heutzutage angebotenen „Cloud“-Dienste besitzt alle dieser fünf Merkmale. NIST definierte zudem drei Cloud-Modelle: Software as a Service (SaaS), Platform as a Service (PaaS) und Infrastructure-as-a-Service (IaaS). In der Praxis gab es diese drei Modelle aber schon lange bevor „Cloud“ überhaupt in den Sprachgebrauch einging.

… und was daraus geworden ist

Im Prinzip waren bereits AOL und CompuServe SaaS-Anbieter, ebenso wie die Fülle von Anwendungsdienste-Anbietern (Application Service Providers, ASPs), die zur Zeit des Dotcom-Booms aus dem Boden schossen.

Kong Yang ist Head Geek
bei SolarWinds.

Verschiedene Unternehmen bieten seit Dutzenden von Jahren gehostete E-Mail-Server für Unternehmen an. 

Sind das etwa keine PaaS-Anbieter? Es ist auch ganz einfach, einen gehosteten („virtuellen“) Computer zu mieten, um einen Webserver oder andere Software auszuführen, die vollständig vom Kunden verwaltet wird. Das ist nichts anderes als IaaS.

Keiner dieser Dienste entsprach damals – oder entspricht heute – den eigentlichen Prinzipien des Cloud Computing. Sicherlich bot keiner Selbstbedienung nach Bedarf. Wenn eine gehostete E-Mail-Umgebung aufgestockt oder ein virtueller Computer als Host für einen Webserver gemietet werden musste, erforderte das mehrere Tage, Vertragsverhandlungen und eine Reihe anderer Aktionen, die nicht unbedingt der Vorstellung von „nach Bedarf“ entsprechen.

Der „umfassende Netzwerkzugriff“ ist vermutlich das am wenigsten bezeichnende Cloud-Merkmal von NIST. Alles läuft über das Internet, die Infrastruktur eines Mobilfunkanbieters oder über beides, einschließlich einfacher Dateispeicherung und der gemeinsamen Nutzung von Diensten wie etwa herkömmlichen FTP-Servern. Doch ist gerade der umfassende Netzwerkzugriff das Merkmal, auf das sich die meisten Unternehmen berufen, wenn sie ihre Cloud als solche deklarieren.

Auch Ressourcenpooling ist de facto aufgrund des heutigen extremen Grads an Virtualisierung ein Merkmal fast jeder IT-Umgebung. Letzteres stellt auch den größten Unterschied dar zwischen dem Hosting eines E-Mail-Servers heute und dem gleichen Hosting vor einigen Jahren. Heute ist Ihr E-Mail-Server wahrscheinlich eine virtuelle Maschine (VM) auf einem Cluster aus mehreren Dutzend VMs – sofern Sie die E-Mail noch intern abwickeln, anstatt einen Dienst zu abonnieren.

Im Prinzip waren bereits AOL und CompuServe SaaS-Anbieter.

Zur Definition, ob ein Dienst cloudbasiert ist, sollte auch die Mandantenfähigkeit gehören, das heißt die Fähigkeit, dass meine und Ihre Dienste zusammen, aber isoliert, in derselben physischen Umgebung existieren können. Modern ausgedrückt, ist das so etwas wie Office 365: eine Gruppe von Benutzern in Ihrer Organisation teilt denselben E-Mail-Server mit vielen andern Benutzergruppen.

Zwei weitere Definitionsmerkmale sind die schnelle Anpassbarkeit (die Fähigkeit, den Umfang nach Bedarf schnell zu verringern oder zu erhöhen) und die Messbarkeit des Dienstes (die eine Zahlung auf Grundlage der tatsächlichen, nicht der potenziellen Nutzung ermöglicht).

Schnelle Anpassbarkeit legt nahe, dass die Skalierung der Dienste automatisch erfolgt, nicht erst, wenn ein Mitarbeiter den angeforderten Bedarf schließlich bestätigt.

Wenn Sie auf der Basis einer Anzahl von lizenzierten Benutzern eine monatliche Abonnementgebühr für ein SaaS-Produkt entrichten, ist das kein messbarer Dienst, somit also kein Cloud-Dienst. Wenn Sie einen Computer bei einem Hosting-Anbieter mieten und unabhängig von der Verwendungshäufigkeit eine monatliche Pauschale für den Zugang zu diesem Computer bezahlen, ist das kein messbarer Dienst. 

Wenn Sie im Rahmen dieses gehosteten Diensts keine weiteren Computer hinzufügen können, solange die Kapazität des ersten Computers noch nicht überschritten ist, ist das keine schnelle Anpassbarkeit, also auch kein Cloud-Dienst.

Kein Wunder, dass IT-Techniker und natürlich auch die Verbraucher sich nicht mehr auskennen.

Kein Wunder, dass IT-Techniker – und natürlich auch die Verbraucher – sich nicht mehr auskennen. Einige Definitionssünder nennen ihre Produkte schon „Cloud“, nur weil sie sich im Internet befinden und in irgendeiner virtualisierten Infrastruktur ausgeführt werden, was bei vielen SaaS-Produkten der Fall ist. 

Andere haben ihre eigene Definition des Begriffs Cloud gefunden und versuchen, die Unterscheidung ganz einfach auf den Speicherort der Daten zu beschränken. Sie behaupten beispielsweise, die Cloud sei schlicht eine Metapher für das Internet und dass das Speichern von Daten in einem Firmennetzwerk nicht als Cloud-Speicher gelte. 

Diese Behauptung widerspricht jedoch erheblich dem Konzept einer Private-Cloud-Umgebung. Sie basiert zudem ausschließlich auf dem Konzept des umfassenden Netzwerkzugriffs, ohne Berücksichtigung der anderen Merkmale von Cloud-Diensten.

Wie daraus Cloud-Dienste werden würden

Was würde also das oben Erwähnte zu „Cloud-Diensten“ machen? Wie wäre es, wenn Ihr SaaS-Anbieter seine Abrechnung nach der tatsächlichen Anzahl der täglichen Benutzer ausrichten würde oder nach der Anzahl der tatsächlich angemeldeten Minuten pro Tag oder, noch besser, nach den Minuten, die eine Anwendung tatsächlich täglich verwendet wird? 

Damit ein gehosteter E-Mail-Dienst tatsächlich ein Cloud-Dienst ist, müsste die Abrechnung nach dem tatsächlichen Ressourcenverbrauch pro Tag erfolgen. Der Kunde erhielte eine unbegrenzte Kapazität und die Möglichkeit, Benutzer nach Bedarf hinzuzufügen oder zu entfernen.

Nur weil er weitere Postfächer hinzufügt, müsste der Kunde nicht mehr bezahlen. Wenn Sie also für Änderungen an Ihrer Dienstbereitstellung mehr tun müssen, als einfach nur eine einzelne Webseite aufzurufen, oder wenn Sie für einen bestimmten Zeitraum oder pro Benutzer eine Pauschale zahlen, dann ist das nichts anderes als SaaS. Eine Cloud ist es nicht.

Über den Autor:
Kong Yang ist „The Virtualization Management Head Geek“ bei SolarWinds, einem Hersteller von IT-Verwaltungssoftware. Yang bringt mehr als 20 Jahre an praktischer IT-Erfahrung mit und genießt in der Virtualisierungs-Community einen Ruf als überzeugender Vordenker. Als Head Geek geht er bei SolarWinds weiterhin seiner Leidenschaft nach, das Verhalten des gesamten Anwendungsökosystems zu erforschen.

Die Head Geeks von SolarWinds vereinen zusammen 120 Jahre an Praxiserfahrung und einschlägigen Branchenkenntnissen, um der IT-Profi-Community mit Perspektiven, Ratschlägen und Diskussionen zu den neuesten technologischen Trends und Herausforderungen zur Seite zu stehen. Die Head Geeks tauschen sich mit IT-Profis in den Foren der SolarWinds thwack-Community und im Geek Speak-Blog aus und bieten in monatlichen SolarWinds Lab-Sitzungen technische Schulungen. Die Head Geeks nehmen auch regelmäßig an verschiedenen IT-Foren teil.

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