LTE-Roaming: Warum der LTE-Markt eine Harmonisierung dringend nötig hat

Wer ein LTE-Gerät kauft, kann es meistens nur national voll nutzen. Zu viele unterschiedliche LTE-Frequenzen erschweren das internationale Roaming.

Image goes hereLeslie Ferry

Der Bedarf an mobilen Datendiensten wächst kontinuierlich – es ist also nicht verwunderlich, dass die Bereitstellung von LTE bei vielen Mobilfunkanbietern derzeit höchste Priorität genießt. Die schieren Datenmassen, die inzwischen über mobile Netze bewegt werden, vergrößern sich jährlich und wachsen exponentiell. Die Verbreitung multimedialer Inhalte reizt die bestehenden Kapazitäten bis aufs Äußerste aus. Die Vodafone Deutschland GmbH, die mit der Bereitstellung von LTE-Diensten frühzeitig begonnen hat, führt bereits jetzt 75 Prozent ihres Netzwerk-Traffics auf Video-Content zurück. LTE ermöglicht Download-Raten von 150 Mb/s und ist damit bis zu zehnmal so schnell wie herkömmliche 3G-Netze. Viele Netzwerkbetreiber sind daher daran interessiert, den neuen Netzwerkstandard schnell zu etablieren und der weltweiten Datenflut Herr zu werden.

LTE–Frequenzen sind wertvolle Rohstoffe

Für Netzbetreiber ist die Einführung von LTE allerdings eine kostspielige Angelegenheit. Die Aufrüstung bestehender Netzwerktechnik auf LTE alleine verursacht schon hohe Kosten. Außerdem mussten die Anbieter zusätzlich in die Tasche greifen, um sich ihren Anteil an den begehrten LTE-Frequenzen zu sichern. Der Zuschlag für die jüngste Spektrumsauktion in den Niederlanden hat die erfolgreichen Bieter 3,8 Milliarden Euro gekostet, während in Großbritannien im Februar 2013 für ähnliche Lizenzen 2,34 Milliarden Britische Pfund (ca. 2,7 Milliarden Euro) bezahlt wurden. In Deutschland waren es 2010 sogar 4,38 Milliarden Euro.

Vor diesem Hintergrund sind LTE-Frequenzanteile ein unschätzbar wertvoller Rohstoff für jeden Netzbetreiber. Dazu einer, der nur begrenzt verfügbar ist: der überfüllte Mobilfunkraum in zahlreichen Industrieländern entwickelt sich zu einem ernstzunehmenden Problem. Betreiber sind bereits dazu gezwungen, LTE auf unterschiedlichen Frequenzbändern zu betreiben – stets abhängig von dem auf ihrem speziellen Markt verfügbaren Spektrum. Die GSMA schätzt, dass mindestens 38 unterschiedliche Kombinationen an Funkfrequenzen genutzt werden, um den weltweiten Ausbau von LTE zu ermöglichen. So haben sich einige nordamerikanische Netzbetreiber für das 700-MHz-Band entschieden, während die Europäer 2,6 GHz nutzen und viele asiatische Staaten LTE auf 1,8 GHz aufsetzen.

Totale Zersplitterung des Marktes

Die limitierte Verfügbarkeit von Frequenzbändern hat dazu geführt, dass Betreiber rund um den Globus jede freie Frequenz für LTE nutzen – dabei wäre eine internationale Vereinbarung über ein gemeinsames Spektrum nützlicher gewesen. Die große Heterogenität im internationalen LTE-Umfeld hat den Markt völlig zersplittert. So wird eines der nordamerikanischen LTE-Bänder (2,1 GHz) in Großbritannien gegenwärtig von einem der großen britischen Fernsehsender genutzt. Der einzige LTE-Betreiber im Vereinten Königreich arbeitet dagegen auf 1,8 GHz. Nicht einmal die unterschiedlichen Netzbetreiber desselben Landes nutzen das gleiche Spektrum: In den USA beispielsweise sind die LTE-Netze von Verizon und AT&T nicht miteinander kompatibel. In Deutschland sind die vier Frequenzbänder mit 800 MHz, 1,8 GHz, 2 und 2,6 GHz für LTE vorgesehen. Auch hier nutzen die vier großen Mobilfunkanbieter nicht alle LTE-Frequenzbereiche gemeinsam.

Welche Probleme entstehen nun aus dieser Situation? Die zentrale Herausforderung zeigt sich beim internationalen Roaming. Mit LTE-fähigen Endgeräten, die für die jeweiligen Frequenzen ihrer „Heimatregion“ ausgestattet wurden, können Kunden LTE-Dienste in anderen Ländern nicht nutzen. Geräte, die für LTE-Netze einer spezifischen Region entwickelt wurden, sind mit denen anderer Länder inkompatibel. Sie arbeiten auf grundlegend unterschiedlichen Frequenzbändern.

Aus der Vergangenheit lernen: 2G und 3G

Während Nutzer bei 3G-Diensten sehr gute Erfahrungen mit dem Daten-Roaming machen durften, steht die Zersplitterung des LTE-Roaming-Marktes für einen Rückfall in alte Muster. Schon bei 2G hatten Carrier mit Fokus auf GSM-Dienste mit Fragmentierung zu kämpfen – ähnlich sah es bei den Anfängen von 3G aus. Letzten Endes bekamen die Anbieter das Problem unterschiedlicher Frequenzbereiche durch den Einsatz von multibandfähigen Endgeräten in den Griff. Diese wurden auch in jenen nationalen Märkten vertrieben, in denen nur ein einheitliches Band genutzt wurde. Darüber hinaus hatte die verbesserte länderübergreifende Koordination den erfreulichen Effekt, dass mobile Endgeräte internationales Roaming unterstützen konnten, auch ohne den Einsatz zusätzlicher Empfänger. Die 3G-Frequenzbänder waren letztlich nicht sehr unterschiedlich.

Heute zeigen Netzbetreiber in Sachen LTE eine deutlich geringere Kooperationsdynamik. Zwar arbeiten Gerätehersteller ganz im Einklang mit dem Moore’schen Gesetz daran, kleinere Geräte mit einer größeren Anzahl an Empfängern zu entwickeln. Es wird dennoch unmöglich sein, dass mobile Endgeräte alle 38 Frequenzbänder bedienen können, die derzeit weltweit für LTE genutzt werden. Die wahrscheinlichste Lösung für dieses knifflige Problem wird wohl darin liegen, dass sich Betreiber und Hersteller auf die sechs bis acht meist genutzten LTE-Bänder einigen und ihre Endgeräte mit entsprechenden Empfängern ausstatten werden. Moderne Chipsätze werden in absehbarer Zukunft fünf bis zehn unterschiedliche Frequenzbänder unterstützen können – eine Entwicklung, die sich nach Auffassung vieler Experten weiter fortsetzen wird. Das iPhone 4S etwa kann bereits zehn unterschiedliche Frequenzen sowohl in GSM- als auch in CDMA-Netzwerken empfangen. Parallel dazu schaffen Anbieter wie Verizon gerade die Grundlage für internationale LTE-Roaming-Kooperationen, indem sie mit ausländischen Carriern Partnerschaften eingehen. Das Ziel ist die Bereitstellung von Roaming-Diensten sowohl innerhalb als auch außerhalb der Vereinigten Staaten. Verizon will zum LTE-Roaming sowohl sein 700 MHz C-Spektrum als auch das 1,7/2,1 GHz AWS-Band zur Verfügung stellen.

Roaming wird zum Problem mit LTE – eine Harmonisierung bleibt aus

Und dennoch, die Fragmentierung bleibt. Da sich LTE-Services immer noch in den Anfängen befinden, wird dieser Umstand in naher Zukunft nicht für zu viele Probleme sorgen. Jedoch werden sich Mobilfunkkunden an die LTE-Datenraten ihres jeweiligen Landes gewöhnen und diese zusehends als selbstverständlichen Standard betrachten. Es wird für erhebliche Unzufriedenheit sorgen, wenn sie die gewohnten Leistungen im Ausland nicht beziehen können, weil sie keinen LTE-Zugang erhalten. Während viele Endgeräte auch im Ausland in 3G-Netzwerken roamen und zudem WiFi-Dienste nutzen können, werden Mobilfunkkunden nicht in der Lage sein, auf LTE-basierte Dienste mit hohen Bandbreitenanforderungen zuzugreifen. 3G ist beispielsweise kaum in der Lage, die zahlreichen, bereits heute verfügbaren VoIP-Dienste zu tragen. Dabei sind die Anbieter mit Nachdruck dabei, neue Features wie beispielsweise HD Voice und Videokonferenzen zu etablieren – eine Situation, die Netzbetreibern frustrierte Kunden bescheren wird, wenn all diese Funktionen auf der anderen Seite des Ozeans und außerhalb eines WiFi-Hotspots nicht genutzt werden können.

Auf lange Sicht müssen sich die Beteiligten am LTE-Markt um eine Harmonisierung bemühen. Schließlich würde davon im mobilen Umfeld jeder profitieren: von OEMs, die nur noch ein Gerät für die unterschiedlichen Regionen herstellen müssten, über Konsumenten, die in den Genuss von LTE-Roaming-Diensten kämen, bis hin zu den Netzbetreibern, die auf zufriedenere Kunden und zusätzliche Erlöse aus ihren Roaming-Partnerschaften blicken könnten.

Über die Autorin: Leslie Ferry ist Vice President Marketing bei Broadsoft

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