Zehn Jahre Master Data Management (MDM): Stammdaten sind ein Unternehmensschatz

Master Data Management (MDM) übernimmt heute vor allem bei der IT-Konsolidierung eine wichtige Funktion. Sind MDM-Projekte zu komplex, scheitern sie.

Master Data Management (MDM) feiert seinen zehnten Geburtstag. Der Begriff MDM begann etwa ab Juli 2004 in den allgemeinen Sprachgebrauch einzufließen, nachdem SAP die Lösung SAP Master Data Management (SAP MDM) auf den Markt gebracht hat. 

Davor hatten jedoch einige andere IT-Unternehmen wie Data Foundations, DWL und Kalido in Sachen MDM schon Pionierarbeit geleistet und dafür eigene Lösungen entwickelt und auf den Markt gebracht. Doch von einem wirklichen MDM-Softwaremarkt lässt sich erst ab Mitte 2004 sprechen.

MDM wurde aus der Einsicht geboren, dass von der „ERP-Bewegung“ in den 1990er Jahren zwar die Softwarehersteller profitiert haben, doch in den Unternehmen blieb das Problem der inkonsistenten Stammdaten weiterhin ungelöst. Firmen aller Branchen und Größen speicherten in den verschiedenen Anwendungen jeweils eigene Versionen von Kunden-, Produkt-, Standort- oder Vermögensdaten.

Die Stammdaten, die im Prinzip ein „gemeinsames Gut“ sein sollen, waren somit unternehmensweit in verschiedenen Systemen verteilt. Das galt in der Regel auch dann, wenn eine Firma ein ERP-System implementiert hatte. In den anderen Businessanwendungen, wie zum Beispiel den CRM-, SCM-, HCM- oder Marketinglösungen, wurden trotzdem jeweils eigene Stammdaten gehalten. 

Hinzu kommt, dass die installierte ERP-Anwendung häufig aus mehreren gesonderten Instanzen bestand. Erst kürzlich räumte eine große Öl-Gesellschaft, für die ich gearbeitet hatte, ein, konzernweit mehr als 600 wichtige Anwendungen zu betreiben; eine davon war SAP als „Standard-ERP-System“.

MDM-Werkzeuge und -Prozesse versprachen hier Abhilfe, indem gemeinsame Schlüsselstammdaten in einem zentralen Daten-Hub gebündelt werden sollten – entweder in Form von physikalischen Kopien bestehender Datensätze oder mit Hilfe spezieller Zeiger (=Pointer), durch die auf die Transaktionssysteme zurückverwiesen wird. Die Zielsetzung dieser Maßnahmen war, eine „Golden Copy“ der Stammdaten zu schaffen, die unternehmensweit konsistent ist und auf die sich alle verlassen können.

Wie so häufig bei neuen Technologietrends, so gab es rund um das Thema MDM zu Beginn jede Menge Wirbel. Nachdem SAP die Führungsrolle übernommen hatte, wollten kurz darauf auch andere große Hersteller in dem Spiel mitmischen. Zum Beispiel übernahm IBM den MDM-Hersteller DWL, Oracle brachte eine Reihe eigen entwickelter MDM-Produkte auf den Markt und Microsoft schluckte mit Stratature einen kleineren MDM-Anbieter.

Anzahl der Stammdaten steigt stetig an

Im Lauf der Zeit tummelten sich zwar immer mehr Softwareanbieter im MDM-Markt, doch gleichzeitig reifte auch langsam die Erkenntnis, dass außer den Kunden- und Produktstammdaten noch viele weitere Daten sinnvoll verwaltet werden müssen: Vermögensdaten, Kontenplandaten, Personaldaten, Marketing- und Vertriebsdaten, Geschäftspartnerdaten oder Standortinformationen.

Alle diese Daten mussten ebenfalls geprüft und strukturiert werden. Nach einer kurzen Phase der Unruhe setzte sich schließlich der Ansatz eines bereichsübergreifenden Master Data Managements durch. Anbieter jeglicher Couleur reklamierten für sich, in ihrem MDM-Hub könne jede beliebige Art von Daten gespeichert werden, egal ob diese Hubs nun tatsächlich dafür ausgelegt waren oder nicht.

Allerdings gibt es bei Stammdaten keine One-Size-fits-all-Lösung, denn die verschiedenen Arten von Daten müssen auch jeweils unterschiedlich behandelt werden. Zum Beispiel haben Kundendaten zwar eine relativ einfache Struktur, doch in einem am Endverbraucher orientierten Geschäft wie dem Handel können riesige Mengen Kundendaten anfallen. In einer enorm großen Datenmenge können dann zum Beispiel Dubletten in den Adressdatensätzen für eine Firma schnell zum Alptraum werden, zumal sich dieser Problemstellung nur eine Reihe von Datenqualitätsspezialisten widmen und dafür entsprechende IT-Tools entwickelt haben.

Bei Produktdaten ist die Datenmenge üblicherweise geringer ist als bei Kundendaten, doch ihre Komplexität ist deutlich größer, denn in Produktstammdaten werden häufig umfassende Hierarchien verwaltet. Hinzu kommt noch, dass Core-Stammdaten in vielen Fällen Textdateien abgelegt werden, die nur wenig strukturiert sind, sodass eigens eine Software für das Auslesen und die Klassifizierung dieser Daten benötigt wird.

Trotz dieser Probleme haben MDM-Anbieter wie auch Systemintegratoren weiterhin die Idee verkauft, dass es sich bei Stammdaten um eine zentrale Infrastrukturkomponente handelt, mit der sich die über die Geschäftsbereiche, geografischen Grenzen und Domänen hinweg verteilten Daten verknüpfen lassen. Solch ambitionierte Großprojekte, vor allem in international agierenden Konzernen, sind häufig gescheitert. Die Ursache dafür waren nicht allein die damit verbundenen technischen Herausforderungen, sondern ebenso die internen Widerstände, weil die Manager bestehende Arbeitsweisen und Abläufe nicht ändern wollten. Sie waren glücklich mit den Prinzipien der Standardisierung und das solange sie der Meinung waren, dass auch jeder andere genau das tut was sie gerade machen.

Als Reaktion auf die Fehlschläge in MDM-Projekten, die unternehmensintern eine Leuchtturmfunktion haben sollten, wurde schließlich das Data-Governance-Konzept erschaffen oder besser gesagt neu etikettiert. Unternehmen haben im Rahmen von Master-Data-Initiativen dann Ausschüsse mit Business-Usern gebildet, die Standards für internationale Produktcodes oder globale Kontenstrukturen entwickeln und umsetzen sollten. Zugleich beauftragten sie spezielle Datenarchitekten (Data Stewards) damit, Datenprobleme zu identifizieren und darüber zu wachen, dass die Endanwender internationale Normen einhalten.

In der Zwischenzeit waren die Anbieter von Software für die Datenintegration auf den Geschmack gekommen und wollten auch ein Stück vom MDM-Kuchen abhaben. Die Folge war eine weitere Übernahmewelle. Tibco kaufte Velosel, Informatica schnappte sich Siperian und die Software AG verleibte sich Data Foundations ein.

Einige Anbieter tätigten sogar mehrere Zukäufe: So übernahm IBM zusätzlich zu DWL noch die Firmen Trigo, Initiate und Informatica erweiterte sein MDM-Portfolio durch die Akquisition der Firma Heiler Software. Darüber hinaus erscheinen auch immer wieder neue Start-ups auf der Bühne, wie etwa VisionWare, die vorwiegend auf regionale Märkte fokussiert sind und sich auf ein vertikales Marktsegment spezialisiert haben. Andere Firmen wie der Produktdatenspezialist Stibo Systems konzentrieren sich wiederum auf eine spezielle Datendomäne.

Die Erfolgsrate bei MDM-Projekten steigt

Und wie sieht der MDM-Softwaremarkt heute aus? Durch das Aufkommen von Data-Governance-Konzepten hat sich die Erfolgsrate bei MDM-Projekten verbessert. Eine Umfrage, die meine Beratungsfirma Information Difference ausgeführt hat, zeigt, dass Mitte 2011 82 Prozent der Umfrageteilnehmer ihre MDM-Initiativen als erfolgreich einstufen, verglichen mit nur 25 Prozent im Jahr 2008. 

Außerdem hat sich der Anteil der Firmen, die MDM umfassend etabliert haben auf 23 Prozent erhöht und somit seit 2008 nahezu verdoppelt. Ein großes Problemfeld, das es noch zu lösen gilt, ist weiterhin die große Anzahl an IT-Systemen, in denen Stammdaten generiert werden. Den Umfragen zufolge gab es 2008 in Unternehmen im Durchschnitt 15 IT-Lösungen, in denen Stammdaten erzeugt wurden. An dieser Situation hat sich bis Mitte 2013 nichts geändert.

Im Lauf des vorletzten Jahres haben die Geschäfte der MDM-Softwareindustrie die Milliarden-Dollar-Grenze durchbrochen. Das Umsatzvolumen der mit MDM verbundenen Systemintegrationsprojekte übersteigt diesen Betrag noch um das Vierfache. Trotz der zahlreichen Übernahmen und Akquisitionen tauchen im MDM-Markt in den letzten Jahren immer wieder neue Anbieter auf. Aktuelle Beispiele sind Pitney Bowes, Semarchy, InfoTrellis oder Verdantis. Offensichtlich ist der MDM-Markt also noch lange nicht gesättigt.

Aktuelle Diskussionen, die ich geführt habe, deuten vielmehr darauf hin, dass in Unternehmen das Interesse an MDM signifikant gestiegen ist. Treiber sind ERP-Konsolidierungsprojekte, bei denen sich die gewünschten Erfolge nicht so recht einstellen wollen, und in einigen Branchen auch Compliance- sowie Risiko-Management-Initiativen.

Über den Autor:
Andy Hayler ist ein Strategy Consultant bei Software- und Risikokapitalfirmen. Er hat mitunter die Firma Kaliko gegründet, die sich unter seiner Führung zum weltweit am schnellsten wachsenden Business-Intelligence-Anbieter des Jahres 2001 entwickelte. Er war zudem in Red Herring’s „Top 10 Innovators of 2002“ als einziger Europäer vertreten.

Folgen Sie SearchEnterpriseSoftware.de auch auf Twitter, Google+ und Facebook!

Erfahren Sie mehr über Enterprise Resource Planning (ERP)

- GOOGLE-ANZEIGEN

ComputerWeekly.de

Close