Regulatorische Veränderungen und technologische Fortschritte prägen die Nachhaltigkeitstrends für 2026, darunter KI, Klimarisiken, Rechenzentren, Kreislaufwirtschaft und ROI.
Für die Nachhaltigkeit von Unternehmen im Jahr 2026 ist ein Ansatz erforderlich, der über die reine Einhaltung von Vorschriften hinausgeht und greifbare Ergebnisse liefert.
Laut Anuj Shah, Leiter für verantwortungsbewusstes Investieren bei der Beratungsfirma Grant Thornton Stax, prägen neue Technologien, Klimarisiken und der Energiebedarf von Rechenzentren die Nachhaltigkeitsstrategien für 2026. Unternehmen verlagern ihren Fokus von allgemeinen, auf die Einhaltung von Vorschriften ausgerichteten Verpflichtungen hin zu umsetzbaren, ROI-orientierten Initiativen.
Zu den wichtigsten Trends im Bereich der Unternehmensnachhaltigkeit, die 2026 zu beobachten sein werden, gehören:
Diese Top-Trends können Führungskräften dabei helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen, Ressourcen effektiv zuzuweisen und Nachhaltigkeitsprogramme zu entwickeln, die einen echten Mehrwert für das Unternehmen und seine Stakeholder bieten.
1. KI-Analyse und Datenmanagement
Unternehmen haben oft Schwierigkeiten, klare Erkenntnisse zur Nachhaltigkeit zu gewinnen, da sie für die Berichterstattung große Datenmengen aus unterschiedlichen Quellen sammeln und analysieren müssen. Generative KI kann große Datensätze jedoch schnell verarbeiten und umsetzbare Erkenntnisse generieren, um den Berichtsprozess zu optimieren. Sie ermöglicht es Unternehmen, Nachhaltigkeitsdaten intuitiver zu navigieren, die Entscheidungsfindung zu verbessern und die Transparenz zu erhöhen.
„Noch vor drei Jahren habe ich für Kunden eine Art von Arbeit erledigt, für die mein Unternehmen etwa vier Wochen gebraucht hat. Mit KI kann ich genau dieselbe Analyse jetzt in 30 Sekunden durchführen“, sagt Shah.
2. Klimarisiko
Das Klimarisiko, also die potenziellen Schäden und negativen Auswirkungen des Klimawandels, hat für Unternehmen im Jahr 2026 höchste Priorität. Physische Gefahren wie Hurrikane, Waldbrände, Überschwemmungen und steigende Meeresspiegel bedrohen nämlich zunehmend den Betrieb und die Lieferketten. Unternehmen sehen sich mit wachsenden Herausforderungen konfrontiert, darunter Schwierigkeiten bei der Absicherung in Hochrisikogebieten. Auch wenn Naturereignisse wie Stürme, Hochwasser oder Erdbeben im deutschsprachigen Raum nicht mit derselben Intensität und Häufigkeit wie in anderen Weltregionen auftreten, verursachen sie dennoch immer wieder Schäden in Milliardenhöhe. Ein Blick auf den CEDIM Risk Explorer Germany lohnt sich daher.
Das treibt die Nachfrage nach fortschrittlichen KI-Tools voran, mit denen sich klimabezogene Risiken effektiver bewerten und managen lassen, so Abhijit Sunil, Senior Analyst bei Forrester Research.
Ein besonderes Verständnis von Klimarisiken ist für Infrastrukturprojekte wie die Einrichtung von Rechenzentren von großer Bedeutung. Wenn Unternehmen die langfristige Gefährdung durch physische Risiken verstehen und bewerten, können sie diese kritischen Vermögenswerte schützen und einen unterbrechungsfreien Betrieb über Jahrzehnte hinweg aufrechterhalten.
Über die Identifizierung der mit einem bestimmten Standort und seinem Klima verbundenen Risiken hinaus kann KI Unternehmen dabei helfen, das Restrisiko – also das nach der Risikominderung verbleibende Risiko – auf allen Betriebsebenen zu berechnen. John Armstrong, CTO bei Worldly, einem Unternehmen, das Software zur Messung der Nachhaltigkeit anbietet, fügt hinzu: Bislang war die Messung des Restrisikos mit langen Verzögerungen verbunden, da Unternehmen Monate oder Jahre warten mussten, um die Auswirkungen ihrer Maßnahmen zu sehen. KI kann jedoch Ergebnisse im Voraus prognostizieren und so die Risikoberechnung beschleunigen.
3. Saubere Energie für Rechenzentren
Obwohl KI in der Lage ist, Nachhaltigkeitsdaten zu analysieren und Risiken vorherzusagen, benötigt sie für ihren Betrieb erhebliche Mengen an Energie, die zum Großteil aus schädlichen fossilen Brennstoffen gewonnen wird. Als Reaktion darauf überdenken Nachhaltigkeits- und Unternehmensführer derzeit, wie Rechenzentren so mit Energie versorgt werden können, dass ihre Auswirkungen auf die Umwelt minimiert werden.
Unternehmen investieren sowohl in Rechenzentren als auch in das gesamte Energieökosystem, so Sunil. Beispielsweise setzen immer mehr Betreiber von Rechenzentren Technologien wie Flüssigkeitskühlung ein, um die Energieeffizienz zu verbessern und den Energieverbrauch zu senken. Unternehmen beschaffen außerdem mehr erneuerbare Energien und erwerben Zertifikate für erneuerbare Energien. Diese marktbasierten Instrumente belegen, dass die Erzeuger saubere Energie produziert haben. Auf diese Weise können die Unternehmen ihre Ziele im Bereich saubere Energie erreichen. Steuerliche Anreize und die Notwendigkeit einer zuverlässigen Energieversorgung – insbesondere, um den wachsenden Anforderungen der KI gerecht zu werden – treiben diese Bemühungen voran.
Gleichzeitig haben viele Unternehmen laut Sunil erkannt, dass sie über die Experimentierphase der KI hinausgehen müssen. Ab 2026 werden sie sich von schnellen KI-Experimenten abwenden und stattdessen praktischere und stabilere Anwendungsfälle für KI entwickeln. Diese Verlagerung wird ihnen dabei helfen, den Strombedarf von Rechenzentren effektiver zu steuern.
4. Die Kreislaufwirtschaft
Die Kreislaufwirtschaft ist ein Wirtschaftsmodell, das Recycling und Wiederverwendung in den Vordergrund stellt. Laut Sunil gewinnt sie als Bestandteil der Unternehmensnachhaltigkeit im Jahr 2026 zunehmend an Bedeutung. Sie umfasst Strategien zur verstärkten Verwendung von recycelten Materialien, zur Entwicklung von Produkten zur Wiederverwendung und zur Umsetzung von Rücknahmeprogrammen für eine verantwortungsvolle Entsorgung von Geräten am Ende ihrer Lebensdauer.
Über die Vorteile für die Umwelt hinaus helfen Praktiken der Kreislaufwirtschaft Unternehmen, Kosten zu senken, die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette zu verbessern und die wachsende Nachfrage der Verbraucher nach nachhaltigen Produkten zu befriedigen. Viele Branchen, darunter Elektronik, Konsumgüter und Infrastruktur, treiben Kreislaufinitiativen aktiv voran und setzen neue Tools ein, wie etwa Software zur Bewertung des Produktlebenszyklus und zur Verfolgung des CO₂-Fußabdrucks.
Im Vergleich zu Netto-Null- oder CO₂-Reduktionszielen geben immer mehr Unternehmen an, sich für die Kreislaufwirtschaft einzusetzen.
Abhijit SunilSenior Analyst, Forrester Research
Diese Tools messen den CO₂-Fußabdruck – die gesamten Treibhausgasemissionen, die mit den Materialien und der Herstellung eines Produkts verbunden sind – und analysieren Materialflüsse, die verfolgen, wie Ressourcen durch Produktion, Nutzung und Entsorgung fließen. Das Verständnis dieser Faktoren hilft Unternehmen, Möglichkeiten zur Reduzierung von Abfall und Emissionen zu identifizieren. Dies bildet den Kern der Kreislaufwirtschaft.
„Im Vergleich zu Netto-Null- oder CO₂-Fußabdruck-Reduktionszielen geben immer mehr Unternehmen an, sich für die Kreislaufwirtschaft einzusetzen, da dies ein breites Spektrum an Maßnahmen umfasst, die Unternehmen ergreifen können“, so Sunil.
5. Stärkere Fokussierung auf den ROI
Unternehmen stehen zunehmend unter dem Druck von Investoren, Private-Equity-Eigentümern und Stakeholdern, konkrete finanzielle Erträge aus ihren Nachhaltigkeitsinitiativen nachzuweisen. Daher müssen sie ihre Bemühungen um ökologische und soziale Nachhaltigkeit direkt mit Kennzahlen zur Unternehmensleistung verknüpfen, wie zum Beispiel Kosteneinsparungen, Umsatzwachstum, Risikominderung und langfristige Resilienz.
Vorschriften wie die EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung verlangen von Unternehmen, Dutzende von Angaben zu Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) zu machen – von denen die meisten keinen direkten Bezug zum ROI haben. Dazu gehören beispielsweise die Gesamtmenge der Treibhausgasemissionen und die Recyclingquoten. Infolgedessen behandeln viele Unternehmen Nachhaltigkeit als eine Art Abhakübung zur Einhaltung von Vorschriften.
Im Jahr 2026 werden Unternehmen jedoch zunehmend über die reine Einhaltung von Vorschriften hinausgehen und Nachhaltigkeitsprojekte mit dem ROI verknüpfen, so Shah. Beispielsweise identifizieren Unternehmen kleinere Sätze ergebnisorientierter Kennzahlen wie Energiekosteneinsparungen oder Einnahmen aus nachhaltigen Produkten, die die Wertschöpfung widerspiegeln.
Mehrere Faktoren treiben diesen Trend voran. In den USA hat die politische Polarisierung die Skepsis und den Widerstand gegen ESG- und Nachhaltigkeitsbemühungen geschürt. Das veranlasst Unternehmen, messbare geschäftliche Vorteile hervorzuheben, um ihre Programme zu rechtfertigen.
In Europa hingegen rollt die EU aufgrund von Bedenken hinsichtlich bürokratischer Belastungen und Kosten Vorschriften zurück. So hat das Europäische Parlament im November 2025 beschlossen, den Umfang der Nachhaltigkeitsberichterstattung erheblich einzuschränken. In den USA und der EU gibt es eine Konvergenz der Dynamik, die eine gemeinsame Forderung hervorbringt: Nachhaltigkeit muss sich von einer bloßen Checkbox-Compliance zu einem nachweisbaren Wert entwickeln.
„Wir haben dieses hoch politisierte Umfeld in den USA, aber wir haben auch dieses Deregulierungsumfeld, das sich in der EU abzeichnet, und beide Teile der Welt sagen, dass wir uns auf den Wert konzentrieren müssen“, sagt Shah.