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Memory of Mankind archiviert Informationen für Jahrtausende

Ein ambitioniertes Archivierungsprojekt in Österreich will die größte Zeitkapsel der Welt darstellen und Informationen auch in tausenden von Jahren noch verfügbar und lesbar machen.

In einer Zeit, in der fast alles digital gespeichert wird – auf Festplatten, optischen Medien oder SSDs – besteht die Gefahr, dass genau diese Erinnerungen und Dokumente mit der Zeit verloren gehen. Formate werden obsolet, Hardware veraltet und Daten gehen verloren. Gegen dieses digitale Vergessen will das Projekt Memory of Mankind (MoM) angehen. Das Archivierungsprojekt wurde 2012 ins Leben gerufen und will Informationen, Geschichten, Dokumente und Alltagserinnerungen aus unserer Gegenwart so konservieren, dass sie selbst nach Hunderten, Tausenden oder gar einer Million Jahre noch lesbar sind.

MoM versteht sich dabei nicht als klassisches Staats- oder Nationalarchiv, sondern als weltweit offene Zeitkapsel, an der sich jeder beteiligen kann. Jede Person kann eigene Texte, Bilder oder Zitate beisteuern. Damit soll eine kollektive Momentaufnahme unserer Zeit entstehen, dass aus zahlreichen unterschiedlichen Perspektiven besteht.

Die Technik dahinter: Wie wird gespeichert und gelesen?

Die zentrale Innovation von MoM liegt in der Wahl des Speichermediums: Anstatt auf digitale Medien zu setzen, nutzt MoM keramische Datenträger. Dies sind quasi zeitlose Tafeln aus Hochleistungskeramik, auf die Texte und Bilder eingebrannt werden. Die Darstellungsweise ist analog, Texte werden als Buchstaben und Bilder als Fotos abgebildet.

Mom nutzt zwei Verfahren für die Aufzeichnung. Zum einen den Druck mit keramischen Farben für Fotos und Illustratoren, zum anderen die Nutzung des eigens entwickelten keramischen Mikrofilms (Tafeln) für Text und einfarbige Grafiken. Hierfür wird der Text stark verkleinert, um Kapazität zu sparen. So passen letztlich fünf Millionen Zeichen auf eine Tafel.

Um künftigen Generationen das Lesen zu ermöglichen, bewahrt MoM zudem umfangreiche bildliche Erklärungen (Pictionary) sowie sprachtheoretische Dokumente wie Wörterbücher auf.

Diese keramischen Tafeln sind extrem unempfindlich: Sie überstehen Wasser, Säuren, Feuer, Hitze, Druck, Strahlung und chemische Einflüsse, die digitale Medien typischerweise in Jahrhunderten unlesbar machen würde. Damit birgt jede Information das Potenzial, über Jahrhunderte oder sogar bis zu einer Million Jahre erhalten zu bleiben, so zumindest der Anspruch des Projekts.

Der Aufbewahrungsort muss stimmen

Für die langfristige Lagerung benötigt ein solch ambitioniertes Projekt auch den richtigen Aufbewahrungsort, der so gut wie möglich von äußeren Einflüssen abgeschirmt ist. Dafür nutzt MoM die geologischen Vorteile eines außergewöhnlichen Ortes: Das Archiv befindet sich tief im Hallstätter Salzbergwerk in Österreich — der ältesten, kontinuierlich betriebenen Salzmine der Welt, Teil des Hallstatt‑Dachstein/Salzkammergut UNESCO-Weltkulturerbes. Dort sorgt die trockene, salzhaltige Umgebung dafür, dass die keramischen Tafeln vor Feuchtigkeit und Umweltveränderungen geschützt sind. Dies sind ideale Bedingungen für ein Langzeitarchiv.

Damit das Archiv eines Tages überhaupt gefunden werden kann, etwa in Jahrhunderten oder Jahrtausenden, werden für jede Teilnahme sogenannte Token ausgegeben. Das sind kleine keramische Scheiben, die mit Landmarken und geographischen Hinweisen die Position des Archivs markieren. So soll ein Pfad zur Entdeckung gesichert sein, falls zukünftige Generationen oder Zivilisationen je danach graben.

Welche Inhalte archiviert MoM?

Das Spektrum der Inhalte im MoM-Archiv ist bewusst breit und inklusiv gestaltet und in drei Kategorien eingeteilt.

Die erste soll automatisch Inhalte sammeln und in Zusammenarbeit mit Zeitungsredaktionen die wichtigsten täglichen Leitartikel speichern.

Die zweite Kategorie umfasst Informationen, die von Institutionen ausgewählt wurden, beispielsweise renommierte Preise, Dissertationen oder andere wissenschaftliche Publikationen. Sie sollen Verständnis für unsere Zeit und unser Wissen schaffen, zum Beispiel mittels Beschreibungen technologischer Errungenschaften und gesellschaftlicher Entwicklungen.

Bei der dritten Kategorie handelt es sich, wie oben bereits erwähnt, um Inhalte, die von Privatpersonen beigesteuert werden, entweder als kostenlose Textbeiträge oder als Tafel, die jeder einzelne erwerben kann.

Damit soll nicht nur das große Wissen aus Wissenschaft, Literatur oder Philosophie erhalten bleiben, sondern auch die Vielfalt kultureller, gesellschaftlicher und individueller Erfahrungen unserer Epoche. So entstehen nicht bloß technische oder wissenschaftliche Schemen der Gegenwart, sondern ein vielschichtiges Archiv unserer kollektiven Identität.

Den Informationsschatz finden

Wer ein so langfristiges Projekt plant, muss auch an die Möglichkeit des Auffindens und an die eigene Zielgruppe denken, auch wenn dies etwas abwegig scheint. Die Projektverantwortlichen sehen ihr Archiv als eine Art Schatz, der eine entsprechende Karte benötigt, damit er von nachfolgenden Generationen gefunden werden kann.

Dafür hat MoM Token erstellt, die mit bildlichen Darstellungen wie Landmarken den Lagerort beschreiben und auffindbar machen sollen. sie markieren Standort und Zugang und sind so gedacht, dass künftige Finder mit einem technischen Niveau mindestens vergleichbar mit dem heutigen in der Lage sein könnten, das Archiv zu entdecken und zu entziffern.

Abbildung 1: Das Archiv soll mit Hilfe einer Art Schatzkarte von künftigen Generationen gefunden werden. (Quelle Memory of Mankind)
Abbildung 1: Das Archiv soll mit Hilfe einer Art Schatzkarte von künftigen Generationen gefunden werden. (Quelle Memory of Mankind)

Nur wer ein entsprechendes Wissen mitbringt, kann diese Schatzkarten dekodieren, was uns zur Zielgruppe bringt. Das Archiv speichert Informationen in einer Art und Weise – analog – dass sie von Personen gelesen werden können, die zumindest auf einem vergleichbaren technischen Stand sind wie unsere Gesellschaft. Dabei geht das Projekt davon aus, dass sich jede Gesellschaftsform, die auf dem Prinzip von Ursache und Wirkung agiert, sich für die Historie ihrer Vorfahren interessiert.

Darüber hinaus kooperiert MoM mit anderen Einrichtungen, die Informationen über unsere Zeit auch an Stellen im Sonnensystem wie den Lagrange-Punkten hinterlegt. So soll auch extraterrestrischen Lebensformen der Zugang zu unserer Vergangenheit ermöglicht werden.

A 1.000 Books for a Million Years

Ein Unterprojekt von MoM ist, 1.000 Bücher für Millionen Jahre aufzubewahren. Hier will das Archiv eine Auswahl der wichtigsten und bedeutendsten Literaturwerke auswählen und auf den keramischen Tafeln vorhalten. Dabei kann jede Privatperson seine eigenen Vorschläge einbringen. Nicht nur individuelle Empfehlungen werden bei der Auswahl beachtet, sondern auch Bestsellerlisten, Universitätsratschläge oder Zitat, um eine möglichst repräsentative Auswahl zu erreichen.

Mit dieser literarischen Zeitkapsel entsteht eine Art Bücherregal der Menschheit. Dieser Teil des Archivs soll verdeutlichen, wer wir waren, was wir dachten, was uns bewegte. Anders als bei rein institutionellen Archiven geht es nicht nur um große Werke, sondern auch um alltägliche Geschichten, persönliche Erinnerungen und vielfältige Stimmen — damit unsere künftigen Nachfahren nicht nur technische oder politische Fakten finden, sondern das Gefühl unserer Zeit nachvollziehen können.

MoM als gesellschaftliches Langzeitgedächtnis

MoM zielt auf ein zentrales Problem unserer Zeit ab: dass digitale Daten vergänglich sind. Was heute selbstverständlich gespeichert erscheint — Emails, Fotos, Blogs, wissenschaftliche Artikel — könnte in wenigen Jahrzehnten unlesbar sein. MoM bietet dem einen Gegenentwurf: Analoge, physische Datenträger mit maximaler Haltbarkeit.

Gleichzeitig erweitert das Projekt den Blick darauf, was wir für wichtig erachten, nicht nur politisches oder wissenschaftliches Wissen, sondern auch Alltagsgeschichten, individuelle Biografien und kulturelle Vielfalt. So entsteht eine demokratische Erinnerungskultur, in der nicht Institutionen, sondern Menschen selbst entscheiden, was weitergegeben wird.

Gleichzeitig bleibt offen, wie wahrscheinlich es ist, dass das Archiv jemals gefunden oder verstanden wird, insbesondere wenn zukünftige Gesellschaften einen völlig anderen kulturellen oder technologischen Kontext haben. Doch gerade diese Ungewissheit macht für viele den Wert eines solchen Projekts aus: Als bewusster Akt des Erinnerns und der Demut gegenüber der Zukunft.

Auf einen Blick: Memory of Mankind

Memory of Mankind (MoM) ist ein langfristiges Archivierungsprojekt im österreichischen Salzbergwerk Hallstatt, das Informationen, Geschichten und Dokumente unserer Zeit für Tausende bis Millionen Jahre bewahren soll. Texte und Bilder werden auf extrem haltbare keramische Tafeln gebrannt und tief unter Tage gelagert. Jeder kann Inhalte beisteuern, von persönlichen Erinnerungen bis zu wissenschaftlichen Texten. Mit dem Programm „A Thousand Books for a Million Years“ sollen außerdem die 1.000 bedeutendsten Bücher unserer Gegenwart dauerhaft gesichert werden. Gründer des Projekts ist der österreichische Keramiker Martin Kunze. Ziel ist es, eine vielfältige, analoge Zeitkapsel zu schaffen, die zukünftigen Generationen ein authentisches Bild unserer Epoche vermittelt.

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