Wohin bewegt sich ERP-Technologie: In die Sackgasse oder in alle Richtungen?

Inhouse, Cloud oder ein Mix? Bei ERP-Systemen geht die Reise in Richtung hybride Bereitstellungsmodelle. Doch dabei warten große Herausforderungen.

Der Mix aus On-Premise- und cloud-basierten Business-Anwendungen, den langfristig planende IT-Manager im Auge haben, könnte bald Realität sein. Wenn die Analysten Recht behalten, werden ERP-Systeme künftig weiter "dekonstruiert": Sie werden aufgeteilt in eine verteilte Umgebung, bei der die Anwendungen nur noch lose miteinander gekoppelt sind und die vor allem in der Cloud laufen. Das neue Enterprise-Resource-Planning- (ERP-) System ist zudem mobil und verfügt über integriertes Analytics-Know-how zur Entscheidungsunterstützung.

Der ERP-Mix ist entscheidend

Diese Möglichkeiten lösen viele Probleme, bringen allerdings auch neue Herausforderungen bei der Integration von Daten und Anwendungen. "Für mich gibt es keinen Zweifel, das wird die Zukunft sein", sagt Scott Fenton , Vice President und CIO bei Wind River, einem Hersteller von Software für Embedded Systems. "Die ERP-Systeme brechen auseinander. Sie ziehen um in die Cloud."

Fenton, der schon 25 Jahre Berufserfahrung bei Tech-Unternehmen hat, konnte in seiner Laufbahn die komplette ERP-Entwicklung beobachten. Zu Beginn seiner Karriere war ERP ein einzelnes On-Premise-System zum Verfolgen von Fertigungsressourcen, Bestellungen und Finanzen. Heute sind ERP-Systeme zersplittert in eine ganze Reihe von Anwendungen mit nur minimaler Verbindung zum Buchhaltungssystem.

"ERP war früher der Kern meines IT-Geschäfts", sagte Fenton. "Das ist es jetzt überhaupt nicht mehr. ERP ist in den Hintergrund getreten." Der CIO debattiert jedes Jahr mit dem Management, ob Wind River sein On-Premise-ERP in die Cloud upgraden soll. Die Kosten sind dabei ein wichtiger Anreiz für den Cloud-Umstieg. "Ich möchte Ihnen ungern sagen, wie hoch meine Support-Kosten für einige meiner Unternehmensanwendungen sind", sagte er.

Wie bei vielen anderen Anwendern hält die Hybrid-Architektur von Wind River kritische Legacy-Anwendungen und -Daten in der Firma, während Standard-Services oder neueste Technologien in die Cloud ausgelagert werden. Als On-Premise-Anwendung wurde die Oracle E-Business Suite 11.x für die zentralen Finanzen, die Personalverwaltung und den Einkauf eingeführt sowie Oracle Hyperion Financial Management für die Finanzplanung. Gehaltsabrechnungen lagert das Unternehmen an den Personal-Dienstleister ADP aus. In die Cloud gewandert sind SAP Successfactors, Gehalts-Tools, Anaplan Budgetierung und das Jive Enterprise Social Network (ESN).

Was die Cloud möglich macht

Bei der Frage nach der ERP-Zukunft sind sich Analysten, Systemintegratoren, ERP-Anbieter und Anwender weitgehend einig, dass die aktuellen Cloud-, Social-, Mobile- und Big-Data- Trends die Haupttreiber der ERP-Transformation in der nächsten Dekade sind. Die Veränderungen werden ERP-Anbieter und Anwender zwingen, ihre Entwicklungsanstrengungen den neuen Bedürfnissen nach nutzerorientierten Apps und Business-Prozessen auszurichten, die nicht gut mit Legacy-Systemen umgehen können.

Von den vier Technologie-Säulen, die IDC ausgemacht hat - Cloud-, Social, Mobile und Big-Data - ist die Cloud der Motor für alle anderen, erklärte Michael Fauscette , Group Vice President bei IDC. “Das ist die radikalste Veränderung, aber auch die natürlichste Art der Revolution , so Fauscette. Aber im Gegensatz zum letzten Übergang vom Mainframe auf Client-Server-Systeme wird die ERP-Cloud-Migration kein „entweder - oder“ sein - vor allem nicht in großen Organisationen. Stattdessen wird sich das künftige ERP vermischen und sowohl als Private- als auch Public-Cloud-Service betrieben werden. Und es wird weiterhin ERP-Applikationen geben, die Inhouse bleiben.

Damit die Umstellung auf die Cloud aber wirklich klappt, brauchen die neuen Plattformen mehr Funktionen, sagte Fauscette, einschließlich Social-Media-Schnittstellen statt der Enterprise Social Networks, die getrennt von ERP sind. Mobile muss sich auflösen, zu einer Selbstverständlichkeit werden und von jeder Plattform unterstützt werden.

Welche Funktionen am Ende in der Cloud landen hängt davon ab, wie agil die Anwender sein müssen, sagte Jason Averbook, CIO bei Appirio, einem in San Francisco ansässigen Integrator. Averbook unterstützt Unternehmen wie Wind River bei ihren Cloud- , Social- und Mobile-Projekten. Er arbeitete einst bei Peoplesoft, einem Pionier in der Human-Ressources-orientierten ERP, die von Oracle aufgekauft wurde, und wird häufig bei HR-Cloud- und Talentmanagement-Themen zitiert.

"Es gibt eine Reihe von Business-Anwendungen, die zeitlos sind, und es gibt eine Reihe von Business-Anwendungen, die flexibel sind", sagte Averbook . "Ich kann ein Gehaltssystem aus den 60er Jahren laufen haben – in dem Bereich gab es nicht viele Innovationen. Aber wie kann ich Leute anstellen? Wie rechne ich Kosten ab? Das ist nichts, was ERP-Systeme leisten können.”

Averbook prognostiziert, dass monolithische ERP-Systeme durch eine einheitliche Produkt-Suite ersetzt werden - viele davon in der Cloud. Jede davon wird eine wichtige Business-Funktion wie Finanzen oder Marketing abdecken. „Wir werden multiple Clouds haben und wo es Sinn macht integrierte“, sagt er, sowie kleinere "Rand"-Technologien, wie zum Beispiel Personalrekrutierung per Video.

Fenton von Wind River bestätigt, dass ihn der Mangel an Vertriebsfunktionen in der Oracle-Software zum Cloud-Anbieter brachte und zum neuen Oracle Partner Salesforce.com. "Die Fusions-Komponenten sind einfach noch nicht fertig", sagte er über Oracles Haupt-Architektur für neue Anwendungen. Fenton ist überzeugt, dass sich Wind River nicht zurückhalten wird. Er möchte die Mobility-, Service- und Finanzanwendungen von Salesforce.com hinzufügen. Die Integration der Apps kommt fertig aus dem Ökosystem von Salesforce.com, das die enge Beziehung zwischen Wind River Professional Services und dem Verkauf unterstützt, sagte Fenton.

Integration bleibt Stolperstein und Chance

Solche hybriden Bereitstellungsmodelle sind für viele Unternehmen sinnvoll, haben aber ihren eigenen Herausforderungen. "Integration wird sehr, sehr wichtig, weil wir täglich eine Menge Daten bewegen", sagte David Ludlow, Group Vice President Human-Capital-Management- (HCM-) Lösungen bei SAP.

Fenton möchte ebenfalls eine bessere Integration, einschließlich APIs von mehr Anbietern. Appirio’s Averbook erklärt wiederum, dass offene APIs einen besseren direkten Zugriff auf ERP-Daten bieten. Während Normungsgremien theoretisch helfen könnten, bringen sie Anbieter in der Praxis nicht immer dazu, ihnen zu folgen. Unabhängig davon sollte die Integration verbessert werden, wenn die Anwendungen in die Cloud wandern. "Wenn Sie reines Cloud Computing machen ist das Schöne daran, dass nichts angepasst werden muss, die Standard-Integration wird immer funktionieren", sagte Averbook.

Der Analyst Fauscette erwartet, dass mehr Anbieter vorkonfigurierte Business-Prozesse anbieten werden, die das erledigen, was Anwender brauchen. "Wenn ich Ihnen 75% Standard-Service geben würde und Tools, die den Rest abdecken, ist das gut genug ", sagte er. Die Integration unter den Anwendungen können Anbieter ebenfalls cloud-basiert ermöglichen. "Das technische Problem haben wir über Jahre diskutiert und wir sind jetzt soweit, [um es zu lösen]", sagte er - dank der breiten Unterstützung von Serviceorientierten Architekturen (SOA).

Integration spielt auch eine entscheidende Rolle bei Analytics, wo die Daten oft auf In-Memory-Datenbanken aufgeteilt werden. Um ihr Potenzial als ernsthafte Entscheidungshilfe zu realisieren, sagen die Experten, muss Analytics vorausschauend (Predicitive Analytics) und eingebettet in Anwendungen sein - ein Ziel, das ERP -Hersteller erst noch erreichen müssen. Fauscette erklärt allerdings, Oracle hätte diese Analytics-Funktionalität in seine Cloud-HR-Tools bereits integriert. Er sagt  aber auch: "Die meisten Systeme sind nicht so gebaut. Sie sind lediglich für Berichtsfunktionen optimiert."

Fenton mag die dedizierten Business-Intelligence-Tools von Oracle, er sieht aber auch den Wert von Embedded Analytics, da die User die Anwendungen nicht verlassen müssen. In der Zwischenzeit wird Wind River in einem Appirio Integrationsprojekt die gesammelten Informationen in Salesforce.com für die Analyse nutzen können, etwa warum Leads gewonnen oder verloren wurden. Das kann einen positiven Einfluss auf die Produktentwicklung haben, so der CIO von Wind River.

Skizze für ein postmodernes ERP

Der Begriff “Enterprise Resource Planning” wurde in den frühen 90er Jahren vom Marktforschungsunternehmen Gartner eingeführt. Historisch gesehen sind ERP-Systeme aus Programmen für die Produktionsplanung und ‑steuerung hervorgegangen. Die ersten, in den 1960er-Jahren entwickelten Lösungen unterstützten dabei nur die Materialbedarfsplanung (Material Requirements Planning, abgekürzt MRP); sie wurden daher auch als MRP-Systeme bezeichnet.

Mit den später hinzugekommenne Modulen zur Planung und Steuerung anderer Unternehmensbereiche entstanden dann die heute üblichen ERP-Systeme . Gartner hat regelmäßig den Stand der ERP-Technik bewertet und 2013 den Bericht “Develop a Strategic Road Map for Postmodern ERP in 2013 and Beyond veröffentlicht.

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Die Autoren behaupten darin, dass die “Do-it-all” ERP Suiten nicht länger haltbar sind und in “postmoderne" ERP-Systeme dekonstruiert werden. Diese bestehen lediglich aus miteinander verbundenen Anwendungen, wobei die meisten Funktionen in Cloud Services ausgelagert sind oder von Business Process Outsourcern (BPOs) bereitgestellt werden. Hybride Umgebungen werden dabei zur Norm und In-Memory wird in fünf Jahren zum Standard für ERP-Plattform werden - zusammen mit einer weiter verbesserten Mobilität und Analytik. Um mit dieser Entwicklung mitzuhalten, sagen die Gartner-Analysten, brauchen Anwender eine bessere Integration von Unternehmen und Lieferanten.

Doch das ist leichter gesagt als getan. "Niemand hat bis jetzt die Integrations-Herausforderung gemeistert ", erklärte Nigel Rayner, Gartner Research Vice President und Co-Autor des Berichts. Bei den meisten Versuchen, ERP mit anderen Anwendungen zu integrieren, sagte er, ist die Integration "einfach oder es handelt sich um keine ".

Hoffnung machen Technologien wie Business Process Management (BPM). Rayner erinnerte an einen großen Hersteller, der nach einem Eigentümerwechsel feststellen musste, dass das ERP-System seine Bedürfnisse nicht mehr unterstützen konnte, weil das Aufgeben von Bestellungen 15 Minuten dauerte. Die Installation eines Cloud-BPM-Tool brachte eine benutzerfreundliche Oberfläche, und die Mitarbeiter konnten Aufträge in 30 Sekunden abschließen.

Der Gartner-Report sieht die weitere Entwicklung der „Hybriden“ hin zu einem Modell des „Alles auslagern“, das von Business Process Outsourcern (BPOs) dominiert wird. Diese werden die Hauptkonsumenten von ERP und alle Geschäftsprozesse für Unternehmen übernehmen. Alternativ könnten spezielle, differenzierte Prozesse Inhouse entwickelt werden anstatt zu versuchen, sie in die Cloud zu verlagern. Der ERP-Kern wird dann zu einem Standard Cloud-Service werden. Die Umrisse dieser Outsourcing-Verschiebung sind bereits sichtbar. Ariba, ein E-Procurement-Netzwerk, das SAP 2012 erworben hat, beginnt Geschäftsprozesse zu integrieren. Einige BPOs sind bereits als Wiederverkäufer von SAP und Oracle tätig und bieten Software und Services kombiniert, sagte Rayner.

Andere Beobachter, wie Larry Freed, CIO bei Overhead Door Corporation, einem Hersteller von Garagentoren, sehen die Cloud als Integrationsmechanismus. Freed, der sein älteres ERP-System aussortierte und auf die Oracle E-Business Suite umstieg, sagt, dass die cloud-basierte, soziale und mobile Technologie es für kleine und mittlere Händler und Distributoren einfacher machen wird, sich in der "Cloud"-Welt zusammenzutun und Infrastrukur und Geschäfte gemeinsam zu betreiben. "Die meisten KMUs können das nicht", sagte er. " Wir sagen ihnen: Sie kommen in die Cloud. Wir können Ihre Cloud sein.“

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