Oracle versus SAP: Der Kampf um die Vorherrschaft am HR-Markt

SAP und Oracle konkurrieren mit Übernahmen von Softwareanbietern am HR-Markt immer stärker. Am Ende müssen wohl Kunden den Übernahmekampf zahlen.

Der Markt für HR-Software, die in Form von Software as a Service (SaaS) bereitgestellt wird, ist im Umbruch: Das zeigten bereits die Milliarden-Dollar-Akquisitionen von Taleo durch Oracle und von SuccessFactors durch SAP. In beiden Fällen wurde ein Lösungsanbieter aus dem Bereich Human Capital Management (HCM) übernommen, doch die jeweiligen Deals unterscheiden sich fundamental voneinander. 

Das sagen jedenfalls die Experten des US-Beratungshauses Constellation Research. Nach der Übernahme von SuccessFactors durch SAP, erweckte der Kauf von Taleo durch Oracle für 1,9 Milliarden US-Dollar den Anschein einer „militärischen Gegenoperation“.

Anfang Februar 2012 hatte Oracle bekannt gegeben, mit Taleo einen Anbieter SaaS-basierter HCM-Lösungen übernehmen zu wollen. Damit erhält der Konzern von Larry Ellison auch den Zugriff auf rund 5.000 Taleo-Kunden. Einige Experten und Insider meinten, die Akquisition sei eine Antwort auf den Kauf von SuccessFactors durch SAP gewesen, die ebenfalls Cloud-basierte HCM-Lösungen anbieten. Der Walldorfer Softwarekonzern hatte im Dezember 2011 SuccessFactors für 3,4 Milliarden Dollar übernommen.

Obwohl beide Firmenakquisitionen Ähnlichkeiten aufweisen, zeigen die Übernahmen unterschiedliche Muster, meint Yvette Cameron, Vizepräsidentin und Analystin bei Constellation Research: „SAP hat klargemacht, dass SuccessFactors als Geschäftseinheit vollständig in die SAP-Organisation integriert wurde. Der Deal zwischen Oracle und Taleo fühlt sich dagegen eher wie eine Art militärische Übernahme an.“ Cameron machte ihre Bemerkungen zu den Übernahmen im HCM-Sektor im Rahmen eines Webinars der Constellation-Research-Analysten Ray Wang und Frank Scavo.

Wie sind Camerons Aussagen in diesem Fall zu deuten? Sie beobachtet, dass Taleo von Oracle umfassend absorbiert wurde. Obwohl sie und die anderen beiden Analysten zugleich anmerkten, dies bedeute keinesfalls, dass die Bestandskunden von Taleo das Schiff verlassen und zu einem anderen HCM-Anbieter gewechselt sind.

Taleo-Übernahme: Mehr Handlungsspielraum für Kunden bei HCM

Bei jeder großen Übernahme treten in der Regel umgehend die Wettbewerber auf den Plan, die den Kunden des akquirierten Unternehmens einen sicheren Übergang auf ihre eigene Plattform anbieten, wie Frank Scavo feststellt. Bei der Übernahme von Taleo durch Oracle und von SuccessFactors durch SAP sei dies jedoch nicht geschehen. Seiner Erfahrung nach nehmen nur wenige Enterprise-Kunden die Gelegenheit zum Wechsel auch wahr, denn sie müssten einen Kernbereich ihrer Enterprise-Resource-Planning-Infrastruktur (ERP) durch eine neue Lösung ersetzen.

„Es handelt sich um ein schwieriges Terrain, denn schließlich sprechen wir hier von Geschäftslösungen“, sagt Scavo. Zugleich räumt er ein, dass eine solche Übernahme sich negativ auf das Vertriebsgeschäft auswirken kann. Zum Beispiel könnten potenzielle Taleo-Kunden zur Konkurrenz gehen. Was die Bestandskunden angeht, ist Scavo überzeugt, dass im Hinblick auf einen Anbieterwechsel sowohl die kurzfristigen als auch die langfristigen Effekte als gering einzuschätzen sind.

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Das überrascht nicht. Schließlich habe Taleo mehrere Tausend Kunden im Portfolio und genau aus diesem Grund wollte Oracle die Softwarefirma kaufen. Zudem hat Oracle innerhalb der letzten zehn Jahre jede Menge Erfahrung bei Akquisitionen gesammelt, wie beim Kauf von PeopleSoft, Siebel Systems oder Sun Microsystems zu beobachten war. Oracle hat gelernt, Akquisitionen schnell durchzupeitschen und gleichzeitig so viele Kunden wie möglich von der übernommenen Firma an sich zu binden.

Ray Wang hebt wiederum hervor, dass die Übernahmen im HCM-Bereich so ähnlich ablaufen wie wenn jemand sich den letzten freien Sitzplatz in einem Zug oder in der U-Bahn schnappt. Statistiken zeigen, dass die Ausgaben und Budgets für IT-Technologien sich inzwischen immer mehr von der IT-Organisation auf die Business-Seite verlagern. 

Dies zeigt, dass es einen Trend hin zu einem am konsumentenorientierten Einsatz von IT-Lösungen gibt. Diese Entwicklung auf Seite der Unternehmen führt dazu, dass Softwarehersteller inzwischen nicht nur die IT-Organisation als Käufer im Auge haben, sondern sich auch verstärkt auf die einflussreichen Endanwender in den Geschäftsbereichen als Zielgruppe fokussieren.

Scavo ist überzeugt, dass Oracle-Kunden dank der Taleo-Übernahme ein solides SaaS-basiertes Softwareprodukt für die Rekrutierung von Mitarbeitern erhalten haben. Das zeigt auch die Integration mit Oracles ursprünglichlicher HCM-Lösung Fusion HCM. Mit einem mussten bisherige Taleo-Kunden aber in jedem Fall rechnen: Ihre Rechnungen und damit die Gebühren steigen.

„Wenn ehemalige Taleo-Kunden sich darüber wundern, dann sollten sie den Kontakt zu Kunden von Sun Microsystems suchen. Diese waren nämlich in hohem Maße ebenfalls verärgert über die teuren Wartungsverträge von Oracle“, stellt Scavo fest. „Die Firma versteht es wirklich hervorragend, ihre Kunden auszuquetschen.“

Cloud Computing: Gerangel um die Vorherrschaft

Doch der Wettstreit um die Vorherrschaft beim Cloud Computing ist noch lange nicht zu Ende. Um das Cloud-Geschäft weiter zu stärken, verleibte sich SAP kurz nach dem Kauf von SuccessFactors mit Ariba den Betreiber der weltgrößten elektronischen Beschaffungsplattform ein. Ende 2014 übernahm der Softwarehersteller aus Walldorf auch Concur, einen US-Anbieter von Cloud-basierter Software für das Reise-Management und die Reisekostenabwicklung, für rund 6,5 Milliarden Euro. Es war die bislang teuerste Akquisition von SAP.

Rivale Oracle wollte da nicht zurückstehen und gab im September 2014 den Kauf von Micros Systems für 5,3 Milliarden Dollar bekannt. Micros bietet Komplettlösungen für Abrechnung und Verwaltung im Hotel- und Gaststättengewerbe, bei Reiseveranstaltern sowie für Unternehmen der Freizeit- und Unterhaltungsbranche an, die sich auch in Form eines Service aus der Cloud bezogen werden können.

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