Oracle OpenWorld 2016: Viel Marketing – wenig Substanz

Oracle will ein Megaplayer am Cloud-Markt werden. Doch bisher besteht das Angebot vor allem aus gewagten Vergleichen und irreführenden Behauptungen.

Das Motto der diesjährigen Kundenveranstaltung Oracle OpenWorld (OOW) lautete: „Die am schnellsten wachsende Cloud-Company“. Vor allem gegen Amazon Web Services (AWS) hat Oracle CTO Larry Ellison das neue Cloud-Angebot positioniert.

Nicht gerade bescheiden – immerhin ist Amazon mit großem Abstand Marktführer bei den Cloud-Providern – doch Ellison hat schon immer die Sales-Trommel kräftig gerührt, wenn es um neue Märkte oder Konkurrenten ging. Und auch diesmal drängt sich der Eindruck auf, dass Oracle noch einen langen Weg vor sich hat, bis es einen festen Platz am Cloud-Markt einnimmt.

Wie misst man Cloud-Wachstum?

Die Skepsis beginnt schon beim Motto. Dass Oracle „die am schnellsten wachsende Cloud-Firma“ ist, hört sich zwar großartig an, doch Vorsicht ist geboten. Je kleiner eine Firma in einem Marktsegment vertreten ist, umso größer ist in der Regel das Wachstum.

Während es bei kleinen Unternehmen keine Seltenheit ist, wenn in einem Jahr der Umsatz verdoppelt wird, so ist das bei milliardenschweren Unternehmen praktisch nie der Fall (Mega-Akquisition nicht berücksichtigt). Das bedeutet, dass das Motto schon einen Hinweis darauf gibt, dass das Cloud-Geschäft von Oracle noch in der Entwicklungsphase ist.

Hierzu ein paar Zahlen: Im abgelaufenen Quartal hat Oracle 969 Millionen Dollar mit seinen Cloud-Angeboten umgesetzt. Das ist etwa ein Drittel von den 2,9 Milliarden Dollar, die Amazon mit AWS umsetzen konnte. Und trotzt des geringeren Umsatzes lag das Umsatzplus bei Oracle mit 59 Prozent noch knapp unter den 61 Prozent, die Amazon zulegen konnte. Ein Vergleich des Cloud-Umsatzes von Oracle mit denen von Microsoft und Google ist leider nicht möglich, da beide Unternehmen diese Umsätze nicht separat ausweisen.

Nicht in der ersten Liga

„Was immer die Cloud-Umsätze von Microsoft und Google auch sein mögen – sie sind mit Sicherheit deutlich näher an Amazon, als an Oracle. Den Anschein zu erwecken, dass man in der obersten Cloud-Liga mitspielen würde, ist irreführend“, sagt IDC-Analyst Al Gillen über das Veranstaltungsmotto.

Abbildung 1: Larry Ellison, CTO von Oracle, zieht bei der Präsentation der Oracle Cloud-Angebote immer wieder den Vergleich mit Marktführer AWS.

Produkt-Chef Thomas Kurian bestätigte dann auch, dass man das Cloud-Wachstum überhaupt nicht am Umsatz messe. „Unsere Wachstumsrate bezieht sich auf die Zahl der Kunden, die Zahl der Arbeitsplätze und die Zahl der Transaktionen“, sagt er in seiner Keynote und damit entzog er das Motto endgültig allen nachprüfbaren Angaben.

Investitionen und Abwerbung

Dabei ist nicht zu verkennen, dass Oracle erhebliche Investitionen in sein Cloud-Geschäft getätigt hat – und dieses wohl auch weiterhin plant. „Derzeit haben wir weltweit 26 Rechenzentren und unsere Kapazität wird täglich erweitert“, sagt Kurian, ohne nähere Angaben über die Anzahl und die Termine von neuen Rechenzentren zu machen.

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Doch zum Kapazitätsausbau gehört auch das Personal. Im Silicon Valley munkelt man, dass Oracle in den letzten zwölf Monaten über 1000 Cloud-Spezialisten bei Amazon und Microsoft abgeworben hat. Den größten Hinweis darauf liefert Deepak Patil, Chef der Cloud-Infrastruktur bei Oracle. Seit zehn Monaten ist er an Bord. Zuvor war er 16 Jahre bei Microsoft, wo er den Aufbau der Azure-Plattform geleitet hat. „Was wir den Cloud-Experten bei der Konkurrenz anbieten können, ist ein Neuanfang mit einem weißen Planungsblatt – das reizt enorm“, begründet er indirekt seinen Wechsel.

Cloud@Customer – die hybride Hybrid Cloud

Patil erläuterte auch eine besondere Form der Hybrid-Cloud, die sich Oracle ausgedacht hat. Bei Cloud@Customer installiert Oracle seine Cloud-Hard- und Software innerhalb des Kundenrechenzentrums. Oracle managt und betreut diese Infrastruktur genauso wie seine eigenen Cloud-Systeme. Für die Nutzung durch den Kunden fallen nur die gleichen Volumen-abhängigen Kosten an.

Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass diese Systeme hinter der Firewall des Kunden eingerichtet sind und dass auch der Benutzerzugang vom Kunden überwacht werden kann. Ein kleiner Nachteil ergibt sich bei dieser Form der Infrastruktur aber doch: Die Server sind innerhalb des Kunden-RZ installiert. Das heißt, sie belegen dessen Fläche, verbrauchen dessen Strom und benötigen eine vom Kunden bereitgestellte Klimatisierung.

Gesamter Stack: Saas, PaaS und IaaS

Das Cloud-Angebot von Oracle soll alle drei Ebenen umfassen: Software as a Service (SaaS), hier hat man bereits umfangreiche Angebote für die Bereiche ERP, CRM und Personal-Management; Platform as a Service (PaaS), hier verweist man vor allem auf eine leistungsstarke Nutzung der Oracle-Datenbank; und Infrastructure as a Service (IaaS), das in zwei Versionen angeboten wird.

Zunächst nur als echtes Bare Metal, also ohne Virtualisierung, was Performance-Vorteile bringt – lediglich IBM Softlayer bietet derzeit eine vergleichbare Infrastruktur. Später will Oracle auch eine elastische Infrastruktur mit Hypervisor und entsprechenden virtuellen Maschinen (VMs) auf den Markt bringen, also das, was bei AWS Standard ist. Beide Oracle-Plattformen wird es mit Linux, Windows, Solaris und einer Unterstützung der Docker-Container geben. Aus Speicher-Perspektive gibt es Block-, Object- und Archiv-Storage sowie NetBackup von Veritas.

Vergleich mit AWS hinkt

Ellison vergleicht die Leistungsfähigkeit der neuen Oracle-Cloud ausschließlich mit AWS. So bietet Oracles Cloud-Dense IO Shape im Vergleich zu Amazons Cloud I2 8X Large mehr als doppelt so viele Prozessorkerne, doppelt so viel D-RAM und fast fünf Mal so viel SSD Storage.

Doch mit diesem Vergleich werden zwei komplett unterschiedliche Konzepte nebeneinandergestellt. Oracle zielt nach eigenen Angaben auf High-Performance-Computing, wo die hyper-converged Exadata-Maschinen gute Arbeit leisten. Doch der Markt dafür ist klein, deshalb setzt man bei Amazon auf einfache Systeme, deren Anzahl bei Bedarf erhöht werden kann. Zum Beispiel gibt es AWS-Anwender, die Gen-Analysen machen und dafür kurzfristig ein paar Tausend Server nutzen, die sie nach der Analyse wieder freigeben.

Erheblicher Druck vom Markt

Das neue Engagement von Oracle als Cloud-Provider geht laut CEO Mark Hurd auf die Wünsche der Kunden zurück. „Die IT-Budgets bleiben in den kommenden Jahren flach, wogegen die Cloud-Umsätze steigen werden“, sagt er in seiner Keynote.

Abbildung 2: Mark Hurd, CEO von Oracle, zeigt sich in seiner Keynote kämpferisch gegenüber der Konkurrenz.

Doch ein Blick auf die jüngsten Quartalszahlen zeigt, dass die Kunden schon begonnen haben, sich von Oracles On-Premise-Angeboten abzuwenden. Bei den Lizenzen gab es ein Minus von elf Prozent und bei der Hardware sogar einen Rückgang um 20 Prozent. Hier ist also akuter Handlungsbedarf gegeben.

Viel Neues im Cloud-Umfeld

Unterstützt wurde die große Cloud-Strategie durch eine Reihe an Neuankündigungen. Die neue Datenbankversion 12c R2 ist die erste „Cloud-ready“ Datenbank. Sie kann jetzt bis zu 4096 Tenants aufnehmen, die Verteilung über viele Nodes ist jetzt nativer Bestandteil und die In-Memory-Verarbeitung ist zwölfmal schneller als bei Version 1. Hinzu kommen 19 neue Cloud-Dienste, darunter IoT-Applikationen und Anwendungen für Big-Data-Analytics (Hadoop, Spark, Kafka und Essbase).

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Artikel wurde zuletzt im September 2016 aktualisiert

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