Können die Datenbanken von SAP mit denen von Oracle konkurrieren?

SAP will bis 2015 mit aller Macht zur Nummer zwei im Datenbankmarkt aufsteigen. Doch wie realistisch ist die Zielsetzung und wie verhält sich Oracle?

John Matelski, CIO und IT-Director des Gwinnett County im US-Bundesstaat Georgia, ist davon überzeugt, dass SAP-Datenbanken denen von Oracle nicht das Wasser reichen können. Matelski setzt eine Oracle-Datenbank ein und ebenso SAP-Anwendungen. Ob man ein erstklassiges Produkt hat und zugleich Kunden davon überzeugen kann, es auch einzusetzen, sind seiner Meinung nach zwei verschiedene Dinge.

“Ich glaube nicht, dass Unternehmen weder kurzfristig noch auf lange Sicht ihre bisher eingesetzte Datenbankplattform gegen eine andere austauschen werden, da dies mit einem enorm hohen Planungsaufwand verbunden ist“, erläutert Matelski. „Dafür wird im eigenen Haus ausreichend IT-Personal benötigt, das über das nötige Know-how verfügt, um reibungslos umzusteigen.“

SAP will CIOs wie Matelski daher auf andere Art und Weise überzeugen. Mit den Datenbanken von Sybase und neuen Produkten wie der In-Memory-Datenbank SAP HANA will der Softwarehersteller aus Walldorf zur Nummer zwei im Datenbankmarkt aufsteigen. Dass bedeutet: SAP müsste mit seinen Datenbankprodukten sowohl Oracle, Microsoft und IBM überflügeln und kräftig an Marktanteilen gewinnen.

Trotz der Akquisition des Datenbankanbieters Sybase hat SAP im Markt für Datenbanken bisher nur einen Umsatzanteil von rund fünf Prozent. Das geht aus Zahlen der IT-Research- und Beratungsfirma Gartner hervor. Der Marktanteil von IBM und Microsoft liegt demzufolge bei jeweils rund 20 Prozent, und der von Oracle bei nahezu 50 Prozent.

„Der Wechsel auf eine andere Datenbank ist mit zahlreichen technische Maßnahmen verbunden. Dazu zählt auch die Frage, ob nach der Migration die gleiche Systemstabilität erreicht wird wie davor“, sagt Matelski. „Außerdem besteht immer die Sorge, ob eine neue Datenbank als Alternativlösung auch genau die Leistungsfähigkeit hat, die gerade benötigt wird.“

Ein geringerer Preis ist nicht genug

Matelski zufolge braucht es weit mehr als eine Preisunterbietung, um neue Kunden zu gewinnen. Er werde jedoch ein Auge auf die SAP Produkt-Roadmap haben. Allerdings werde es noch eine Weile dauern, bevor die Datenbanken von SAP zu einem Mainstream-Produkt werden. Genau dies sei für ihn einer der Hauptfaktoren, damit eine Migration überhaupt in Frage kommt.

SAP hat demnach noch einen weiten Weg vor sich, bevor man im Datenbanksegment mit Oracle konkurrieren kann, auch im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit. Experten halten das für möglich, aber aus heutiger Sicht ist man diesem Ziel noch nicht nähergekommen. Das bedeutet: Innerhalb der nächsten fünf Jahre kann SAP im Datenbankmarkt durchaus einiges durcheinander bringen.

Donald Feinberg, Analyst für Datenbanksysteme bei Gartner, erklärt, dass die verschiedenen Datenbankprodukte von Oracle und SAP nicht so ausgelegt sind, dass angemessene Vergleiche möglich seien. Man würde daher stets Äpfel mit Birnen vergleichen. Allerdings geht Feinberg davon aus, dass die In-Memory-Appliance SAP HANA das Potenzial dazu hat, als Datenbank die Grundlage für den Betrieb verschiedenster IT-Systeme zu bilden – nicht nur für Business Intelligence (BI) mit dem SAP Business Warehouse (SAP BW).

“SAP-Applikationen werden dagegen niemals auf Oracle Exalytics laufen“, erläutert Feinberg in Bezug auf die In-Memory-Datenbank-Appliance von Oracle. „Dagegen wird nicht SAP BW künftig auf HANA laufen, sondern auch alle anderen transaktionalen SAP-Applikationen – zumindest im Ramp-up.“

Warum diese Information wichtig ist? Das eröffnet HANA vielfältige Perspektiven, in denen die Appliance andere Datenbanken ersetzen kann. Feinberg schätzt, dass 80 Prozent der SAP-Kunden ihre SAP-BW-Installation auf einer Oracle-Datenbank betreiben. Wenn SAP diesen Kunden mit HANA einen alternativen Lösungsansatz bietet, sollte es möglich sein, einige für sich zu gewinnen. Noel Yuhanna, Analyst beim Beratungshaus Forrester Research geht davon aus, dass bis 2015 ein Viertel der SAP-Großkunden bereits HANA einsetzen werden.

Larry Ellison: Hasso Plattner auf Drogen?

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Wer hat die Nase vorn: SAP HANA oder Oracle Exalytics?

Dem widerspricht Oracle. Im Rahmen einer Telefonkonferenz zur Vorstellung der aktuellen Quartalszahlen, wiesen die Verantwortlichen bei Oracle Darstellungen zurück, dass SAP im Datenbankmarkt ernsthaft mit dem eigenen Unternehmen konkurrieren könne. Gründer und CEO Larry Ellison sagt, er würde gern den Namen von Hasso Plattners Apotheker erfahren, weil der SAP-Mitgründer auf „Drogen sein müsse“, wenn er glaube, dass SAP jemals ein ernsthafter Konkurrent für das Datenbankgeschäft von Oracle sein könne.

Und Oracle-Präsident Mark Hurd legte nach, er habe noch nicht viele Käufer von SAP HANA gesehen. Gartner-Analyst Feinberg ist dagegen der Ansicht, dass Hurd und auch Ellison ihre Augen öffnen müssten. „Die von uns erhobenen Zahlen belegen, dass es in den ersten sechs Monaten nach der Markteinführung von SAP HANA bereits deutlich mehr Implementierungsprojekte gibt als bei Oracle Exadata nach einem Jahr.”

Wende durch In-Memory-Datenbanken?

In einem Punkt stimmen jedoch alle überein: Die In-Memory-Datenbank-Technologie wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. CIO Matelski geht davon aus, dass insbesondere in bestimmten Branchen wie der Telekommunikation oder bei der Inneren und Äußeren Sicherheit, welche Echtzeitsysteme benötigen, die In-Memory-Datenbanken zu einem wichtigen Bestandteil in der Systemlandschaft wird. Er glaubt, dass Oracle sich mit dieser Technologie intensiv beschäftigt, was auch durch die Übernahme von TimesTen und die Markteinführung der Exalytics-Appliance belegt werde.

„Oracle vermarktet TimesTen sowohl als eigenständige Datenbank wie auch als In-Memory-Datenbank-Cache für die Oracle-Datenbank. Zugleich wird die Oracle TimesTen In-Memory-Datenbank als Fundament für ein Datenmanagement in Echtzeit angepriesen“, vedeutlicht Matelski.

Larry Ellison hat in den letzten Telefonkonferenzen zugleich immer wieder darauf hingewiesen, dass HANA gegen TimesTen als führende In-Memory-Datenbank einen schweren Stand haben wird, ganz zu schweigen von der Oracle-Datenbank.

Die größten Sorgen bereitet laut Forrester-Analyst Yuhanna bei HANA die Frage, ob sich die Datenbank beliebig auf Dutzende oder gleich hunderte von Terabyte skalieren lässt. Forrester hält das für noch nicht erwiesen. Hinzu kommen noch andere Probleme.

„Obwohl HANA als Datenbank-Management-System (DBMS) für schreibende wie auch lesende Zugriffe verfügbar ist, gibt es zurzeit nur eine Handvoll von Installationen, die tatsächlich beide Aspekte bedienen“, erläutert Yuhanna. „Ich denke, dass die Schreib-Lese-Technologie in HANA noch nicht so weit ausgereift ist, dass diese komplexe SAP-Transaktionen oder eine lineare Skalierung optimal unterstützt. Aber es ist nur eine Frage der Zeit bis diese Einschränkungen überwunden sind.“

Alles in allem wird sich die Kernfrage im Hinblick auf die Konkurrenzfähigkeit von HANA darauf konzentrieren, ob die In-Memory-Appliance neben Business Warehouse auch in Verbindung mit den geschäftskritischen Unternehmensanwendungen von SAP eingesetzt werden kann.

„Wir glauben, dass auf HANA in Zukunft auch transaktionale SAP-Applikationen und möglicherweise auch OLTP-Systeme (Online Transactional Processing) anderer Anbieter sowie BI-Applikationen betrieben werden können. SAP nimmt hier nur langsam Fahrt auf – man hat keine Eile“, verdeutlicht Yuhanna und fügt hinzu: „Oracle kann im Rückspiegel genau sehen wie SAP immer näher kommt.“

Ausblick: Von SAP HANA zu S/4HANA

Inzwischen können alle Anwendungen der SAP Business Suite auf SAP HANA betrieben werden. Hinzu kommt, dass HANA um neue Funktionen etwa für Analysen oder Prognosen erweitert und zu einer Plattform weiterentwickelt wurde, die die Basis für die Entwicklung einer ganz neuen Generation von Anwendungen bildet. Anfang Februar 2015 hat SAP die SAP Business Suite 4 SAP HANA (SAP S/4HANA) vorgestellt. Sie bündelt in einem einzigen Produkt ERP-Funktionen mit den Möglichkeiten, die SAP HANA in Bezug auf Datenverarbeitung und -analyse in Echtzeit bietet.

Das Prinzip der neuen Produktlinie lässt sich am Beispiel der Lösung SAP Simple Finance demonstrieren: Dieses Anwendungspaket enthält sämtliche SAP-Finanzlösungen. Da die Lösung auf SAP HANA läuft, werden OLTP- und OLAP-Anwendungen auf einer einzigen In-Memory-Maschine betrieben, alle Finanzinformationen in einem Repository zentral abgelegt. Die Mitarbeiter von Finanzbuchhaltung und Controlling verfügen also für ihre Transaktionen und Analysen über eine einheitliche Datenbasis (single source of truth).

Da SAP Simple Finance die Daten aus der Finanzbuchhaltung und aus dem Controlling in einem einzigen Beleg zusammenfasst, erübrigt sich auch die aufwendige Konsolidierung aus dem SAP-FI- und dem CO-Modul. Auch beim Buchen von Erlösen, Warenverkäufen oder der Personalabrechnung greifen Finanzbuchhaltung und Controlling auf ein gemeinsames Konto zu. Als nächste dieser Simple-Anwendungen soll im Herbst 2015 SAP Simple Logistics auf den Markt kommen.

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Artikel wurde zuletzt im April 2012 aktualisiert

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