Kann Microsoft Lync eine herkömmliche PBX-Telefonanlage ersetzen?

Mit Lync 2013 macht Microsoft ernst. Ist die Software-basierte Kommunikations-Lösung schon so weit, dass sie gängige PBX-Telefonanlagen ersetzen kann?

Seit mehr als einem Jahrzehnt gehört das Feld der Unified Communications (UC) den traditionellen Telefonie-Anbietern. Microsoft galt in der Kommunikations-Branche bestenfalls als Nischenplayer. Mit Lync 2013 macht Microsoft nun allerdings ernst. Auch das Interesse der Unternehmen an der Plattform ist seit deren Veröffentlichung 2013 gestiegen. Nun ist der Software-Riese dazu bereit, seine Wettbewerber um ihre Marktanteile zittern zu lassen.

Die neueste Version von Microsofts UC- und Collaboration-Plattform ist eng an andere beliebte Produkte des Software-Herstellers angebunden. Hinzu kommt eine gelungene Benutzeroberfläche, die den einfachen Wechsel von einer Chat-Sitzung zu Audio- oder Videokonferenzen erlaubt. 

Microsoft stellt weder Tischtelefone noch raumgebundene Infrastrukturen für Videokonferenzen her. Daher kooperiert das Unternehmen mit anderen Anbietern. Auf diese Weise kann der Konzern ältere Telefonie-Hardwarekomponenten mit flexibler Software ersetzen, die auf handelsüblichen Servern betrieben wird.

Unternehmen sind oft bereits mit anderen Produkten aus der Software-Palette von Microsoft bestückt. Dazu zählen Exchange, Sharepoint, Active Directory und Outlook. Daher sind viele Firmen dazu bereit, den Microsoft-Vertretern zuzuhören, die Lync als Ersatz für die alternde TDM (Time-Division Multiplexer), PBX (Private Branch Exchange / Telefonanlage), IP PBX oder Hybrid-Systeme vermarkten. 

Die Kombination aus Lync 2013 Server, der Virtualisierungs-Plattform Hyper-V von Microsoft und Windows Server 2012 bietet eine flexible Software-Ebene. Diese sitzt oben auf der Technologie, die für ein voll funktionsfähiges IP-basiertes Telefonie-System benötigt wird.

„Das ist definitiv impulsgebend“, bemerkt Irwin Lazar, Vize-Präsident und Leiter des Kundendienstes von Nemertes Research. „Es ist wahrscheinlich der größte Diskussionspunkt mit meinen Kunden.“

Microsoft hat den Trend zur Software-basierten Kommunikation weder initiiert noch ist er der einzige Anbieter, der einen solchen Ansatz verfolgt. Sämtliche großen PBX-Hersteller wie Cisco, Avaya und Mitel wetteifern mit Lync. Alle wollen eine einzige Benutzeroberfläche für Instant Messaging, Audio- und Video-Konferenzen, Online-Zusammenarbeit, und Softphone-Funktionen für PCs, Tablets und Smartphones bereitstellen.

Doch seit 2003 der Live Communications Server, der in erster Linie für Instant Messaging von Unternehmen verwendet wurde, das Licht der Welt erblickte, hat Microsoft den Markt mit einer Reihe von Veröffentlichungen vorangetrieben. Zuerst erschien der Office Communicator Server, dann Lync 2010 und schließlich Lync 2013.

„Sie waren mit Sicherheit Vorreiter für den Einsatz von Software“, sagt Richard Costello, Senior Research Analyst bei IDC. „Ich glaube nicht, dass sie für diese Entwicklung verantwortlich waren, aber sie waren mit Sicherheit ein wichtiger Teil davon“, fügt er an.

Microsofts Hartnäckigkeit hat den Softwaregiganten auf dem Markt für Unified Communications und Collaboration zu einem Mitspieler gemacht. Laut TechNavio wächst der weltweite Markt für Unified Communications 2014 bis 2019 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 14,08 Prozent. Microsoft muss mit der gleichen Beharrlichkeit vorgehen, wenn es auf dem Markt für Unternehmens-Telefonie eine relevante Rolle spielen möchte.

Kann Microsoft die Telefonie knacken?

Die zwei Seiten des Marktes für UC und Collaboration kämpfen gegen unterschiedliche Auffassungen. Die herkömmlichen Anbieter werden in zunehmend softwareorientierten und virtualisierten Data Centern als zu hardwarelastig angesehen. Dagegen muss Microsoft als Neuling zeigen, dass seine Telefonie-Alternative den Ansprüchen von Unternehmen puncto Zuverlässigkeit und Qualität gerecht werden kann.

Herkömmliche PBX-Anbieter versuchen nicht, Lync nachzuahmen. Sie betonen stattdessen die Vorteile ihrer UC- und Kollaborations-Schnittstellen, die eng mit ihrer Hardwarebasis verknüpft sind. Manche Unternehmenskunden bevorzugen es allerdings, wenn ihre Telefon- und UC-Systeme nicht so eng gekoppelt sind. Sie möchten nicht von einem einzigen Anbieter abhängig sein. Andere sind dagegen der Meinung, dass ein einziger Anbieter für UC und alle Telefonie-Komponenten die Wartung und Verwaltung der Kommunikations-Infrastruktur vereinfacht.

Es wird länger dauern als die gut zwei Jahre, in denen die Software nun zur Verfügung steht, um den Nutzwert von Lync 2013 zu beweisen. „Ich kann nicht behaupten, dass ich ein großes Interesse der Unternehmenskunden an den Sprachdiensten von Lync gesehen habe“, sagte Costello. „Ich habe ein gewisses Interesse gesehen.“

Laut Costello schätzt IDC, dass etwa fünf Prozent der Unternehmen weltweit Lync als PBX-Ersatz verwenden. Allerdings weist er auch darauf hin, dass diese Zahl nur eine Schätzung ist, da Microsoft keine detaillierten Statistiken über den Einsatz von Lync veröffentlichen würde.

Lync scheint am besten in Nordamerika anzukommen. Dort hat Nemertes 200 kleine, mittlere und große Unternehmen befragt. Von den Befragten verwenden 13 Prozent Lync als Telefonie-Ersatz.

„Das ist zum Beispiel fast das Äquivalent der neuen Unternehmen, die Avaya eingeführt haben. Aber es sind immer noch deutlich weniger als diejenigen, die zu Cisco gewechselt sind“, sagte Lazar. Cisco hält 23 Prozent des heutigen UC- und Kollaborations-Marktes.

Für 2015 wird allerdings erwartet, dass Microsoft und Cisco in Nordamerika gleiche Marktanteile erreichen. Dahinter wird sich laut Nemertes Research Avaya platzieren können. 

Die Mehrheit der Unternehmen, die heute mit Lync arbeiten, haben bereits Lizenzen für viele Software-Produkte von Microsoft, erklären Analysten. Die meisten dieser Kunden nutzen Lync für Instant Messaging und Webkonferenzen vom Desktop aus.

Cardinal Health, ein 101 Milliarden schweres Gesundheits-Dienstleistungsunternehmen in Dublin, Ohio, erreicht beispielsweise bis zu sieben Millionen Minuten an Webkonferenzen pro Monat auf Lync.

„Lync ist unentbehrlich geworden, soweit es unsere täglichen Abläufe angeht“, bestätigt Ryan Ritter, Geschäftsführer des Bereichs Unified Communications bei Cardinal Health.

Das Unternehmen beschäftigt 24.000 Mitarbeiter und verwendet PBX-Systeme von Cisco, Avaya, Nortel und Siemens. Diese unterstützen herkömmliche Festnetztelefone in 300 Büros und Lagern innerhalb und außerhalb der USA. Das Unternehmen will Lync 2013 als Ersatz für alle PBX-Systeme verwenden. Eine Ausnahme bleiben nur diejenigen, die Gespräche ausschließlich innerhalb einer Anlage weiterleiten, teilte Ritter mit.

Damit heute qualitativ hochwertige Audio- und Web-Konferenzen mit Lync möglich sind, nutzt Cardinal Health den SBC (Session Border Controller) von Acme Packet, um Lync mit  dem SIP (Session Initiation Protocol) Trunking-Service von Verizon Business zu verbinden. Die IP PBX ist auch mit dem SBC verbunden und bietet Interoperabilität zwischen Lync, der IP PBX und den SIP-Trunks. Außerdem werden Sicherheit sowie professionelle Sprach- und Video-Qualität gewährleistet.

Das Unternehmen möchte die Einsatzmöglichkeiten von Lync erweitern. Neben Sprachübertragung und Messaging sind künftig auch Videokonferenzen auf einem großen Bildschirm in einem Konferenzraum geplant. Damit dieser Plan umgesetzt werden kann, wird Cardinal Health mit einem von Microsofts Technologie-Partnern zusammenarbeiten müssen. 

Dieser liefert die nötige Ausrüstung und sorgt für die Integration. Ritter und sein Team testen Produkte verschiedener Anbieter. Darunter befindet sich SMART Technologies, ein Hersteller von interaktiven Whiteboards und kombinierten Produkten von Polycom und Crestron Electronics, die Audio/Video-Steuerungssysteme für Häuser und Geschäfte produzieren.

Die Integration ist entscheidend für den Erfolg von Lync

Wie gut sich Lync als Ersatz für ein herkömmliches Telefonsystem eignet, hängt zu gleichen Teilen von Microsofts Partnern und dem Produkt des Software-Herstellers selbst ab. Das liegt daran, dass Lync zur Weiterleitung von Anrufen aus und in das öffentliche Telefonnetz (PSTN) ein IP-basiertes Telefonsystem benötigt.

Die Gesamtkosten, um Lync zu betreiben, sind etwa doppelt so hoch wie bei Cisco oder Avaya. Das ist laut Lazar von Nemertes eine Faustregel und liegt daran, dass Lync die Integration unterschiedlicher Plattformen von mehreren Herstellern benötigt.

Verwendet man weiterhin Avaya oder Cisco für die Telefonie und fügt deren UC- und Kollaboration-Clients hinzu, bleibt alles einfacher. Denn in diesem Fall besteht keine Notwendigkeit für die Integration und den Betrieb separater Plattformen. Die Partner-Ökosysteme der beiden Unternehmen liegen in dieser Hinsicht ebenfalls vor Microsoft.

„In Sachen Reifegrad der Systemintegratoren, die Lync Services zur Verfügung stellen, gibt es noch Luft nach oben“, sagte Lazar. „Da sie bis jetzt quasi Neulinge sind, definieren sie immer noch Prozesse und kommen bei Schulungen sowie Support und so weiter langsam in Fahrt.“

Die Herausforderung hinsichtlich der Integration „lässt einige sicherlich zögern“. Unternehmen können Dienstleister buchen, um die Integration zu bewerkstelligen. Im Anschluss verwalten sie die hybride Lync-Telefonie-Plattform selbst. Sie werden herausfinden, dass die Betriebskosten wesentlich geringer sind, merkte Lazar an.

Lync 2013 bietet einige Verbesserungen „unter der Haube“. Diese sind für die Verwendung als PBX-Alternative eines Unternehmens wichtig. Die Erweiterungen beinhalten enge Verknüpfungen mit Windows Server 2012 und der Microsofts Virtualisierungs-Plattform Hyper-V. 

Damit lässt sich eine stabile, hoch verfügbare und robuste Server-Infrastruktur aufbauen. Bei steigender Mitarbeiterzahl kann man einfach weitere Lync Server hinzufügen. Außerdem lässt sich die Kommunikation bei Ausfällen oder Wartungsarbeiten leichter von einem Server auf einen anderen verlagern.

Folgen Sie SearchNetworking.de auch auf Facebook, Twitter und Google+!

Erfahren Sie mehr über Unified Communications

- GOOGLE-ANZEIGEN

ComputerWeekly.de

Close