Produktportfolio von IBM: Big Blue = Business Solutions?

Die breite des Information Management Angebotes macht es für Kunden zunehmend schwieriger, sich im Portfolio des IT-Riesen IBM zu orientieren. Ein Überblick.

Die breite des Information Management Angebotes macht es für Kunden zunehmend schwieriger, sich im Portfolio der IBM zu orientieren. Auf der diesjährigen IoD Konferenz startete der Hersteller abermals einen Versuch, durch eine veränderte Strukturierung des Angebotes und veränderte Marken- und Produktnamen mehr Klarheit zu schaffen. Neue Ankündigungen gab es außerdem in Hülle und Fülle, und nicht nur durch die Übernahme von Cognos und SPSS wird eine verstärkte Fokussierung auf Lösungen für Geschäftsoptimierung sichtbar.

Bereits im letzten Jahr gab Big Blue kund, mehr Augenmerk auf Lösungen für konkrete betriebswirtschaftliche Aufgabenstellungen legen zu wollen, ohne jedoch dabei den Schwerpunkt auf Infrastruktur aufgeben zu wollen. Was aber für ein historisch sehr Technologie-orientiertes Unternehmen durchaus ein Spagat darstellt. Was zunächst mit der Information Agenda bezeichnet wurde, mündet nun in eine organisatorische Erweiterung der Software Group. Ambuj Goyal führt die neue Einheit Business Analytics & Process Optimization als General Manager und übergibt das Staffelholz für Information Management an Arvind Krishna. Die neue Einheit wird sich Software Group übergreifend der Aufgabe widmen, das gesamte Infrastrukturangebot der IBM darauf zu trimmen, Unternehmen bei einer möglichst zeit- und kosteneffizienten Steuerung ihres Geschäftes zu unterstützen und dabei die Flexibilität und Reaktionsfähigkeit auf Basis von „trusted information“ zu erhöhen – so zumindest das Ziel. Dieses wurde schon mal durch einige der Software Ankündigungen aus dem Information Management untermalt.

Das Angebot der IM Sparte wurde abermals neu strukturiert, Markennamen neu geprägt, Produkte teilweise umbenannt. So ist zu beobachten, dass beispielsweise Cognos als Marke für alles rund um die Analytik etabliert wird, unabhängig davon ob auf Basis von strukturierten oder unstrukturierten Daten. Überhaupt zeigen viele der neuen Ankündigungen, dass IBM sich dem Ziel verschrieben hat, die Integration von Daten und Content möglichst zum Selbstverständnis zu machen. Denn rund 80% der Unternehmensinformationen sollen unstrukturierter Natur sein, die Inhalte in vielen Unternehmen aber aus Sicht der Analytik brach liegen.

Das weitgefächerte Portfolio des Information Managements hat viel zu bieten, und es gab entsprechend zahlreiche neue Ankündigungen. IBM kann in diesem Bereich aufgrund des Umfangs und der Tiefe der Vision als führender Anbieter gelten. Für Kunden ist es indes nicht einfach, die Mächtigkeit des Angebotes werten und die richtigen Komponenten für den eigenen Bedarf erkennen zu können.

Information Management Software teilt sich aktuell in folgenden Bereichen auf:

  • Business Analytics and Optimization Platform unter der Marke Cognos,
  • Trusted Information unter der Marke InfoSphere,
  • Workload Optimized Systems and Services mit den Marken Optim für ILM und den jeweiligen Marken der vielfältigen Information Repositories
  • Data Management (DB2, IDS, solidDB, IMS) und
  • Enterprise Content Management (Content & Image),
  • sowie den durch Hardware und Services erweiterten Appliance Angebote.

Die wichtigsten Ankündigungen aus allen Bereichen seien hier zusammengefasst.

Business Analytics and Optimization Platform

Nicht mehr ganz neu, aber dennoch ein zentrales Thema war die Übernahme der Firma SPSS, ein Marktführer für Predictive Analytics. Die Integration der SPSS Lösungen in das IM Portfolio wird der nächste Schritt sein, wobei gleichzeitig betont wurde, dass die Kooperation mit SAS in diesem Bereich von der Akquisition unberührt bleibt.

Cognos Express ist ein neues, am mittelständischen Unternehmenssegment gerichtetes, preisoptimiertes aber auch limitiertes Software-Angebot. Das Bündel umfasst Xcelerator (Excel-basierte Planung und Analyse), Reporter (Reporting und adhoc Abfragen aus der Cognos 8 Plattform), Advisor (freie Analyse und Visualisierung auf Basis von TM/1) und Planner (Planung, Budgetierung und Vorhersage, verfügbar erste Hälfte 2010).

Während im letzten Jahr Big Blue den Fokus mehr auf die Industriedatenmodelle gelegt hatte, wurden auf der diesjährigen IoD die Cognos Analytical Applications hervorgehoben. Diese sind nicht wahrlich neu. Es handelt sich um erweiterbare, plug&play Modelle und Auswertungen (Reports, Analysen) für fachliche Aufgabenstellungen, die die Erstellung entsprechender Anwendungen vereinfachen und beschleunigen sollen. Eine Integration mit den vorgenannten Data Warehouse Datenmodellen ist derzeit noch nicht verfügbar.

Cognos Content Analytics ermöglicht eine automatisierte Entdeckung und Markierung von auffälligen und wichtigen Inhalten in Textdokumenten im Sinne von Wissensextraktion, und visualisiert Analyseergebnisse in grafischer Form. Mit Hilfe des Cognos 8 Mashup Service können unterschiedliche Analyseergebnisse als Web Services zur Verfügung gestellt und im Rahmen anderer Applikationen wiederverwendet werden.

Trusted Information

Im Rahmen des InfoSphere MDM Server 9 steht nun der Master Information Hub (MIH) zur Verfügung. Dieser basiert auf die Plattform des MDM Servers und ermöglicht dessen Erweiterung um selbstdefinierte Domänen. Der MIH ermöglicht so beispielsweise auch die Integration der Industry Data Models. Darüber hinaus ist es nun mit dem InfoSphere Master Content for MDM Server möglich, Stammdaten mit zugehörigen Dokumenten zu verknüpfen.

Mit InfoSphere Foundation Tools möchte IBM ein Angebot auch an diejenigen Kunden liefern, die ihre Datenintegrationsaufgaben mit einer nicht-IBM Infrastruktur lösen. Vielfältige Funktionen unterstützen im Rahmen der Design-Phase, beispielsweise für Datenmodellierung und Metadaten Management. Die wichtigste Erweiterung in diesem Bereich ist InfoSphere Discovery, aus der Akquisition der Firma Exeros entstanden. Diese Lösung ermöglicht ein umfassendes Profiling von Daten, das weit über die Möglichkeiten der gängigen Profiling-Werkzeuge hinaus geht. Mit Discovery können Geschäftsregeln abgeleitet und sogar Datenmodelle im Sinne eines „Reverse Engineering“ generiert werden, und zwar Quell-System übergreifend. Die wichtigste Erweiterung ist die Fähigkeit, Metadaten mit Werkzeugen aus den InfoSphere und Optim Portfolios auszutauschen und so den Nutzen für Informationsintegration und Information Lifecycle Management zu erhöhen. Ein Tribut an die veränderte Markenstrategie zollten die Entity Analytics, die in InfoSphere Identity Insight umbenannt wurden.

Data Management

Unter der Marke Optim werden nun alle Lösungen zusammengefasst, die ein integriertes Datenmanagement ermöglichen. Dazu gehören auch Aufgaben rund um das Information Lifecycle Management (ILM) inklusive Archivierung, Datenschutz und Testdatenmanagement. Hier gab es diverse Neuerungen. Die Produktreihe profitiert insbesondere von der Verfügbarkeit des vorgenannten InfoSphere Discovery. Ergebnisse von Datenanalysen können mit Hilfe des Eclipse-basierten Optim Designer (übergreifende Entwicklungsumgebung für alle Optim Lösungen), importiert und beispielweise für Data Privacy oder Data Growth Solutions weiterverwendet werden. Dabei arbeitet der Designer ähnlich wie das Design Studio des InfoSphere Warehouse-Paketes mit Komponenten des InfoSphere Data Architect, das Datenmodellierungswerkzeug der IBM. Mit der Smart Archiving Strategy wird das Konzept verfolgt, alle fachlich zusammengehörenden Informationen Quellen-übergreifend gemeinsam zu archivieren. Eine neue Version des Optim Database Administrator wurde angekündigt. Database Administrator ist die funktional aufgewertete aber kostenpflichtige Version des frei verfügbaren Data Studio.

Im Bereich der Database Server wurden die Produkte IMS, DB2, Informix und solidDB mit zahlreichen technischen Erweiterungen ins Rennen geschickt. Mit dem neuen IMS 11 zeigt IBM auf, dass auch nicht mehr ganz junge Lösungen ihre Wertigkeit für bestimmte Aufgabenstellungen über die Zeit bewahren und gar Innovationen hervorbringen können. So wurde IMS 11 SQL-fähig, und eine bessere Unterstützung der Entwicklung im Bereich Java, .NET, C/C++ und SOA ermöglicht eine Entwicklung ohne tiefgreifende IMS-Kenntnisse. Online DB-Reorganisation ermöglicht eine erweiterte Verfügbarkeit von IMS-basierten Applikationen. Mit Smart Archive bietet IBM eine integrierte Lösung für Archivierung auf Basis der bislang einzeln angebotenen Werkzeuge für Daten und Content an. 

Das Angebot wird zukünftig auch eine passende Appliance sowie die Möglichkeit, die Lösung als SaaS zu beziehen, umfassen. Unter DB2 pureScale (für DB2 LUW) wurde die neue “OLTP shared disk clustering solution” vorgestellt. Die DB2-Clusterlösung der Plattformen Linux, Unix und Windows auf Basis des Database Partitioning Feature (DPF) adressierte bislang ausschließlich die Anforderungen von Data Warehouse Lösungen. DB2 pureScale auf Basis der Power System Hardware liefert Hochverfügbarkeit und hochgradige Skalierbarkeit nach Aussage des Herstellers auf Basis unlimitierter Kapazität für operative Anwendungen. Somit wird nun auch für das DB2 der Server-Plattformen eine Cluster-Lösung auf Basis einer Shared-Disk Architektur angeboten.

Als vielleicht interessanteste Neuheit im Bereich Data Management kann der Smart Analytics Optimizer (SAO) gelten. Hierbei handelt es sich um ein Beschleuniger für analytische Abfragen, der einer bestehenden Datenbankumgebung hinzugefügt werden kann, ohne dass es einer Änderung der bestehenden Infrastruktur, des Datenbankdesigns oder der Applikation bedarf. Der SAO umfasst einen In-Memory Datencache auf Basis eines eigenständigen Blade-Centers. Dieser wird dem Datenbankserver verbunden und identifizierte Daten als Snapshot in dessen Hauptspeicher geladen. An den Datenbankserver eingehende Abfragen werden vom Optimizer auf ihre Eignung zur schnellen Abwicklung mit Hilfe des SAO geprüft und gegebenenfalls an diesen weitergeleitet. Signifikant verbesserte Antwortzeiten erreicht die Lösung durch eine sehr starke Komprimierung der Daten und der vollständigen Abwicklung der Scans im Hauptspeicher. Der Smart Analytics Optimizer ist jedoch bislang noch nicht formal angekündigt worden, sondern ist vorerst als „Statement of Direction“ zu verstehen. Er soll zunächst für das Mainframe-DB2 (DB2 for z) erscheinen und erst danach auch für die Server-Plattform (DB2 for LUW) verfügbar werden.

Enterprise Content Management

Auch am Content Management geht das GRC (Governance, Risk, Compliance) nicht spurlos vorüber. IBM hat durch zahlreiche Akquisitionen noch Integrationsarbeiten zu vollziehen und wird dem mit diversen Erneuerungen gerecht. Für das Fallmanagement gibt es nun mit dem FileNet Business Process Manager ein integriertes Angebot, das vormals nur einzeln verfügbare Werkzeuge zu einem Bündel zusammenfasst. InfoSphere Content Assessment Bundle ermöglicht eine Analyse und Klassifizierung von Inhalten aus Dokumenten verschiedener Technologien. InfoSphere Content Collector adressiert die Archivierung von Content und zeichnet sich in der neuen Version durch erweiterte Quellenunterstützung aus, wie Optim und SAP Archivdateien, Microsoft SharePoint und Lotus Quickr. InfoSphere Content Integrator ist eine Föderationslösung für den integrierten Zugriff auf verschiedene ECM Repositories (auch nicht-IBM) und liefert die Technologie für eine wichtige Erweiterung des InfoSphere Enterprise Records (ehemals File Records Manager, eine Lösung zur Aktenverwaltung).

Workload Optimized System

Die bislang als Balanced Warehouse bezeichnete Data Warehouse Appliance der IBM wurde in Smart Analytics System (SMS) umgetauft. Damit einher geht auch die Erweiterung des Angebotes um einen BI Server. Klassische Warehouse Appliances adressieren bislang lediglich den Datenbank-Server. Die Gesamtperformance eines BI Systems hängt jedoch auch von der Leistung des angeschlossenen BI Servers ab. So wurde hier der Appliance-Gedanke um diese Schicht erweitert, nämlich einen BI Server mit vorkonfigurierter Cognos 8 BI Installation. SMS gibt es in verschiedenen Größen, hier wurde von einfach verständlichen „t-shirt sizes“) gesprochen. Einzelne Komponenten können nach Bedarf vom Kunden selektiert oder ausgeschlossen werden. Man darf sicherlich gespannt sein, wie der Gedanke des zweckorientierten Gerätes hier zukünftig weiterentwickelt wird. Da gibt es noch die Datenintegrationsschicht, und auch die Datenschicht, die weitere Kandidaten für vorkonfigurierte Pakete sein könnten.

Breite des Portfolios versus verständliche Lösungen – eine Herausforderung

So warb IBM insgesamt sowohl mit zahlreichen Produktankündigungen als auch neuen Strategien auf der Information on Demand um bestehende und neue Kunden. Technologisch ist IBM im Information Management gut aufgestellt und bietet in diesem Bereich nach meiner Einschätzung ein ungewöhnlich umfassendes Angebot. Genau das könnte sich in der Praxis aber weiterhin als Hemmschuh für den Markterfolg erweisen, denn mit vielen neuen Komponenten und veränderten Namen wird das Angebot stets schwieriger zu durchblicken. So kann mit Spannung das Wirken der neuen Einheit Business Analytics & Process Optimization von Ambuj Goyal erwartet werden, dessen Aufgabe es unter anderem sein wird, das schwer verdauliche Software Angebot in einer weniger Technologie-geprägten und mehr an Geschäftslösungen-orientierten Sprache am Markt zu positionieren.

Über den Autor:

Jacqueline Bloemen ist Geschäftsführerin der BeKS (Business eKnowledge Solutions) sowie Senior Analystin Data Warehousing und Business Intelligence für BARC (Business Application Research Center). Als Beraterin und Coach unterstützt sie seit rund 20 Jahren Unternehmen verschiedener Branchen und Größen bei der IT Strategie- und Architekturentwicklung für Business Intelligence, Data Warehousing und Datenintegration. Hierzu zählen auch Technologie- und Architekturauswahl, Projektplanung und Durchführung basierend auf Best Practices, sowie Performance Optimierung für komplexe und umfangreiche Datenmanagementlösungen. Neben den umfangreichen Erfahrungen mit BI-Systemen und deren Implementierung unterstützt sie als langjährige Beobachterin und Beraterin des BI-Softwaremarktes internationale Anwendergemeinden mit Vorträgen, Erfahrungsberichten und Studien.

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Artikel wurde zuletzt im Januar 2010 aktualisiert

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