Der Konkurrenzkampf zwischen Anbietern konvergenter Hardware wird härter

Der Konkurrenzkampf im Markt für konvergente Infrastruktur hat sich zunehmend verschärft. Hyper-Konvergenz führt jetzt auf eine neue Eskalationsstufe.

Manchmal erinnert mich die IT-Industrie an das Buch „Herr der Fliegen“ von William Golding. Sowohl in diesem Buch als auch in der IT-Welt werden gegenseitige Bindungen aus reiner Notwendigkeit eingegangen, und manchmal nehmen diese Beziehungen eine unerwartete Wendung.

Durch die späten 1990er und vor allem 2000er Jahre haben Unternehmen aus den unterschiedlichsten Geschäftsbereichen den Vorteil moderner IT entdeckt und sind sehr schnell abhängig davon geworden. Jede Fachabteilung hatte damals in zunehmendem Maße angefangen, auf Informationstechnologie zu setzen, und selbst die kleinsten IT-Abteilungen haben damals bereits ihre eigenen Data Center aufgebaut, um die ganze IT-Hardware unterzubringen. Manche der großen IT-Hersteller versuchten zu dieser Zeit, alle im Data Center anfallenden IT-Aufgaben anzubieten, während kleinere Unternehmen Partnerschaften suchten, um integrierte Angebote erstellen zu können.

Als der Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Anbietern von hyper-konvergenten oder konvergenten Infrastrukturlösungen gerade erst anfing, wollte jeder eine Partnerschaft mit Cisco (Networking), EMC oder NetApp (Storage) und Unternehmen wie HP oder Dell (x86-Server) eingehen. Das waren zwar sicherlich nicht die einzigen relevanten Anbieter, aber es waren in jedem Fall die kooperativsten in diesem so konkurrenzträchtigen Markt, in dem jeder Anbieter seinen Kunden möglichst vollständige Angebote machen wollte.

Wie IBM verkaufte auch HP Server und Storage. Anders als IBM war HP aber bereit, mit EMC oder NetApp zusammenzuarbeiten, wenn dafür mehr Server verkauft werden konnten. IBM dagegen zeigte sich in der Hinsicht weit weniger kooperationsfreudig und vermarktete ein reines IBM-Angebot für Server und Storage. Diese Strategie führte letztlich zu einem Einbruch der Serververkaufszahlen, als EMC und NetApp zu den führenden Anbietern im Storage-Markt wurden. Im Gegensatz dazu traf man immer häufiger HP-Server in Data Centern aller Größe an. Der Ansatz kooperativer Partnerschaften schien daher erfolgversprechender, aber schon bald zeigten sich erste Risse in diesen Allianzen.

Cisco galt damals als die von allen angehimmelte Ballkönigin, da jeder Anbieter aufgrund der Netzwerkhardware mit Cisco zusammenarbeiten wollte. Zumindest solange, bis Cisco mit seinem Unified Computing System (UCS) eine eigene Produktlinie an x86-Servern auf den Markt brachte. UCS war damals eine enorm innovative und äußerst disruptive neue Technologie, und genauso disruptiv war UCS auch für die IT-Landschaft und das Mächtegleichgewicht unter den verschiedenen IT-Anbietern.

HP machte in der Folge einige Schritte in Richtung Storage-Markt und rüttelte damit an der brüchigen Beziehung zu Anbietern wie EMC und NetApp. In einem Bieterwettstreit mit Dell um eine Storage-Übernahme legte Dell schließlich seine Pläne offen, der OEM-Partnerschaft mit EMC den Rücken zu kehren. Nur wenige Marktbeobachter hatten das kommen sehen, und die daraus resultierenden Konsequenzen folgten schnell: Da die Partnerschaft zwischen Dell und EMC beinahe über Nacht zerbrach, musste sich Dell mit einer neuen Kooperation beeilen, ansonsten drohte der Verlust einer bedeutenden Marktposition.

Bei dieser Geschichte darf man allerdings auch den Hypervisor nicht vergessen. Wie Cisco im Netzwerksegment wurde auch VMware von allen Anbietern umschwärmt. Als der Wettbewerb aber immer härter wurde und VMware zu spüren begann, dass die Aufmerksamkeit seiner Partner nicht mehr ausschließlich VMware galten, kam es schließlich zur großen Überraschung: Als Cisco schon dachte, die Übernahme von Nicira unter Dach und Fach gebracht zu haben, feuerte VMware seine Breitseite ab und gab in letzter Minute das schlagende Angebot ab. Wie Cisco zuvor bereits mit UCS, so verblüffte VMware jetzt die versammelten IT-Anbieter mit der Nicira-Übernahme und dem daraus resultierenden NSX-Stack zur Netzwerkvirtualisierung. Damit waren die Samthandschuhe nun vollends ausgezogen.

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Cisco musste daraufhin auf die Schnelle eine neue Strategie zur Netzwerk-Virtualisierung entwickeln, die damit zwar nicht die erste Wahl war, aber dank Ciscos Ressourcen und Netzwerk-Know-how bestand diese Möglichkeit immerhin. Aber warum bei der Netzwerk-Virtualisierung aufhören? Nachdem EMC ein großer Teil von VMware gehört, ging auch Cisco noch einen Schritt weiter und wurde zum Storage-Anbieter. Die Übernahme von Whiptail war ein klares Signal für Ciscos Willen, auch in anderen Marktsegmenten Fuß fassen zu wollen und sein Angebot an konvergenter Infrastruktur auszubauen.

Den Einstieg von EMC und NetApp in den Compute-Markt mit je einer eigenen Version von VMwares hyper-konvergenten EVO:RAIL-Appliance kann man auch als Antwort hierauf sehen. Der IT-Markt hat sich damit ganz klar wegentwickelt von kooperativen Partnerschaften hin zu Anbietern, die jeder für sich alleine mit umfassenden Angeboten um Kunden werben. Cisco, HP und Dell bieten mittlerweile Networking, Compute und Storage aus einer Hand an, und wenn man VMwares hyper-konvergentes EVO:RAIL-Angebot gelten lässt, dann zählen auch EMC und NetApp dazu.

Wo wird das alles enden? Werden IT-Anbieter weiter dem IBM-Weg folgen und Partnerschaften ausschlagen, um zukünftig nur noch eigene Produkte zu verkaufen? Oder werden sie sich HPs frühere Taktik aneignen, und auch mit Mitbewerbern Partnerschaften eingehen, um den Markt insgesamt voranzubringen?

Meiner Ansicht nach sind die Frontlinien jetzt gezogen und hyper-konvergente Infrastruktur wird der Auslöser für eine weitere Produktkonzentration in einzelne Anbieter-Portfolios sein. Bleibt die Frage, ob sich die Konkurrenz weiter zuspitzen wird, oder ob nicht eine neue Technologie in letzter Minute das Verhalten aller Marktteilnehmer nochmals ändert. Wenn ich Anbieter in diesem Markt wäre, ich würde weiter wachsam bleiben.

Über den Autor:
Mark Vaughn (MBA, VCP, BEA-CA) arbeitet als Enterprise Architect bei einem multinationalen Unternehmen. In der IT-Branche hat er mehr als 15 Jahre Erfahrung gesammelt: als Unix-Administrator, Developer, Webhosting-Administrator und IT-Manager. Sein Hauptfokus lag dabei auf Virtualisierung zur Datacenter-Konsolidierung, Kostenreduktion sowie das Durchsetzen von Disaster-Recovery-Maßnahmen. Im Jahr 2009 wurde Vaughn mit dem vExpert Award ausgezeichnet. Er hat zudem bei der VMworld und BEAWorld mehrere Vorträge gehalten.

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Artikel wurde zuletzt im Juni 2015 aktualisiert

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