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Quantencomputing 2026: Vom Labor zur strategischen Chefetage
Die Quantencomputing-Industrie befindet sich an einem Wendepunkt. Hinter den Schlagzeilen über spektakuläre Durchbrüche zeigt sich 2026 jedoch eine deutlich komplexere Realität.
Quantencomputing ist auf dem Weg aus der Experimentierphase zur strategischen Positionierung, was bedeutet, dass sich die Technologie vom Labor in die Chefetage vorarbeitet.
Unternehmen verlassen im Bereich des Quantencomputings die Phase der einfachen Experimente und Tests und richten ihren Blick auf die strategische Entwicklung. Sie schaffen die nötigen Fähigkeiten, Partnerschaften und das Know-how, um bereit zu sein, sobald ein echter Quantum Advantage erreicht werden kann. Dieser Wandel vom Hype zu pragmatischem Handeln wird 2026 bestimmen – und zeigen, welche Anbieter Substanz bieten und welche nur mit großen Versprechen glänzen.
Noch steckt das Quantencomputing in der Forschungs- und Proof-of-Concept-Phase (PoC). Die bisherigen Anwendungen beschränken sich auf kleine Demonstrationsprobleme, die zwar vielversprechend wirken, aber noch keinen echten Mehrwert im Unternehmensalltag liefern. Bis 2026 dürfte sich der Blick jedoch wandeln: Statt um Qubit-Zahlen und technische Show Cases wird es zunehmend um stabile hybride Architekturen, den Aufbau einer quantumbereiten Belegschaft und um Partnerschaften gehen, die den Weg für fehlertolerante Quantencomputer Anfang der 2030er Jahre bereiten.
1. Hybride Quanten-Klassik-Infrastrukturen als neuer Branchenstandard
Im kommenden Jahr wird sich die Quantencomputing-Branche deutlich von isolierten Systemen lösen und stattdessen auf integrierte, hybride Architekturen setzen, die Quantenprozessoren mit leistungsstarken klassischen Systemen verbinden. Das unterstreicht eine grundlegende Wahrheit: Quantencomputer werden immer auf erhebliche klassische Rechenressourcen angewiesen sein, sei es für die Zerlegung komplexer Probleme, die Fehlerkorrektur oder die Validierung der Ergebnisse.
Unternehmen werden Plattformen einführen, die Rechenaufgaben nahtlos zwischen Quanten- und klassischen Prozessoren verteilen. Orchestrierungsschichten entscheiden automatisch, welche Komponente welche Aufgabe übernimmt. Diese Strategie des quantenzentrierten Supercomputings wird künftig die Branchendiskussion prägen, während große Unternehmen massiv in Integrations-Frameworks investieren, die den Nutzern eine einheitliche und intuitive Schnittstelle bieten.
Der Trend bringt Chancen wie Risiken mit sich. Hybridarchitekturen erlauben es, bereits heute Wert aus fehleranfälligen Quantenprozessoren zu schöpfen. Gleichzeitig kann die Kombination von Quanten- und klassischen Systemen verschleiern, welcher Teil der Berechnung den eigentlichen Leistungsvorteil liefert – was einigen Anbietern die Möglichkeit gibt, Quantum Advantage zu beanspruchen, obwohl der Großteil der Arbeit klassisch erledigt wird.
Konsequenz: Unternehmen mit starker HPC-Expertise verschaffen sich hier einen strategischen Vorteil, da sie vollständige Lösungen statt isolierter Komponenten bieten können. Käufer sollten auf Anbieter setzen, die echte Integrationserfahrung nachweisen und die Performance zwischen Quanten- und klassischen Anteilen transparent darstellen.
2. Expertise und Partnerschaften statt Hardware
Während die Hardware kontinuierlich Fortschritte macht – etwa Supraleitersysteme mit Gate-Fidelitäten von rund 99,99 Prozent oder vielversprechende Spin-Qubit-Technologien – wird 2026 der Faktor Human Capital (Humankapital) wichtiger sein als der reine Zugang zu Maschinen.
Vorausschauende Unternehmen investieren in sogenannte Quantum Literacy, also den Aufbau von Partnernetzwerken mit Forschungseinrichtungen sowie in die Teilnahme an staatlich geförderten Quantum-Centern und Konsortien. Solche Frühinvestitionen bilden ein solides Fundament an unersetzlicher Expertise und versetzen Organisationen in die Lage, schnell zu handeln, sobald praktische Anwendungen verfügbar sind – während Wettbewerber ihre Expertise erst mühsam aufbauen müssen.
Folglich werden Industrie und Hochschulen immer enger zusammenarbeiten, etwa durch Unternehmensstipendien für Doktoranden oder die Entsendung von Fachkräften an nationale Quantenrechenzentren. Diese Investitionen wirken sich auch über das Quantencomputing hinaus aus: Quantenalgorithmen und quantuminspirierte Verfahren beeinflussen zunehmend klassische HPC- und KI-Workflows.
Darüber hinaus werden bestimmte Branchen ihre Quantenforschung deutlich intensivieren: Chemieunternehmen zur Optimierung von Katalysatoren und Prozessen, Halbleiterhersteller für die Simulation quantenmechanischer Effekte und Pharmaunternehmen für den Einsatz von Quantum Machine Learning (QML) in der Wirkstoffforschung. Auch wenn echte Anwendungen noch Jahre entfernt sind, erlaubt systematische Forschung, vielversprechende Use Cases früh zu identifizieren und unrealistische Erwartungen zu vermeiden.
Konsequenz: Im Jahr 2026 wird Quantencomputing als langfristige strategische Fähigkeit betrachtet, die kontinuierliche Investitionen in Fachkräfte und Partnernetzwerke erfordert und nicht als reines Technologieproblem, das allein durch den Kauf von Hardware gelöst werden kann.
3. Transparenz und verantwortungsvolle Innovation werden essenziell
Die Branche kämpft seit Jahren mit dem Spannungsfeld zwischen Faszination und technischer Ehrlichkeit. 2026 erreicht diese Spannung einen Wendepunkt: Unternehmen verlangen belastbare Nachweise echten Fortschritts – jenseits von Marketing-Hype.
Obwohl weiterhin Speedup-Demonstrationen auf Prozessoren mit Hunderten Qubits gezeigt werden, lösen diese keine praktischen Probleme. Die Lücke zwischen gemessenen Benchmark-Vorteilen und echtem, wirtschaftlich relevanten Nutzen wird zunehmend unübersehbar.
Diskussionen über die tatsächliche Performance werden intensiver, da fortgeschrittene Kunden gründliche Benchmarks mit führenden klassischen Optimierern fordern. Anbieter, die zuvor überoptimistische Versprechen gemacht haben, könnten an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn sich zeigt, dass beeindruckende Demos keinen praktischen Einsatz erlauben. Im Gegenzug profitieren diejenigen, die stets auf technische Integrität gesetzt haben.
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„Vorausschauende Unternehmen investieren in sogenannte Quantum Literacy, also den Aufbau von Partnernetzwerken mit Forschungseinrichtungen sowie in die Teilnahme an staatlich geförderten Quantum-Centern und Konsortien. Solche Frühinvestitionen bilden ein solides Fundament an unersetzlicher Expertise.“
Henrik Hasenkamp, Fujitsu Research Europe
Transparenz erstreckt sich auch auf Datensouveränität und Sicherheit. Angesichts geopolitischer Spannungen und verschärfter Exportkontrollen möchten Unternehmen genau wissen, wo Berechnungen stattfinden, wer Zugriff darauf hat und welche Sicherheitsmechanismen politische Eingriffe verhindern. Anbieter von On-Premises-Quantencomputern profitieren besonders bei Organisationen, die Wert auf Souveränität legen und Cloud-Komfort als nachrangig betrachten.
Konsequenz: Die Konsolidierung der Branche nimmt weiter Fahrt auf, da Anbieter, die keinen belastbaren Fortschritt nachweisen können, Marktanteile verlieren. Unternehmen, die technische Leistungsfähigkeit mit Transparenz und verantwortungsvollem Handeln verbinden, werden langfristig das Vertrauen ihrer Kunden sichern.
4. Post-Quantum-Kryptographie befeuert kurzfristige Investitionen
Obwohl praxistaugliche, kryptobrechende Quantencomputer wahrscheinlich erst in etwa einem Jahrzehnt verfügbar sein werden, wird 2026 der Rollout von Post-Quantum-Kryptographie (PQK) beginnen – insbesondere in kritischen Infrastrukturen.
Regulatorische Vorgaben werden Finanzdienstleister, Telekommunikationsanbieter, das Gesundheitswesen und weitere regulierte Sektoren verpflichten, quantumresistente Algorithmen zu implementieren. Dies eröffnet die größte unmittelbare Marktchance im Umfeld des Quantencomputings.
Der Übergang ist gewaltig: Unternehmen müssen verschlüsselte Assets inventarisieren, Abhängigkeiten analysieren und verwundbare Algorithmen systematisch ersetzen. Obwohl der Gesamtprozess bis Ende des Jahrzehnts laufen wird, markiert 2026 den Beginn der aktiven Umsetzung.
Unternehmen, die PQK als integralen Bestandteil ihrer Quantenstrategie verstehen – statt als isoliertes Sicherheitsprojekt – schaffen zugleich wertvolle interne Abstimmungen zwischen Security-, Infrastruktur- und Forschungsteams.
Konsequenz: PQK wird zum Einstiegspunkt für umfassendere Gespräche über Quantencomputing mit Kunden. Unternehmen, die PQK erfolgreich implementieren, demonstrieren gleichzeitig ihre Fähigkeit, zukünftige Quantum-Technologien organisatorisch zu meistern.
5. Geopolitische Konkurrenz formt Partnerschaften neu
Das Quantenökosystem wird 2026 zunehmend von geopolitischen Faktoren geprägt werden: Exportkontrollen, staatliche Förderprioritäten und regionale Allianzen beeinflussen sowohl die technologische Entwicklung als auch kommerzielle Kooperationen. Fast alle Industriestaaten verfolgen inzwischen nationale Quantumstrategien mit hohen öffentlichen Investitionen – getrieben von der Sorge, den Anschluss zu verlieren, und vom wirtschaftlichen wie sicherheitspolitischen Potenzial der Technologie.
Japans Annäherung an Horizon Europe sowie der kooperationsfreundliche Kurs der EU gegenüber japanischen Anbietern eröffnen dabei neue Partnerschaftsmöglichkeiten – insbesondere für Organisationen, die als Brücke zwischen Ost und West agieren können. Regionale Exzellenzzentren, wie das britische National Quantum Computing Centre oder vergleichbare Einrichtungen in Europa und Asien, entwickeln sich zu zentralen Orten für Industrie-Kooperationen und Testumgebungen für vorkommerzielle Quantensysteme.
Gleichzeitig schränken Exportkontrollen die internationale Zusammenarbeit ein. Systeme mit bestimmten Qubit-Zahlen oder Gate-Qualitäten könnten genehmigungspflichtig werden. Unternehmen müssen ihre Marktstrategien entsprechend anpassen und regionale Lieferketten aufbauen.
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„Das Quantenökosystem wird 2026 zunehmend von geopolitischen Faktoren geprägt werden: Exportkontrollen, staatliche Förderprioritäten und regionale Allianzen beeinflussen sowohl die technologische Entwicklung als auch kommerzielle Kooperationen.“
Serban Georgescu, Fujitsu Research Europe
Die staatlichen Förderungen werden weiter zunehmen: Manche Länder setzen auf langfristige Grundlagenforschung, andere auf kurzfristig umsetzbare wirtschaftliche Effekte. Während Hardware-Startups von Förderprogrammen profitieren, wird der Software-Sektor eher konsolidieren, da nachhaltige Geschäftsmodelle eine enge Integration in bestehende Enterprise-Workflows erfordern.
Konsequenz: Erfolg im Quantencomputing erfordert das Navigieren komplexer geopolitischer Dynamiken. Regionale Ökosysteme und staatlich geförderte Programme werden entscheidend, um Zugang zu Technologien und Talentpools zu sichern.
Die Realität des Quantencomputings im Jahr 2026
Bis 2026 entwickelt sich Quantencomputing von einer reinen Forschungstechnologie zu einem strategischen Innovationsfeld, das kontinuierliche Investitionen in Systeme, Fähigkeiten und Partnerschaften erfordert. Die Kombination aus hybriden Infrastrukturen, Aufbau quantenkompetenter Teams, transparenter Kommunikation, PQK-Implementierung und geopolitischen Faktoren formt ein Ökosystem, das die Grundlage für zukünftigen Quantum Advantage legt, statt vorschnelle Durchbrüche zu versprechen.
Der Wettbewerb um Qubit-Zahlen rückt weiter in den Hintergrund, während Ökosystemstärke, Integrationsfähigkeit und Vertrauen die entscheidenden Differenzierungsmerkmale werden. Quantencomputing wandelt sich vom reinen Technologiethema zu einer Business-Strategie.
Unternehmen, die technische Exzellenz mit pragmatischer Integration, ehrlicher Kommunikation und starken Partnerschaften verbinden, werden den größten Mehrwert liefern. Wer auf Hype setzt, riskiert hingegen Glaubwürdigkeit.
Die Zukunft des Quantencomputings besteht darin, heute die Fähigkeiten, Partnerschaften und Expertise aufzubauen, die nötig sind, um Quantum Advantage zu nutzen, sobald er verfügbar ist. 2026 markiert den Beginn jener Phase, in der Unternehmen durch solide Grundlagenarbeit sichtbar von jenen differenzieren, die sich auf auffällige, aber wenig aussagekräftige Demonstrationen verlassen.
Über die Autoren:
Michael Krompiec (Group Manager Quantum Application Research bei Fujitsu Research of Europe) leitet die Gruppe für Quantum Application Research bei Fujitsu Research of Europe. Sein Team, das in Großbritannien und Spanien ansässig ist, entwickelt Quantencomputing-Algorithmen für Anwendungen in Chemie, Quantenphysik und Data Science. Bevor er 2024 zu Fujitsu wechselte, arbeitete Michael bei Quantinuum, wo er Projekte im Bereich Quantenanwendungen leitete, sowie bei Merck KGaA als Materialwissenschaftler und Computational Chemist. Michael promovierte in organischer und physikalischer Chemie.
Serban Georgescu ist Chief Executive Officer von Fujitsu Research of Europe, der europäischen Forschungseinheit der Fujitsu-Gruppe. Mit über 20 Jahren Forschungserfahrung leitet er Innovationsprojekte in Großbritannien, Spanien und Israel. Serban promovierte 2009 am Department of Quantum Engineering and Systems Science, School of Engineering, an der University of Tokyo und erwarb einen Bachelor in Angewandter Mathematik. Seine Karriere umfasst sowohl die akademische als auch die industrielle Forschung, von Postdoc-Projekten an der ETH Zürich bis hin zu Führungspositionen im industriellen Bereich der Künstlichen Intelligenz. Er hat bedeutende Beiträge in den Bereichen High Performance Computing, kombinatorische Optimierung und KI für Fertigung, Transport und Genomforschung geleistet. Serban Georgescu setzt sich dafür ein, Forschung und Wirtschaft zu verbinden, um Technologien mit realem Mehrwert zu entwickeln.

