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Agentic AI unterstützt Prozesse bei der Selbstoptimierung
Automatisierte Prozesse haben die Produktivität und Effizienz vieler Unternehmen gesteigert. Der nächste Schritt ist, die Automatisierung intelligent zu gestalten – mit Agentic AI.
Viele Unternehmen haben sich einen hohen Automatisierungsgrad zum Ziel gesetzt und bereits zahlreiche Abläufe automatisiert. Sie profitieren von einer gestiegenen Produktivität, gesunkenen Prozesskosten und Mitarbeitern, die sich nicht in manuellen und repetitiven Aufgaben aufreiben, sondern Freiräume für anspruchsvolle, erfüllende Tätigkeiten haben. Damit ist das Ende der Fahnenstange aber noch längst nicht erreicht, denn die simple Automatisierung von Prozessen ist nur der erste Schritt auf dem Weg zu einem vollautomatisierten, sich selbst optimierenden Unternehmen – dem Autonomous Enterprise.
Im Zentrum dieses Autonomous Enterprise stehen KI-Agenten, die eigenständig arbeiten. Sie verfolgen ein vorgegebenes Ziel und suchen dafür den bestmöglichen Lösungsweg und entscheiden autonom, sodass sie auch komplexe Aufgaben ohne detaillierte Anweisungen eines Menschen erledigen können. Anders als rein regelbasierte Systeme sind sie in der Lage, aus Fehlern zu lernen, auf Veränderungen zu reagieren und mit unbekannten Situationen umzugehen. Wenn notwendig, planen sie den Ablauf einfach neu, passen also sich und den Prozess entsprechend an. Der Prozess wird nicht mehr wie bei der klassischen Automatisierung einfach abgearbeitet, sondern passend zur Aufgabe dynamisch entwickelt und kontinuierlich optimiert.
KI-Agenten arbeiten zusammenarbeiten
Damit Agenten nicht isoliert agieren oder mächtige Agenten entwickelt werden müssen, die eine Vielzahl von verschiedenen Aufgaben übernehmen können, haben sich spezialisierte Agenten bewährt, die zusammenarbeiten. Sie stimmen sich untereinander und mit anderen Systemen ab, reagieren auf ihre Umgebung und sich verändernde Anforderungen.
Damit das funktioniert, sind die Agenten jedoch auf eine Architektur angewiesen, die wie eine Fabric alle Systeme und Plattformen miteinander verbindet und sich wie ein zentrales Nervensystem durch das gesamte Unternehmen zieht. Nur so lassen sich alle Geschäftsprozesse, Regeln, Daten und Systeme integrieren, um Informationen in Echtzeit zusammenzutragen, zu verteilen und komplexe Workflows von Ende zu Ende zu bearbeiten.
Mensch bleibt nicht außen vor
Trotz aller Autonomie handeln die Agenten aber nicht völlig ohne menschliche Aufsicht. Der Mensch muss der KI zwar keine detaillierten Vorgaben mehr machen und einzelne Arbeitsschritte kontrollieren, doch als Human in the Loop überwacht er kritische Entscheidungen.
Darüber hinaus stellt er die Einhaltung regulatorischer Vorgaben sicher und hilft mit seinem Feedback, die KI-Ergebnisse kontinuierlich zu verbessern. Und natürlich gibt es weiterhin Entscheidungen, die aufgrund ihrer großen Tragweite oder eines hohen Fehlerpotenzials von vornherein nicht für KI geeignet sind und von Menschen getroffen werden sollten. In diesen Fällen bleibt die KI ein Zuarbeiter, der lediglich Informationen und Empfehlungen liefert.
Eine zentrale Aufsicht namens BOAT
Als technologische Basis für die Automatisierung von Prozessen und die Orchestrierung von KI-Agenten dienen meist BOAT-Plattformen. BOAT steht für Business Orchestration and Automation Technologies und meint nichts anderes als eine zentrale Steuer- und Kontrollschicht, die einen Flickenteppich aus nicht optimal zusammenspielenden Agenten verhindert. Im Grunde vereinheitlicht und optimiert sie Prozesse und sorgt dafür, dass das komplexe Prozessgeflecht von Unternehmen und die Arbeit der Agenten transparent, nachvollziehbar und kontrollierbar bleiben.
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„Bei der Prozessoptimierung mit Agentic AI handelt es sich nicht einfach um einen technischen Fortschritt. Vielmehr ist es ein Paradigmenwechsel, der die Art und Weise, wie Unternehmen funktionieren, grundsätzlich verändert – schließlich gibt es ein ganz neues Miteinander von Mensch und Maschine.“
Florian Lauck-Wunderlich, Pegasystems
Anhand von Regeln entscheidet die Plattform auch, wann es an der Zeit ist, einen Menschen in einen Prozess zu involvieren – zum Beispiel, wenn sich die Stimmung eines Kunden im Dialog mit einem Sprachbot deutlich verschlechtert oder eine Kreditanfrage ein bestimmtes Volumen überschreitet.
Dynamischer Ansatz für Standard- und Sonderfälle
Wollen Unternehmen ihre Prozesse intelligent gestalten, müssen KI-Agenten und BOAT-Plattform in der Lage sein, Standardabläufe effizient zu erledigen und gleichzeitig agil auf wechselnde Rahmenbedingungen zu reagieren, sprich: Problemlösungen zu finden und Anpassungen vorzunehmen. Sie benötigen, so nennen es die beiden Wissenschaftler und MIT-Professoren Nelson P. Repenning und Donald C. Kieffer, einen „Factory Mode“ und einen von Zusammenarbeit geprägten „Studio Mode“. Ihr als „Dynamic Work Design“ bezeichneter Ansatz, beide zu vereinen, basiert auf fünf Prinzipien, die ideal zu Agentic AI passen:
- Solve the Right Problem: Agenten analysieren nicht nur die Zusammenhänge zwischen Ereignissen (Korrelation), sondern identifizieren auch deren Ursachen (Kausalität). Nur so können sie systemische Schwächen aufspüren und gezielt intelligente Optimierungen vornehmen. Notwendig ist dafür ein kontinuierliches Monitoring und Feedback aus der Fabric.
- Structure for Discovery: Sind Probleme und Ursachen identifiziert, für die die bestehenden Strukturen nicht ausreichen, können lernfähige Agenten neue Workflows generieren. Die Fabric unterstützt sie, relevante Datenquellen zu verknüpfen und neue Lösungswege zu entdecken.
- Connect the Human Chain: Agentic AI ersetzt den Menschen nicht, sondern ergänzt ihn. Die Interaktion zwischen beiden erfolgt innerhalb der Prozesse über transparente Schnittstellen, die Verantwortlichkeiten und den jeweiligen Status sichtbar machen. Auf diese Weise entsteht ein sinnvolles vernetztes Arbeiten zwischen Mensch und Maschine.
- Regulate the Flow: Agenten sorgen für einen reibungslosen Arbeitsfluss, indem sie Prozesse adaptiv und dynamisch steuern – ganz ohne starre Regeln. Sie priorisieren dafür Aufgaben und vermeiden Engpässe oder Blockaden im Ablauf. Die Fabric sorgt für einen durchgehenden Informationsfluss.
- Visualize the Work: Dashboards und Kontrollmechanismen, die üblicherweise von der BOAT-Plattform bereitgestellt werden, machen die Arbeit der Agenten sichtbar und überprüfbar. So behalten die gemischten Teams aus Mensch und Maschine jederzeit den Überblick über alle laufenden Prozesse, deren Status und Performance.
Was passiert bei ungewöhnlichen Ereignissen?
Während die klassische Workflow-Automatisierung bei unstrukturierten Fällen und ungewöhnlichen Situationen, den sogenannten Edge Cases, an ihre Grenzen stößt, können intelligente Prozessarchitekturen ad-hoc die benötigten Prozesse generieren. Statt fertigen Abläufen zu folgen und auf vordefinierte Regeln zurückzugreifen, analysieren Agenten die Situation und nutzen vorhandene Daten und Erfahrungswerte, die dazu passen, um situativ einen geeigneten Workflow anzulegen. Dadurch ist Agentic AI äußerst flexibel und praktisch universell einsetzbar.
Intelligente Prozesse sind ein Paradigmenwechsel
Bei der Prozessoptimierung mit Agentic AI handelt es sich nicht einfach um einen technischen Fortschritt. Vielmehr ist es ein Paradigmenwechsel, der die Art und Weise, wie Unternehmen funktionieren, grundsätzlich verändert – schließlich gibt es ein ganz neues Miteinander von Mensch und Maschine.
Ihre Zusammenarbeit und Arbeitsteilung nimmt neue Formen an, wobei die Rollen und Zuständigkeiten klar verteilt sind: Agenten erledigen Routineaufgaben, modifizieren Prozesse bei veränderten Bedingungen und optimieren sie sukzessive – losgelöst von starren Vorgaben. Menschen wiederum gestalten die agentische KI und kontrollieren sie. Verbunden sind Menschen und KI-Agenten auf Prozessebene durch eine Fabric, während BOAT die Orchestrierung übernimmt und für die nötige Skalierbarkeit sorgt. Damit sind die Grundlagen für ein Autonomous Enterprise gelegt, das schneller, effizienter und smarter agiert, als klassische Unternehmen das selbst bei hohem Automatisierungsgrad können.
Über den Autor:
Florian Lauck-Wunderlich ist Technical Solutions Director AI and Advanced Analytics Consulting EMEA bei Pegasystems.
Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder.