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Security-Trends 2026: KI, Quantencomputer und Verantwortung

Aus Sicht der Cybersicherheit wird das Jahr 2026 von einem Spiel verschiedener Kräfte geprägt sein: Edge-Computing, Hyperautomatisierung und künstliche Intelligenz.

KI ist zum Bindeglied zwischen Cloud, Netzwerken und physischen Systemen geworden. Die Quantenforschung stellt die grundlegende Mathematik des digitalen Vertrauens infrage – etliche Verschlüsselungsalgorithmen werde bis Mitte des kommenden Jahrzehnts unzulässig und müssen durch Post-Quantum-Algorithmen ersetzt werden, während auf der anderen Seite das Internet vom Web 4.0 grundlegend verändert wird.

Unternehmen müssen Prävention, Transparenz und Agilität in allen Bereichen ihrer Betriebsabläufe berücksichtigen, um sich auf die Anforderungen von morgen schon jetzt vorzubereiten, dazu kommen die regulatorischen Rahmenbedingungen.

In dem folgenden Beitrag werden die wichtigsten Faktoren beleuchtet, die von den Forschern, Strategen und Führungskräften von Check Point für das kommende Jahr identifiziert wurden. Jede Prognose untersucht, wie sich Risiken entwickeln werden und wie präventionsorientierte, KI-gesteuerte Sicherheitsarchitekturen Unternehmen dabei unterstützen können, der Evolution von Cyberbedrohungen einen Schritt voraus zu sein. Die folgenden zehn Security-Trends für das Jahr 2026 sollen Sicherheitsteams Orientierung geben.

1. Der Auftakt agentenbasierter KI: Von Assistenten zur Autonomie

Das Jahr 2026 markiert den Durchbruch der agentenbasierten KI; autonome Systeme, die mit minimalem menschlichem Input denken, planen und handeln können. Wir bewegen uns weg von Assistenten, die Inhalte entwerfen, hin zu Agenten, die Strategien umsetzen. Diese Systeme werden Budgets zuweisen, Produktionslinien überwachen oder Logistikwege umleiten - und das alles in Echtzeit. Fabriken werden Fehler selbst diagnostizieren und Teile automatisch über Blockchain-verifizierte Netzwerke bestellen. Marketing-, Finanz- und Sicherheitsfunktionen werden sich auf Agenten stützen, die kontinuierlich aus Kontextdaten lernen und mit Maschinengeschwindigkeit handeln.

Autonomie ohne Rechenschaftspflicht birgt jedoch Risiken. Mit zunehmender operativer Autorität der Agenten entstehen neue Lücken in der Governance: Wer validiert ihre Handlungen, überprüft ihre Logik oder greift ein, wenn die Absicht vom Ergebnis abweicht? Unternehmen benötigen daher KI-Governance-Gremien, strenge Richtlinien und unveränderliche Prüfpfade, die jede autonome Entscheidung aufzeichnen.

2. Digitale Zwillinge und Extended Reality definieren die Interaktion des Menschen mit der Infrastruktur neu

2026 werden für Web 4.0 die Grundlagen gelegt. Dieses Web der nächsten Generation verbindet räumliches Computing, Digital Twins und KI auf Betriebssystemebene. Smart Cities, ICS (Industrial Control Systems) und Campus-Netzwerke werden über virtuelle Echtzeitmodelle emuliert. Ingenieure werden Wartungsarbeiten simulieren, Sicherheitspatches testen oder Risikoszenarien visualisieren können, bevor sie die physische Umgebung berühren. Augmented- und Virtual-Reality-Schnittstellen werden Dashboards ersetzen, sodass Mitarbeitende Daten nicht mehr zeitaufwändig durchlesen müssen, sondern sie visualisiert aufbereitet bekommen.

Diese Konvergenz verspricht enorme Effizienz- und Sicherheitsgewinne, bringt jedoch auch komplexe Herausforderungen hinsichtlich der Interoperabilität mit sich. Unterschiedliche Systeme und Standards müssen nahtlos miteinander kommunizieren, da sonst die Sichtbarkeit fragmentiert und ausnutzbar wird.

3. Die wachsende Rolle der KI bei der Gestaltung von Sicherheitsentscheidungen

KI verändert zunehmend die Grundlagen der Cybersicherheit. Was einst hauptsächlich als Werkzeug für operative Effizienz diente, beeinflusst heute die Art und Weise, wie sowohl Angreifer als auch Verteidiger planen, sich anpassen und handeln. Die Branche bewegt sich in eine Phase, in der KI nicht mehr nur eine unterstützende Funktion hat, sondern ein fester Bestandteil der Arbeitsabläufe in den Bereichen Erkennung, Analyse und Entscheidungsfindung ist.

Im Jahr 2026 wird sich diese Entwicklung voraussichtlich noch weiter vertiefen. Angreifer nutzen KI bereits, um schnellere, umfassendere und maßgeschneiderte Kampagnen zu entwickeln. Dies wird Unternehmen zunehmend dazu zwingen, Verteidigungsfähigkeiten zu entwickeln, die mit diesem Tempo Schritt halten können. Dazu sind kontinuierliches Lernen, Echtzeit-Kontext und autonomere operative Unterstützung erforderlich. Dies spiegelt eine Veränderung in der Art und Weise wider, wie Sicherheitsteams Maßnahmen priorisieren, Risiken verstehen und Reaktionen koordinieren. Denn dieselben Fähigkeiten, die Angreifern mehr Macht verleihen, stärken auch die Verteidigungsteams. KI wird zu einer operativen Ebene innerhalb der Sicherheitsabläufe, verbessert das menschliche Fachwissen, vereinfacht manuelle Arbeitsabläufe und reduziert die MTTR (Mean Time to Recovery). KI hilft dabei, Qualifikationslücken zu schließen, und ermöglicht eine Prävention und Erkennung, die mit dem Tempo moderner Bedrohungen Schritt halten kann.

4. Vertrauen ist der neue Perimeter: Deepfakes und Betrug in virtuellen Gesprächen

Generative KI hat die Grenze zwischen echt und gefälscht verwischt. Eine geklonte Stimme kann eine Überweisung autorisieren. Ein KI-generiertes Echtzeitvideo kann privilegierten Zugriff anfordern. Und eine überzeugende Chat-Interaktion mit Kenntnis der Unternehmensprozesse kann die Multifaktor-Authentifizierung komplett umgehen.

Technische Authentizität garantiert nicht mehr die menschliche Authentizität. Jede Mensch-Maschine-Schnittstelle wird zu einem potenziellen Angriffsvektor. Business E-Mail Compromise (BEC) wird sich zu Betrug auf der Basis vertrauensvoller Beziehungen entwickeln. Diese Maschen werden jetzt mit Deepfakes, adaptiver Sprache und Taktiken, die auf die Emotionen der Menschen zielen, fortgeführt.

5. Von der raschen Einführung zum verantwortungsvollen Einsatz

Nach zwei Jahren nahezu hektischer KI-Einführung wird im Jahr 2026 die erste große Neukalibrierung stattfinden. Viele Unternehmen, die sich beeilt haben, generative KI-Tools zu integrieren, werden unkontrollierte Systeme, exponierte APIs und Compliance-Blindspots entdecken. Schatten-KI - von Mitarbeitern initiierte Tools, die Unternehmensdaten nutzen - werden sich verbreiten und zu unsichtbaren Datenlecks und inkonsistenten Sicherheitsstandards führen.

Diese Phase der Desillusionierung ist notwendig. Sie wird den Wandel vom Experimentieren zur Verantwortlichkeit vorantreiben. Führungskräfte werden beginnen, den Wert der KI anhand von Ergebnissen und nicht von Hypes zu messen. In allen Branchen werden KI-Frameworks entstehen, die formelle Audits hinsichtlich Fairness, Robustheit und Sicherheit erfordern. Solche Rahmenwerke für KI mit überprüfbaren Standards für Transparenz, Fairness und Sicherheit werden in allen Branchen entstehen und Teil der gängigen Unternehmensführung werden.

6. Erpressung ersetzt Verschlüsselung

Ransomware hat sich von Verschlüsselung zu psychologischer Nötigung entwickelt. Angreifer exfiltrieren nun sensible Daten, setzen ihre Opfer durch Aufsichtsbehörden, Kunden oder die Presse unter Druck und legen den Zeitpunkt der Veröffentlichung strategisch fest, um eine maximale Wirkung zu erzielen.

Derartige Aktivitäten sollen Angst auslösen, statt Sabotage zu betreiben. Die rechtliche Haftung, der Reputationsschaden und die behördliche Kontrolle übersteigen oft die Kosten für Lösegeldzahlungen.

7. Risiken in der Lieferkette: Auf dem Weg zu autonomen, verantwortungsbewussten Netzwerken

Jede API, jeder Cloud-Dienst und jeder Anbieter vergrößert die Angriffsfläche eines Unternehmens. Im Jahr 2026 schaffen hypervernetzte Lieferketten sowohl Effizienz als auch systemische Risiken. Agentic AI wird ein autonomes Risikomanagement ermöglichen, das globale Partner kontinuierlich auf Compliance, Störungen und Solvenzindikatoren überprüft.

Hyperautomatisierung vervielfacht jedoch auch die Gefährdung: Eine kompromittierte Softwarebibliothek oder ein gestohlenes Token kann sich innerhalb weniger Stunden auf Tausende von Kunden auswirken.

Thomas Boele, Check Point Software Technologies

„KI-Agenten automatisieren Entscheidungen. Web 4.0 verbindet physische und virtuelle Umgebungen. Quantencomputer bedrohen die kryptografische Grundlage des Vertrauens. Diese Technologien kollidieren miteinander und schaffen ein Umfeld, in dem Innovation und Instabilität Hand in Hand gehen.“

Thomas Boele, Check Point Software Technologies

8. Zunahme von Angriffen auf Edge-Geräte und KI-gestützte Identitätsangriffe

Ausgeklügelte, staatlich geförderte Angreifer werden weiterhin vorrangig Edge-Geräte wie Router, Kameras, IoT-Systeme und Firewalls ausnutzen. Über diese stillen Zugangspunkte dringen sie in hochsensible Umgebungen ein, ohne dabei herkömmliche Erkennungskontrollen auszulösen.

Unterdessen werden sich die meisten Akteure, insbesondere Cyberkriminelle, auf mehrkanaliges, KI-gestütztes Social Engineering konzentrieren und generative Modelle einsetzen, um überzeugende Kommunikation, adaptive Interaktionsmuster und überzeugende digitale Persönlichkeiten über E-Mail-, Messaging-, Sprach- und Supportkanäle hinweg zu schaffen.

Die disruptivste Veränderung wird von KI-gesteuerten Identitätsangriffen ausgehen, die menschliches Verhalten in großem Maßstab nachahmen, einschließlich Stimme, Schreibstil, Interaktionsverlauf, kontextbezogenen Hinweisen und digitalen Bewegungsmustern. Diese Fähigkeiten werden die heutigen Identitäts-, Verifizierungs- und KYC-Systeme ((Know Your Customer) untergraben, die auf statischen Signalen und punktuellen Überprüfungen basieren. Wenn ein KI-System eine kohärente, beständige und reaktive Identität generieren kann, wird die herkömmliche Verifizierung unwirksam.

9. Prompt Injection wird zum primären Angriffsvektor

Bis 2026 werden direkte und indirekte Prompt Injection zum primären Angriffsvektor gegen KI-Systeme werden. Dies wird durch den Aufstieg von KI-Browsern und die rasche Verbreitung von agentenbasierten KI-Diensten angetrieben. Angreifer werden zunehmend bösartige Anweisungen in gewöhnliche Inhalte, Dokumente, Dateien, Herstellerberichte, Websites, Anzeigen und externe Datenströme einbetten und so leistungsstarke KI-Tools in unwissende Mithelfer für böswillige Aktivitäten verwandeln.

Da agentenbasierte KI-Dienste viele externe Informationen verarbeiten, um autonome Entscheidungen zu treffen, können Angreifer versteckte Befehle in gewöhnliche Inhalte einbetten, um diese Entscheidungen zu beeinflussen. Dadurch ist es möglich, Arbeitsabläufe zu kapern, Aktionen umzuleiten oder KI-Agenten zu Aufgaben zu zwingen, für die sie nie vorgesehen oder autorisiert waren. Die Zunahme indirekter Prompt-Injection-Kampagnen zeigt, wie schnell diese Technik von der theoretischen Diskussion zur praktischen Ausnutzung übergeht.

Intern entwickelte agentenbasierte Dienste verstärken diese Gefährdung noch. Diese Systeme lesen, interpretieren und verarbeiten ständig Informationen aus externen Quellen. Werden diese Informationen manipuliert, kann die Logik des Agenten unterlaufen werden, was zu unbefugten Aktionen, der Offenlegung sensibler Daten oder der Störung kritischer Geschäftsprozesse führen kann. Jüngste Angriffe auf KI-gesteuerte Analyseplattformen zeigen, wie leicht diese Agenten irregeführt und als Waffen eingesetzt werden können.

10. Konvergenz: Resilienz und Risiko im hypervernetzten Zeitalter

Konvergenz ist das bestimmende Merkmal des Jahres 2026. KI-Agenten automatisieren Entscheidungen. Web 4.0 verbindet physische und virtuelle Umgebungen. Quantencomputer bedrohen die kryptografische Grundlage des Vertrauens. Diese Technologien kollidieren miteinander und schaffen ein Umfeld, in dem Innovation und Instabilität Hand in Hand gehen.

Kritische Infrastrukturen wie Energie-, Telekommunikations- und Transportnetze sind zunehmend auf digitale Zwillinge und prädiktive KI angewiesen. Regierungen werden einheitliche Sicherheitsstandards durchsetzen und in gemeinsame Krisensimulationsplattformen investieren. Hier sollten Sicherheitsteams zwei entscheidende Entwicklungen beachten, nämlich autonome Lieferketten und systemische Resilienz.

  • Autonome Lieferketten: Echtzeit-KI-Überwachung wird selbstheilende Logistik ermöglichen, aber auch gemeinsame Risikoökosysteme schaffen, die föderierte Sicherheitsmodelle erfordern.
  • Systemische Resilienz: Kontinuität muss auf jeder Ebene des Betriebs verankert werden. Resilienz wird so zu einem lebendigen Prozess, der von adaptiver Intelligenz angetrieben wird.

Ebenso sollte man nicht außer Acht lassen, dass KI-Modelle erheblichen Gefahren ausgesetzt sind, beispielsweise hinsichtlich Data- und Model-Poisoning sowie Data- und Model-Evasion, was für klassische Elemente der Cybersicherheit nicht erkennbar ist. Schon die Manipulation einer geringen Menge von Trainingsdaten kann zu einer massiven Erhöhung der Fehlerrate führen.

Fazit

Die Konvergenz von KI, Quanten- und immersiven Technologien erfordert eine neue Philosophie der Cybersicherheit. Die folgenden vier Prinzipien bilden hierfür die Grundlage, Prävention, KI-orientierte Sicherheit, Absicherung der Konnektivität und offene Plattformen.

  1. Prävention an erster Stelle: Angriffe vorhersagen und blockieren, bevor sie stattfinden.
  2. KI-orientierte Sicherheit: Intelligenz verantwortungsbewusst einsetzen, um autonomen Bedrohungen immer einen Schritt voraus zu sein.
  3. Absicherung der Konnektivität: Jedes Gerät, jeden Datenfluss und jeden Cloud-Dienst als ein einziges Ökosystem schützen.
  4. Offene Plattform: Transparenz, Analyse und Kontrolle im gesamten Unternehmen vereinheitlichen.

Unternehmen, die diese Grundsätze übernehmen, werden nicht mehr nur auf Bedrohungen reagieren, sondern sie kontrollieren. Dies ist das Gleichgewicht zwischen Autonomie und Verantwortlichkeit, dass die digitale Resilienz im Jahr 2026 und darüber hinaus bestimmen wird.

Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder.

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