ONF-Gebühren halten Entwickler von Mitarbeit am OpenFlow-Protokoll ab

Experten fürchten Beeinträchtigungen für Software-definierte Netzwerke aufgrund hoher Gebühren für die Beteiligung an der Entwicklung von OpenFlow.

Die hohen Kosten für die Mitgliedschaft in der Open Networking Foundation (ONF) halten viele Entwickler in Startups und Forschungseinrichtungen davon ab, sich dieser Community zur Entwicklung des OpenFlow-Protokolls anzuschließen. Der Mangel an Diversität und begrenzte Beiträge haben in den Augen mancher bereits zu einer verfrühten Kommerzialisierung von OpenFlow geführt. Und wie Experten glauben, könnten sich dadurch auf Dauer auch Probleme für das gesamte Feld des Software-defined Networking (SDN) ergeben.

Die ONF, ein exklusiver Club

Jeder kann der ONF beitreten und zur Entwicklung des OpenFlow-Protokolls beitragen – aber nur, wenn er sich die jährliche Mitgliedsgebühr von 3000 Dollar leisten kann.

Die Mitglieder der ONF entwickeln das OpenFlow-Protokoll und besetzen auch das Board of Directors sowie mehrere Arbeitsgruppen. Dabei dominieren große Netzwerk-Betreiber und große Unternehmen, etwa Google, Goldman Sachs, Facebook, NTT, Verizon, Yahoo und Deutsche Telekom, das Board als OpenFlow-Nutzer. Doch auch alle führenden Anbieter von Netzwerk-Infrastruktur und -Technologie im Unternehmensbereich haben sich der ONF angeschlossen.

Anders als diese großen Akteure empfinden Techniker bei Forschungs- und Bildungseinrichtungen sowie manche SDN-Startups die Kosten der Mitgliedschaft als zu hoch und kritisieren, davon würden sie von der Mitarbeit am OpenFlow-Standard abgehalten. Durch die Gebühr könne auch der Zugang zu wichtigen Informationen eingeschränkt sein, die als Richtschnur bei Entscheidungen über Investitionen in die Technologie dienen sollen. Andere Standardisierungsgremien wie die Internet Engineering Task Force (IETF) verlangen keine Mitgliedsgebühren.

„In der Open-Source-Community wird der eigene Wert von dem bestimmt, was man beiträgt“, sagt ein Techniker von einer großen Universität, der lieber anonym bleiben möchte. „Wir sind davon einigermaßen abgeschnitten“.

Wurde OpenFlow zu früh und mit zu wenig externen Beiträgen zum Produkt gemacht?

Ingenieure, die sich über den Mangel an unterschiedlichen Beiträgen zu OpenFlow Gedanken machen, sind besorgt über das Drängen der ONF, aus OpenFlow schnell ein Produkt zu machen und es zu kommerzialisieren. Mehrere der Anbieter unter den ONF-Mitgliedern haben bereits OpenFlow-freundliche Switches und andere Technologien aus diesem Bereich auf den Markt gebracht.

„OpenFlow wurde zu schnell zum Produkt gemacht“, sagt der Universitätstechniker. Die Veröffentlichung kommerzieller Produkte basierte noch auf OpenFlow Version 1.1, die keine Unterstützung für IPv6 aufwies und eine Reihe von Problemen bei Sicherheit und Quality of Service mitbrachte. Das seien Zeichen für unreife Produkte, sagt der Techniker.

Das Herausbringen von kommerziellen Produkten auf der Grundlage eines „suboptimalen API, das nicht bereit für den Produktiv-Betrieb ist“, könne auch die Verbreitung von SDN mit OpenFlow hemmen, sagt Eric Johnson, CEO des kalifornischen SDN-Anbieters Adara Networks. Breitere Beiträge aus der gesamten Community hätten seiner Meinung nach dabei helfen können, das zu verhindern.

„Man kann nicht einfach Beta-Code nehmen, ihn verkaufen und darauf verweisen, dass man an der Weiterentwicklung des Standards beteiligt ist – das ist keine echte OpenFlow-Implementation“, so Johnson. „In diesem Fall wird der Standard leiden, und der Markt wird sich in Richtung von APIs bewegen, die zum Beispiel von Cisco oder Alcatel-Lucent angeboten werden.“

Für ein Unternehmen wie Adara, das auch andere Enterprise-Technologien und Sicherheitsprodukte anbietet, ist die ONF-Mitgliedsgebühr weniger prohibitiv als für solche mit weniger Ressourcen. Dabei sind SDN-Startups und akademische Forschungseinrichtungen laut Johnson bislang am weitesten damit, die Interoperabilität von OpenFlow zu testen und schwere technische Probleme anzugehen, die das Protokoll noch plagen. Ihre Beiträge seien deshalb unverzichtbar für die Weiterentwicklung der Spezifikation. „Genau diese Unternehmen und Organisationen sollten sich bei OpenFlow engagieren“, fordert Johnson.

ONF: Hohe Gebühr soll ernsthaftes Engagement sicherstellen

Wie der ONF-Geschäftsführer Dan Pitt erklärt, sind die Gebühren dazu da, die Kosten der Stiftung zu decken. Ebenso wichtig aber sei, dass sie die Teilnahme auf diejenigen beschränke, die „ernsthaft interessiert sind“, aus OpenFlow kommerzielle Produkte zu machen und es in Enterprise- und Provider-Netzwerken eingesetzt zu sehen.

„Es gibt Leute, die das Ganze eher für eine Forschungsübung und für nicht wirklich kommerziell halten. Aus diesem Grund versuchen wir, die Herkunft aus der Forschung nicht zu sehr zu betonen“, sagt Pitt. Der Standard werde jetzt von Menschen geschrieben, „die diese Sachen bauen und implementieren“.

OpenFlow ist aus der Forschungsarbeit an der Stanford University hervorgegangen, geleitet vom späteren Nicira-Gründer Martin Casado und einem Team von mittlerweile bekannten Technikern wie Nick McKeown, der stark in der ONF und bei den Grundlagen für den OpenFlow-Standard engagiert ist. Zunächst wurde das Protokoll auf einer freien Website namens OpenFlow.org veröffentlicht. Ab der Version 1.1 hat jedoch die ONF die Entwicklung übernommen; seitdem wurden die OpenFlow-Versionen 1.2 und 1.3 herausgebracht.

Die Gruppe der ONF-Mitglieder wächst immer weiter und umfasst mittlerweile auch viele SDN-Startups. Allerdings fürchten viele der für diesen Artikel befragten Netzwerk-Experten, dass wichtige Anbieter bei einem Großteil der Arbeit in der Stiftung ihre eigenen Interessen verfolgen. Einer der Techniker nannte als treibende Kräfte VMware, Cisco und Big Switch Networks.

„Was die Community braucht, ist ein Konsortium aus Leuten, die ein transparentes Protokoll steuern. Die Netzwerk-Hersteller sollen Beiträge dazu liefern, aber nicht die Kontrolle darüber haben“, sagt ein Universitätsvertreter, der anonym bleiben möchte.

Johnson von Adara dagegen äußert ganz offen, dass VMware die Agenda der ONF bestimme. „Vieles von dem, was die ONF beschäftigt, wird von VMware vorangetrieben. Dies hängt mit seiner Übernahme von Nicira zusammen“, sagt er. Ebenfalls Sorgen bereite ihm, dass derart viele Unternehmen mit proprietären Plattformen für SDN und Netzwerk-Virtualisierung, einschließlich VMware und Cisco, intensiv an der Entwicklung eines Open-Source-Protokolls beteiligt seien.

Pitt allerdings betont seit langem, es sei die Mission der ONF, zu verhindern, dass einzelne Anbieter – konkret Cisco – den Ton in der Stiftung angeben. Eine Dominanz einzelner Anbieter könne Innovationen verhindern und proprietäre Strategien fördern, hat er zum Beispiel einmal gesagt. In Interviews sprach Pitt sogar davon, die ONF solle auf keinen Fall zur nächsten IETF werden. Von der Internet-Organisation sagen viele, sie habe sich in den letzten Jahren von Cisco die Richtung vorgeben lassen.

Forscher betreiben riesige OpenFlow-Netze, haben aber keinen direkten Einfluss

Stark in der ONF engagierte Anbieter arbeiten für Produkt-Entwicklung und Tests auf Interoperabilität eng mit Technikern in F&E-Laboren zusammen. Als Folge davon sind Universitäten oft die ersten, die entsprechende Technologien in den Netzwerken ihrer Produktiv-Umgebungen und Rechenzentren einsetzen.

Über diese Partnerschaften mit Netzwerk-Anbietern können sie indirekt auch Beiträge für die ONF liefern. Vor kurzem auf der Konferenz TIP 2013 äußerten aber mehrere F&E-Ingenieure Enttäuschung über etwas, das einer von ihnen als „gefilterte“ Beteiligung bezeichnete. „Das hat etwas von Ghetto-Bildung“, sagte er.

Denn wenn ein Anbieter mit den Erkenntnissen seines akademischen Test-Partners nicht einverstanden ist, wird er sie nicht weitergeben. Das gilt natürlich erst recht, wenn er glaubt, die Empfehlungen könnten Probleme für seine eigenen Pläne mit kommerziellen Produkten bringen. „Manchmal mögen die Leute nicht, was wir wollen, und dann werden sie es auch nicht vorschlagen“, sagt dazu der anonyme Kritiker.

Jenseits von Partnerschaften mit Unternehmen haben Forschungseinrichtungen auch in Eigenregie OpenFlow-Projekte im großen Maßstab implementiert. Internet2 zum Beispiel hat ein globales OpenFlow-Netzwerk mit 100 GbE geschaffen, das Forschungsstätten miteinander verbindet und massive Daten-Transfers für wissenschaftliche Forschung und Zusammenarbeit ermöglichen soll.

Internet2 wollte sich zu den ONF-Gebühren nicht direkt äußern, schickte aber eine allgemeine E-Mail zu dem Thema: „Wir haben ein hervorragendes Verhältnis zur ONF und sind der Ansicht, dass sie viel dafür tut, ihre Unterstützung für akademische und Forschungseinrichtungen zu verstärken; wir begrüßen das“.

Bei der ONF gibt es bereits ein Programm für akademische Partner, die keine Gebühren zahlen müssen, aber dennoch voll teilnehmen können, erklärt Pitt. Die Mitgliedschaft wird dabei an Einzelpersonen verliehen, nicht ihre Einrichtungen. Derzeit gibt es vier derartige Mitglieder von den Universitäten Stanford, Princeton, Indiana und Maryland. Das Programm soll laut Pitt so erweitert werden, dass auch unabhängige Forschungslabors teilnehmen können; wie viele Plätze die ONF dafür schaffen will, sagte er aber nicht.

Begrenzter Zugang zu Informationen über die Protokoll-Entwicklung ist Anlass zur Sorge

Zudem wollen Techniker nicht nur selbst zum Standard beitragen, sie wollen auch mehr Informationen über die Entwicklung des OpenFlow-Protokolls. Ohne diese zögern sie bei Investitionen in die Technologie.

„Ich plane die Anschaffung neuer Hardware, und es gibt all diese Informationen, aber ich kann auf nichts davon zugreifen“, sagt ein Universitätstechniker, der die Technologie aktuell für seine Produktiv-Umgebung untersucht. „Ich will eine Million Dollar ausgeben, aber die Techniker sitzen auf diesen Informationen. Das ist nicht gut“, beschwert er sich.

Pitt verweist dagegen darauf, dass die ONF sehr offen mit der Veröffentlichung von Informationen aus ihren Arbeitsgruppen und dem Board umgehe. Es sei die Kernmission der Stiftung, aktuelle OpenFlow-Informationen an diejenigen zu verbreiten, die diese Technologie entwickeln und implementieren.

Den Techniker, der derzeit nach OpenFlow-Informationen sucht, kann Pitt damit allerdings nicht beeindrucken: Derzeit stünden schlicht nicht genügend Dokumentationen und Vorlagen für die Implementierung der Technologie zur Verfügung, sagt er.

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