IoT-Strategie von SAP: So sollen ERP- und IoT-Tools künftig zusammenarbeiten

Die Liste der IoT-Produkte wächst bei SAP. Unternehmen müssen allerdings erst lernen, wie diese mit ihren ERP- und Analytics-Tools zusammenarbeiten.

SAP hat in den letzten Monaten eine Reihe von Produktankündigungen gemacht, Marketing-Material produziert und ist auf verschiedenen prominenten IoT-Konferenzen (Internet of Things, Internet der Dinge) vertreten gewesen.

Mit der tiefgehenden Präsenz in der verarbeitenden Industrie, die einer der ersten Nutznießer von IoT beziehungsweise Industrie 4.0 ist, erscheint es wenig überraschend, dass SAP IoT-Anwendungen veröffentlicht, die sich an die eigenen Kunden richten.

Doch SAP-Anwender benötigen Hilfe dabei zu verstehen, was die vielen SAP IoT-Produkte eigentlich machen und wie sie sich in das existierende Portfolio integrieren.

Um IoT-Produkte zu verstehen, muss man zuerst das Internet der Dinge verstehen. Einfach ausgedrückt, befasst sich das Internet der Dinge mit Geräten und Gerätediensten, Middleware-Produkten, IoT-orientierten Datenanalysen und Business-Anwendungen, welche sich auf Daten stützen.

IoT-Anwendungen sind für Geräte gedacht, die sich lokal im Unternehmen befinden oder Remote gesteuert werden können sowie für digitalisierte Produkte. IoT-Produkte adressieren Assets, die sowohl in einem Gebäude im Ruhezustand oder in Bewegung sein können. Abbildung 1 zeigt spezifische SAP IoT-Angebote.

Abbildung 1: Vereinfachte Darstellung von SAP IoT-Produkten.

SAP bietet mehrere Produkte für den IoT-Markt an, einschließlich SAP IQ (früher Sybase IQ), SQL Anywhere, Event Stream Processor (SAP ESP), Afaria, HANA Enterprise Cloud und NetWeaver. All diese Produkte arbeiten mit anderen SAP Enterprise- und Analytics-Anwendungen zusammen. Werfen wir einen Blick auf die verschiedenen Bereiche.

Endgeräte- und Serviceschicht

Das Internet der Dinge erfordert Software und Services, die Geräte (Sensoren, Mobilgeräte, GPS, RFID) sowie verbundene Maschinen (Machine-to-Machine- oder M2M-Kommunikation) umhüllen. Software muss in der Lage sein, jedes Gerät zu verbinden (Geräteintegration). Auf dieser untersten Ebene ist zu erwarten, dass SAP die Geräte vieler verschiedener Partner vernetzen muss.

Sensoren und RFID-Anbieter bieten in der Regel eine kompatible Gerätekonnektivität. SAP übernimmt dabei die Verbindung der Geräteintegrationsschicht mit einer Middleware-Schicht, die Daten an relevante Kunden sendet. Die Daten der Geräte können auf lokaler Ebene gespeichert oder in die Cloud oder in Geschäftsanwendungen bewegt werden. SAP-Produkte, zu denen zum Beispiel SQL Anywhere gehört, können sich dann mit diesen Daten verbinden. Als oberste Schichte kommt ein Complex Event Processor (komplexer Ereignisprozessor, CEP) zum Einsatz. SAP stellt wiederum den Event Stream Processor (SAP ESP) bereit.

Der Event Stream Processor ist unerlässlich und heute eine der wichtigsten IoT-Komponenten, unabhängig davon, ob Produkte von SAP oder anderen Anbietern eingesetzt werden. Bei SAP-Anwendungen fließen die Daten aus allen Quellen – RFID-Daten, verschiedene temporäre Verkehrs-, Wetter- und Social-Media-Datenströme sowie Events von traditionellen Datensystemen – in SAP ESP ein.

Die Herausforderung bei CEPs ist, dass sie kunden- und anwendungsfallspezisch sind. CEP-Anbieter haben in der Regel ein Analytics-Portfolio um ihre Produkte entwickelt, wobei CEP ursprünglich in der Finanzindustrie entwickelt wurde und Produktion sowie Supply Chain noch neue Domänen sind.

SAP-Anwender sollten sich für ihre jeweiligen Anwendungen Unterstützung aus einem Standard CEP- und Analytics-Portfolio holen. Andernfalls müssen sie sich ein eigenes Portfolio aufbauen. Anwender sollten sich allerding stärker darauf konzentrieren, wie sie CEPs einsetzen können.

Organisationen, für die Mobilgeräte ein zentraler Bestandteil ihres IoT-Projekts sind, sollten SAP SQL Anywhere MobiLink für die Integration und für das Mobile Device Management (MDM) Afaria in Erwägung ziehen.

In der Fabrik und im ERP-System

SAP-Anwender in der Produktion verwenden meist SAP-Produkte wie Materialwirtschaft (MM) und Instandhaltung (PM). Einige Unternehmen arbeiten außerdem mit einer Manufacturing-Execution-Schicht, inklusive Produktdatenerfassung und Fertigungsintegration sowie einer Intelligenz, welche die Gerät steuert und überwacht. Viele Hersteller haben einige dieser Tools mit ihrem SAP ERP-System gebündelt. SAP bietet darüber hinaus Software für das Enterprise Asset Management und ein Asset-Tracking-Netzwerk (Asset Network Solutions), um die Asset-Sichtbarkeit über die gesamte Wertschöpfungskette zur Verfügung zu stellen.

Der SAP-Support für herstellende Unternehmen ist nicht neu, wo aber kommt nun das Internet der Dinge ins Spiel? Es geht dabei um das Konzept, einige der Asset-Daten mit Daten im Internet zu verschmelzen. Beim Geräte-Management lassen sich zum Beispiel lokale Geräte über das Internet mit Geräten außerhalb des Unternehmens verbinden. Eine Wartungsfirma kann die Geräteleistung überwachen und erforderliche Reparaturen machen. Die Predictive-Maintenance-Analytik in SAP PM kann in diesem Anwendungsfall eine entscheidende Rolle spielen. SAP hat bereits einige interessante Demos gezeigt, bei denen Hersteller ihre Geräte aus der Ferne überwachen.

Gerätehersteller mit digitalen Komponenten können IoT-Verbindungen nutzen, um die Software per Remote-Zugriff zu aktualisieren. SQL Anywhere kann dabei die Rolle eines Edge-Servers übernehmen, um den Zugriff auf Equipment beziehungsweise Geräte durch Anwender, die außerhalb des Unternehmens arbeiten, zu erlauben. Diese Modell ist mittlerweile vor allem bei Herstellern beliebt, die komplexe, industrielle Ausrüstung unter anderem für Fabriken, Bergbau, Bauindustrie und Landwirtschaft anbieten.

Wie sieht es mit beweglichen Produkten aus? Daten aus dem Fertigungsprozess, wie zum Beispiel Stücklisten, Seriennummern und Mengen- sowie Produktlabel, können nun Teil der Daten sein, die Dinge begleiten. Für industrielle und elektronische Produkte lassen sich diese Daten in das Produkt einbetten. Bei verpackten Produkten aus der Prozessfertigung (chemische, pharmazeutische und Nahrungsmittelindustrie) kann ein RFID-Chip oder Sensor den transportierenden Container begleiten oder sie lassen sich direkt an die Verpackung heften. Daten aus diesen Quellen werden wiederum über eine Geräteserviceschicht eines SAP-Partners in SAP ESP eingespielt.

Für Hersteller sind Anwendungsfälle von großer Bedeutung. Sie können Ihnen helfen zu verstehen, wie Ereignisse während der Produktion oder beim Einsatz durch den Kunden langfristig die Qualität beeinflussen, oder sie können damit bessere Verteilungsprozesse evaluieren, um die Produktsicherheit zu gewährleisten.

Ein Schlüsselelement von IoT ist das Teilen von Daten: Ein Hersteller kann Daten mit seinen Kunden teilen, so dass sie mehr über die Produktpflege, Produktaufbewahrung und Produktpraktiken lernen, um regulatorische Vorschriften besser unterstützen zu können. Da Kunden in der Regel eine Vielzahl von Systemstandards und Integrationsmethoden haben, muss die B2B-Integration durch eine offene SAP-Umgebung unterstützt werden. Da SAP aber weiter an seinen Cloud-Produkten arbeitet, dürfte die Integration in Zukunft einfacher werden.

Big Data und Analytics

Wenn sich Anwender Datenquellen anschauen, stellen sie fest, dass es eine große Auswahl von Möglichkeiten gibt, die Welt zu verstehen. All diese Daten vermischen sich in der Cloud. Bei SAP hängt dabei alles davon ab, wie stark das Unternehmen seine In-Memory-Datenbank HANA weiterentwickelt. Das bringt uns zum Thema Big Data.

Gerätedienste und Big Data drücken dem Internet der Dinge ihren Stempel auf. Big Data dreht sich dabei nicht nur um die Speicherung massiver Datenmengen, Suchergebnisse und Analysedaten, sondern auch um neue Arten von Daten, die Legacy-ERP-Anwender heute noch nicht kennen. Das ist die Domäne von Anwendungen, die aus anderen Bereichen kommen, wie zum Beispiel Transportwesen, Meteorologie und Marketing. Datenströme von Sensoren, welche die Temperatur oder Vibrationen messen, erfordern nicht nur die Umwandlung von analogen in digitale Daten, sondern auch Kontextdaten (zum Beispiel Zeit, Datum und Ort).

Social-Media- und Wettermuster sind weit verbreitete Datenströme, die gesammelt und analysiert werden. Viele dieser Daten stammen aus Drittanbieter-Datenquellen, die in SAP-Systeme integriert werden müssen, insbesondere in den Bereichen Logistik, Bauwesen und Landwirtschaft, wo SAP ERP nicht so stark verbreitet ist.

Mehr zum Thema Industrie 4.0:

Erfolgreiche Industrie-4.0-Projekte mit ERP-MES-Integration in sechs Schritten.

Smart Factory: Herausforderungen im Rahmen der Industrie 4.0.

Zu früh für Industrie 4.0? BSI-Veröffentlichung wirft düsteres Licht auf ICS-Sicherheit.

Sicherheitsrisiken von IoT und Industrie 4.0 verstehen.

Datenschutz: Worauf es bei der Suche nach einer IoT-Plattform ankommt.

Aus Analytics-Perspektive muss das Internet der Dinge in einer Art gedacht werden, dass es komplexe kurzfristige Ereignisse überwacht und langfristige Analysen für Trends und Berichte erfasst. Zum Beispiel lassen sich auf diese Weise Daten erforschen, über die neue Produktarten oder Märkte, Forschungsergebnisse (zum Beispiel in der Genomforschung), Kundentrends sowie Wettermuster und ihre Wirkung auf Krankheiten entdeckt werden. Mit der Zeit wird das Data Mining dieser Daten den wahren Wert von IoT darstellen.

Big-Data-Anwendungen können auf ein bestehendes ERP-System aufgesetzt oder parallel dazu integriert werden. Anwender von SAP ERP können sich mit den Tools über HANA verbinden. Die Analysen funktionieren dabei in nahezu Echtzeit und SAP ERP ist dafür gebaut, diese Prozesse abzuarbeiten. Viele SAP-Produkte haben bereits Analysefunktionen integriert und zusätzlich können Anwender Business-Intelligence-Tools von SAP und anderen Anbietern einsetzen.

SAP treibt in erster Linie den HANA-Ansatz für IoT-Analytics voran - und es gibt gute Gründe dafür, wenn SAP ERP oder BI die neuen Datenströme verarbeiten sollen. Viele Unternehmen haben zwar über Jahre Analytics-Feature aufgebaut, die bisher für sie funktionieren, doch Sie sollten evaluieren, ob diese Anwendung mit den neuen Datenquellen zusammenarbeiten, um Erkenntnisse daraus zu gewinnen.

IoT-Anwendungen sind dafür konzipiert, große Datenmengen aufzunehmen und mit traditionellen Datenquellen zu mischen. Und da Unternehmen häufig die Erforschung und Analyse ihrer Daten im Tagesgeschäft segmentieren, macht es Sinn, eine parallele Strategie zu fahren.

Das Ziel ist es, alles zusammenzuführen

SAP-Anwender in der Produktion sind in einer guten Position, um SAP ESP und HANA einzusetzen, da sie bereits Applikationen haben, die smarter werden können. Doch es bedarf einer eigenen Systemarchitektur, um sowohl lokale als auch entfernte sowie mobile Daten zu verarbeiten. Abbildung 2 zeigt SAP-Softwarekonfigurationen für die Anwendung in mobilen und lokalen Umgebungen.

Abbildung 2: IoT-Ansätze für SAP-Anwender.

SAP versucht derzeit seine IoT-Anwendungen zu bündeln, hat aber noch einen weiten Weg vor sich. Wettbewerber, die ein umfangreiches Toolset und Libraries mit vordefinierten Anwendungsfällen und Analysen bieten, haben einen technischen Vorsprung vor SAP. Doch SAP-Anwender werden jederzeit nach SAP-Tools Ausschau halten, wenn sie ein bestimmtes IoT-Werkzeug benötigen.

Die HANA-Anwendungen werden ständig weiterentwickelt und viele Installationen sind kundenspezifische Projekte. Das bedeutet, dass HANA und speziell die HANA Cloud Platform Internet of Things (IoT), die einige Tools und Services bündelt, sich aktuell an Unternehmen richtet, die selbst IoT-Anwendungen entwickeln möchten und nicht nach einem fertigen Portfolion suchen.

Aufgrund der großen Konkurrenz bei Industrie-4.0-Anwendungen zwischen traditionellen Softwareanbietern und der ständig wachsenden Anzahl von Geräteherstellern, die sich mittlerweile selbst als Softwareunternehmen betrachten, muss sich SAP beeilen, um die Lücken in seiner IoT-Bibliothek zu schließen. Die zunehmende Hinwendung zu kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMUs), die gut entwickelte Libraries benötigen, werden für SAP entscheidend sein, um sein Produktportfolio auf eine neue Stufe zu heben.

Folgen Sie SearchEnterpriseSoftware.de auch auf Twitter, Google+, Xing und Facebook!

- GOOGLE-ANZEIGEN

ComputerWeekly.de

Close