MQ-Illustrations - stock.adobe.c

Zwischen Mut und Technik: Der Weg zur Datensouveränität

Digitale Souveränität scheitert selten an der Technik. Entscheidend sind Strategie, Verantwortung und der Mut, Abhängigkeiten Schritt für Schritt abzubauen.

Wir könnten, sollten, müssten mal. Solche Aussagen waren in den letzten Jahren wahrscheinlich in etlichen Unternehmen zu hören, wenn es um die Frage der digitalen Souveränität ging. Viele Organisationen haben erkannt, dass sie mehr Kontrolle über ihre Daten, Anwendungen und Infrastrukturen benötigen. Sie wollen unabhängiger von einzelnen Plattformanbietern werden und vermeiden, dass geschäftskritische Prozesse langfristig an Technologien gebunden sind, deren Entwicklung sie kaum beeinflussen können.

Trotzdem bleibt es häufig bei dieser Erkenntnis. Der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit ist vorhanden, die konkrete Umsetzung folgt aber deutlich langsamer. Die Gründe dafür liegen dabei selten allein in der Technologie, auch wenn diese natürlich eine wesentliche Rolle spielt: Wie aufwendig ist eine Migration? Gibt es ausreichend internes Know-how? Welche Kosten entstehen? Wie lassen sich bestehende Systeme weiter betreiben? Diese Punkte sind berechtigt und müssen sorgfältig geprüft werden. Sie sind aber in den meisten Fällen lösbar – etwa durch Standardisierung, Automatisierung, externe Unterstützung oder gezielten Wissensaufbau.

Die größeren Hindernisse liegen oft an anderer Stelle. Wer als CIO, CTO oder IT-Leiter eine grundlegende Veränderung anstößt, übernimmt Verantwortung. Funktioniert die Migration nicht wie geplant, steht selten der Softwareanbieter oder externe Berater im Mittelpunkt der Kritik, sondern die interne Entscheidungsinstanz. Diese Asymmetrie führt dazu, dass Verantwortliche zu selten den nötigen Mut aufbringen und viele Unternehmen lieber beim Bekannten bleiben. Der alte Satz Nobody ever got fired for buying Microsoft wirkt bis heute nach. Bewährte große Anbieter erscheinen als sichere Wahl. Kurzfristig mag das nachvollziehbar sein. Langfristig können daraus jedoch Abhängigkeiten entstehen, die Innovationsfähigkeit, Flexibilität und Kostenkontrolle einschränken.

Digitale Souveränität bedeutet deshalb nicht, von heute auf morgen sämtliche Systeme auszutauschen. In vielen Fällen ist genau das Gegenteil sinnvoll: Unternehmen sollten mit überschaubaren Projekten beginnen. Eine einzelne Anwendung, eine neue Datenplattform oder ein klar abgegrenzter Bereich können zeigen, dass alternative Ansätze funktionieren. Sobald es erste Erfahrungen gibt, verändert sich auch die interne Diskussion.

Open Source reduziert Abhängigkeiten – ersetzt aber keine Strategie

Im Kern bedeutet digitale Souveränität, Kontrolle zurückzugewinnen. Unternehmen sollten selbst entscheiden können, wo ihre Daten gespeichert werden, wie sie genutzt werden und welche Technologien sie dafür einsetzen. Die entscheidende Frage lautet: Wer bestimmt am Ende über die Infrastruktur – das Unternehmen selbst oder der Anbieter?

Genau hier spielen offene Standards und Open-Source-Technologien eine zentrale Rolle. Proprietäre Lösungen können in drei Bereichen problematisch werden: durch starke Bindung an einzelne Anbieter, fehlenden Zugriff auf den Quellcode und eingeschränkte Wechselmöglichkeiten. Open Source setzt an diesen Punkten an. Der Code ist nachvollziehbar, Systeme können angepasst werden, und Unternehmen behalten mehr Möglichkeiten, ihre Architektur weiterzuentwickeln oder Anbieter zu wechseln. Damit lassen sich klassische Lock-in-Effekte reduzieren.

Allerdings wäre es falsch zu glauben, Open Source allein löse automatisch alle Probleme. Eine Technologie macht ein Unternehmen nicht über Nacht souverän. Entscheidend ist, ob die Organisation die gewonnene Freiheit auch nutzen kann. Dafür braucht es passende Betriebsmodelle, definierte Verantwortlichkeiten und ausreichend Know-how. Viele Unternehmen entscheiden sich deshalb für einen Mittelweg: Sie setzen auf Open-Source-Komponenten, kombinieren diese aber mit professionellem Support, Sicherheits-Updates und kommerziellen Services. Das Ziel sollte nicht sein, jede technische Aufgabe selbst zu übernehmen. Viel wichtiger ist, die Kontrolle über die eigene Infrastruktur zu behalten.

Ein häufiges Missverständnis ist außerdem, dass Open Source automatisch mehr Komplexität bedeutet. Auch proprietäre Software muss verstanden, betrieben und integriert werden. Der Unterschied liegt eher darin, dass viele Unternehmen sich über Jahre daran gewöhnt haben, immer mehr Verantwortung vollständig auszulagern. Bei offenen Technologien kann die eigene Fertigungstiefe höher sein. Gleichzeitig entstehen dadurch Vorteile: mehr Transparenz, größere Flexibilität und weniger Abhängigkeit von einzelnen Herstellern. Moderne Automatisierung und standardisierte Komponenten sorgen zudem dafür, dass der Betrieb heute deutlich einfacher ist als noch vor einigen Jahren.

Sönke Liebau, Stackable

„Der wichtigste Schritt ist häufig der erste konkrete Anwendungsfall. Er löst nicht sofort jedes Problem. Aber er zeigt, dass digitale Souveränität kein abstraktes Konzept ist, sondern praktisch erreichbar.“

Sönke Liebau, Stackable

Gerade bei Datenplattformen ist diese Flexibilität entscheidend. Datenmengen wachsen, Anforderungen verändern sich, und Unternehmen müssen in der Lage bleiben, ihre Architektur anzupassen – ohne durch Lizenzmodelle oder technische Grenzen ausgebremst zu werden.

Souveränität muss nicht teurer sein

Ein weiteres Argument gegen Veränderungen sind häufig die Kosten. Tatsächlich können am Anfang Investitionen entstehen – etwa für Migration, Schulung oder den Aufbau neuer Prozesse. Entscheidend ist jedoch nicht nur die kurzfristige Betrachtung, sondern die Total Cost of Ownership (TCO). Proprietäre Lizenzmodelle können über Jahre erhebliche Kosten verursachen. Unternehmen sind dabei oft abhängig von Preisänderungen, Lizenzbedingungen oder strategischen Entscheidungen einzelner Anbieter.

Wer souveräne IT-Strukturen aufbaut, gewinnt langfristig mehr Kontrolle über diese Faktoren. Besonders bei Datenplattformen lohnt sich ein genauer Blick: Welche Kosten entstehen bei wachsendem Datenvolumen? Welche Gebühren fallen für zusätzliche Nutzer an? Wie einfach lässt sich die Umgebung erweitern? Transparenz ist hier ein wesentlicher Faktor. Unternehmen sollten genau verstehen, welche technischen und wirtschaftlichen Konsequenzen ihre Plattformentscheidungen langfristig haben.

Zeit für den ersten Schritt

Andere Länder zeigen bereits, dass digitale Souveränität praktisch umgesetzt werden kann. Frankreich setzt im öffentlichen Bereich verstärkt auf Open-Source-Technologien. Die Schweiz hat Regelungen geschaffen, nach denen Regierungssoftware grundsätzlich als Open Source veröffentlicht werden soll, Länder wie Finnland treiben ähnliche Initiativen voran. Und auch Deutschland hat positive Beispiele, etwa einzelne Open-Source-Strategien auf Landesebene. Insgesamt wird jedoch noch häufig diskutiert, während andere Länder bereits konkrete Schritte gehen.

Dabei muss der Weg zur digitalen Souveränität kein Großprojekt sein, das mit einem einzigen Beschluss beginnt. Die Erfahrung zeigt: Der wichtigste Schritt ist häufig der erste konkrete Anwendungsfall. Er löst nicht sofort jedes Problem. Aber er zeigt, dass digitale Souveränität kein abstraktes Konzept ist, sondern praktisch erreichbar. Unternehmen müssen nicht von heute auf morgen ihre gesamte IT verändern. Sie müssen nur den Mut aufbringen, ihre Abhängigkeiten bewusst zu hinterfragen und nach Alternativen zu suchen. Und dort handeln, wo sie die Kontrolle über ihre Daten und Systeme zurückgewinnen können.

Über den Autor:
Sönke Liebau, Jahrgang 1981, ist CPO bei Stackable. Der Diplom-Wirtschaftsinformatiker arbeitet seit knapp 15 Jahren im Open Source- und Big Data-Umfeld. Als Berater hat er verschiedene Unternehmen bei der Konzeption und Implementierung von Datenplattformen und anderen IT-Lösungen unterstützt. Zusammen mit Lars Francke hat er 2020 Stackable gegründet. Das Unternehmen entwickelt eine Datenplattform, bei der verschiedene Open-Source-Komponenten zum Einsatz kommen.

Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder.

Erfahren Sie mehr über Datenverwaltung