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So planen Rechenzentren für die Zeit nach der Pandemie

Auch wenn die meisten Rechenzentren sich während der COVID-19-Pandemie gut geschlagen haben, werden sie lange an den Folgen zu knabbern haben, zeigt eine aktuelle Umfrage.

Die COVID-19-Pandemie hat auch das Geschäft mit Rechenzentren nicht unberührt gelassen; in erster Linie bewiesen die vergangenen Monate, wie wichtig die Branche inzwischen für die gesamte Wirtschaft ist. Die Nachfrage ist deutlich gestiegen, denn die Pandemie verstärkte oder beschleunigte eine Reihe von Trends, die sich bereits zuvor abgezeichnet hatten.

Dazu zählen die zunehmende Nutzung vernetzter Geräte, Dienste für Home-Office und Bildung, Telemedizin und ein Anstieg der Zugriffe auf Streaming-Plattformen. Die Flexibilität und Innovationskraft, die es Rechenzentren erlaubten, sich schnell an die neue Dynamik anzupassen, haben der globalen Wirtschaft gute Dienste geleistet.

Um herauszufinden, welche Veränderungen genau die Pandemie für die Branche gebracht hat und welche weiteren Entwicklungen zu erwarten sind, hat BCS über 3.000 Rechenzentrumsexperten aus 38 europäischen Ländern befragt. Dabei gaben viele der Befragten an, dass ihrer Meinung nach die vollen Auswirkungen der Pandemie ihre Branche nicht vor 2022 treffen werden.

Auswirkungen auf das Geschäft

Ein Ärgernis, mit dem viele Befragte (34 Prozent) aufgrund der Coronapandemie zu kämpfen haben, sind Schwierigkeiten mit der Lieferkette. Materialien und Produkte für den Aufbau, die Ausstattung, und die Wartung von Rechenzentren werden selten ausschließlich in der unmittelbaren Nähe produziert.

Internationale Lieferketten sind aktuell hart getroffen, weil die Pandemie die Freizügigkeit von Menschen und folglich auch Waren stark einschränkt. Hinzu kommen noch weitere Faktoren, die anderweitig entstanden sind, wie die gegenwärtige Knappheit von Computerchips und Kunststoff.

Aus diesen Gründen zeigen sich 89 Prozent besorgt, auch künftig von Lieferschwierigkeiten betroffen zu sein. Diese Besorgnis ist bei den verschiedenen Kategorien der Befragten unterschiedlich stark ausgeprägt. Diejenigen, die für das Bereitstellen neuer Flächen verantwortlich sind, erwarten beinahe ausnahmslos weitere Unterbrechungen.

Das gilt für Entwickler und Designer ebenso wie für Ingenieure und Bauexperten. Die Einschätzung von Betreibern bestehender Rechenzentren ist hingegen deutlich positiver: Nur zwei Fünftel erwarten weitere Schwierigkeiten in der Lieferkette, und die meisten der restlichen Befragten (55 Prozent) stimmen weder zu noch widersprechen sie. Dies könnte darauf hindeuten, dass ein signifikanter Anteil von ihnen nicht mehr direkt von Lieferkettenproblemen betroffen ist, weil sie sich immer mehr auf Drittanbieter verlassen.

Auf Platz zwei der genannten Auswirkung der Pandemie ist der verstärkte Einsatz von Fernzugriffstechnologien und -verfahren. Wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass in den meisten Fällen nur wenige Mitarbeiter vor Ort arbeiten durften. Da sich der Zugang zum Rechenzentrum auf das wesentliche Personal beschränkt, ist es nur logisch, dass viele der Befragten eine erhöhte Arbeitsbelastung für dieses Personal als signifikante Auswirkung der Pandemie benennen.

Eine weitere bemerkenswerte Veränderung in den letzten Monaten ist die Tatsache, dass deutlich weniger Befragte den Verlust von Aufträgen befürchten als dies zu Beginn der Pandemie der Fall war. Die Besorgnis scheint vorsichtigem Optimismus Platz zu machen, dass die Nachfrage in der gesamten Branche wieder zunimmt.

Auswirkungen auf die Expansion von Rechenzentren

Dieser Optimismus schlägt sich auch in den Expansionsplänen und -erwartungen der Befragten nieder. Zu Beginn der Pandemie gingen fast drei Viertel der Rechenzentrumsspezialisten davon aus, dass die Pandemie ihre Expansionspläne einschränken werde. Dieser Anteil ist inzwischen auf etwa zwei Fünftel gesunken. Weitere 29 Prozent nehmen eine abwartende Haltung ein, während die Zahl derer, die nicht erwarten, dass die Pandemie ihre Pläne einschränkt, von 9 Prozent auf 31 Prozent deutlich stieg.

Während die Experten im Durchschnitt noch immer von negativen Auswirkungen der Pandemie auf die Expansion von Rechenzentren in ganz Europa im kommenden Jahr ausgehen, hat sich die Stimmung bei den Betreibern selbst deutlich aufgehellt. Es ist zu erwarten, dass sich dieser Trend angesichts positiver Nachrichten über Impfkampagnen und sinkende Inzidenzwerte weiter verstärkt.

Steigende Bedeutung des Standorts

In der Pandemie hat auch die Frage nach dem Standort des Rechenzentrums für die Betreiber an Bedeutung gewonnen. Dies trifft auf 64 Prozent der Befragten zu. Ob diese Einschätzung auf tatsächlichen Erfahrungen beruht oder eher auf ein reines Bauchgefühl zurückzuführen ist, bleibt unklar. Das unterschiedliche Ausmaß an Lockdowns und Einschränkungen, das in ganz Europa zu beobachten war, könnte einige Einrichtungen vor betriebliche oder zumindest zugangstechnische Herausforderungen gestellt haben.

James Hart, Business Critical Solutions Group

„Obwohl die Rechenzentrums- und Service-Provider im Allgemeinen während der bisherigen Monate der Pandemie gut zurecht kamen, sind sie nicht immun gegen wirtschaftliche Auswirkungen. Schließlich sind auch sie von den Schwierigkeiten ihrer Kunden in bestimmten Branchen betroffen“

James Hart, BCS Group

Auch die Zukunftssicherheit von Anlagen ist ein Thema, das bei Eigentümern und Nutzern von Rechenzentren schon immer ganz oben auf der Liste der Sorgen stand. In Anbetracht der Erfahrungen aus dem Jahr 2020 ist zu erwarten, dass Rechenzentrumsspezialisten neue Parameter zum Beurteilen der Zukunftssicherheit heranziehen, beispielsweise den Standort, die Zuverlässigkeit der Lieferketten und die Verfügbarkeit geeigneten Personals.

Einfluss der Kunden auf die Betreiber

Obwohl die Rechenzentrums- und Service-Provider im Allgemeinen während der bisherigen Monate der Pandemie gut zurecht kamen, sind sie nicht immun gegen wirtschaftliche Auswirkungen. Schließlich sind auch sie von den Schwierigkeiten ihrer Kunden in bestimmten Branchen betroffen, etwa im Einzelhandel, im Gastgewerbe und der Reisebranche.

Rechenzentrumsbetreiber, die auf Kunden in diesen Sektoren angewiesen sind, werden zweifellos zumindest kurz- bis mittelfristig selbst leiden. Sie können nur versuchen, durch innovative Services und Technologien die finanziellen Ausfälle auszugleichen, die durch diese sinkende Nachfrage entstehen. Die am häufigsten genannte Auswirkung war jedoch, dass Kunden ihre Expansionspläne verschoben haben; das gaben 57 Prozent der Befragten an.

Darauf folgt die Neigung von Kunden, die Vertragsdauer oder den Mietvertrag neu zu verhandeln. Etwas mehr als 20 Prozent der Betreiber berichteten, dass ihre Kunden diese Themen angesprochen haben. Darüber hinaus berichteten weitere 14 Prozent von verzögerten Zahlungen. Die befragten Betreiber sorgten sich darum solche Kunden zu verlieren. Sie versuchen, diesem Risiko begegnet, indem sie auf ihre Kunden zukamen und Zahlungsaufschübe oder sogar Zahlungsaussetzungen mit ihnen vereinbarten. Bemerkenswerterweise berichteten nur 6 Prozent über das Worst-Case-Szenario: Kunden, die in Schuldnerschutz oder Konkurs gingen.

Das Paradigma um COVID-19 hat sich verschoben

Vielfach ist über die bleibenden Folgen der COVID-19-Pandemie spekuliert worden. Oft werden tiefgreifende Veränderungen vorhergesagt für die Art und Weise, wie wir arbeiten, einkaufen oder spielen. Wie genau die Pandemie die Zukunft des Büros, des Pendlerverkehrs, des Einzelhandels und anderer Lebensbereiche auch beeinflussen mag: all diese Veränderungen werden in irgendeiner Weise ihren Niederschlag in der Rechenzentrumsbranche finden.

Unabhängig von den unterschiedlichen Details, gehen die Befragten davon aus, dass sie ihre Geschäftsstrategien anpassen müssen, indem sie flexiblere Arbeitsmodelle anbieten. Etwa 89 Prozent teilen diese Ansicht.

Alexander Thorer, BCS GroupAlexandra Thorer, Business Critical
Solutions Group

Langfristig wird sich ein flexiblerer Arbeitsansatz in der Wirtschaft durchsetzen. Zu einem großen Teil hat die Rechenzentrumsbranche diese sich verändernde Dynamik durch ihren innovativen Charakter ermöglicht. So ließ sich ein Wachstum der Cloud-Dienste beobachten und sie wirken sich stärker auf unser Leben aus – darauf, wie wir einkaufen, lernen, uns amüsieren, arbeiten oder auf medizinische Dienste zugreift.

All diese Aktivitäten werden sich in Zukunft weiter ändern. Die Herausforderung für die Branche und ihre Kunden besteht darin, eine flexible und unterstützende Infrastruktur bereitzustellen, um diesem Wachstum gerecht zu werden und weitere Veränderungen möglich zu machen.

Herausforderungen lassen sich meistern

Durch die Pandemie ist die digitale Infrastruktur wichtiger als je zuvor. Aber Verknappung und Unsicherheit haben die globale Wirtschaft ernsthaft beeinträchtigt. Weil Rechenzentren und ihre Nutzer Teil eines globalen Ökosystems sind, kann sich der Sektor den Auswirkungen der Pandemie auf das weltweite Wachstum nicht entziehen. Die Rückkehr zu mehr Optimismus ist jedoch ein ermutigendes Zeichen.

Die Herausforderungen der Produktivität, der Mobilität, des Klimawandels und der Ungleichheit, die schon die Zeit vor der Pandemie prägten und sich in vielen Fällen noch verschärft haben, werden uns auch weiterhin begleiten. COVID-19 hat die vielen Möglichkeiten aufgezeigt, wie Technologien zur Bewältigung dieser Herausforderungen beitragen können. Jetzt ist es an der Zeit, die Initiative zu ergreifen und diese Ideen in großem Maßstab umzusetzen.

Über die Autoren:
Dr. Alexandra Thorer verfügt über umfangreiche Erfahrung mit der Leitung und Entwicklung großer internationaler Infrastruktur- und Technologieprojekte. Sie hat unter anderem für dir führende US-Beratungsfirma AECOM gearbeitet und in Zürich und München bedeutende Projekte für die US-Regierung sowie für große kommerzielle Kunden geleitet. Sie hat in Deutschland und Japan Architektur und Stadtplanung studiert und an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne über Stadtplanung promoviert. Seit 2021 leitet Thorer die deutsche Niederlassung der BCS Group (Business Critical Solutions).

Jim verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung mit geschäftskritischen Einrichtungen wie Rechenzentren, Infrastrukturen und Installationen und ist seit 30 Jahre Experte für mechanische und elektrische Systeme. Er erkannte, dass am Markt Bedarf an einer integrierten Lösung für IT-Infrastrukturen bestand und gründete BCS. Als CEO steuert Jim die strategische Ausrichtung von BCS und trägt dazu bei, zuverlässig gute Ergebnisse für alle BCS-Kunden zu liefern.

Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder.

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