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Die technische Verschuldung durch Modernisierung reduzieren

Technische Schulden lassen sich kaum vermeiden, allerdings können Modernisierungsmaßnahmen diesen Schulden entgegenwirken. Diese müssen aber zeitnah durchgeführt werden.

Jedes Unternehmen hat heutzutage technische Schulden. Das ist der Preis, den es zu zahlen gilt, wenn die Modernisierung nicht zum richtigen Zeitpunkt oder auf die richtige Weise durchgeführt wurde. Die Entscheidung für eine schnelle Problemlösung anstelle der Realisierung von Best Practices spart zwar kurzfristig Zeit und Geld, führt aber langfristig zu einer Reihe von Problemen und möglicherweise Geschäftsunterbrechungen.

Technische Schulden können beträchtlich sein und bis zu 40 Prozent der IT-Bilanz ausmachen. Während Unternehmen vielfach vor den Modernisierungskosten zurückschrecken, werden diese durch die Nichtbegleichung der technischen Schulden nur noch weiter in die Höhe getrieben. Hinzu kommen Opportunitätskosten: Wenn Unternehmen ihre technischen Schulden nicht abbauen, verpassen sie die Chance, Zeit für routinemäßige Wartungsarbeiten einzusparen, die IT-Komplexität zu verringern und die Systemleistung zu verbessern.

5 Wege für die Verringerung der technischen Verschuldung

Es bleibt also nur die Option, eine Modernisierung anzugehen. Die gute Nachricht dabei ist: Eine rechtzeitige Modernisierung wird die technischen Schulden in der Zukunft verringern.

Nachfolgend fünf Vorschläge, wie Unternehmen dabei vorgehen sollten:

1. Technische Schulden auch aus der Business Perspektive betrachten

Praktisch jedes Unternehmen hat heute technische Schulden. Doch nur sehr wenige Firmen verstehen deren Auswirkungen vollständig. 
Die meisten erkennen nicht, dass diese die Liefergeschwindigkeit beeinträchtigen, die Innovation behindern, die Reaktion auf Markttrends erschweren, den Einblick in die Daten einschränken oder sogar die Mitarbeiter demotivieren, die letztlich das Unternehmen verlassen. Ihre verengte Sichtweise auf technische Schulden beruht darauf, da sie diese als technologisches Problem betrachten, obwohl es sich dabei auch um ein geschäftliches Problem handelt.

Eine Organisation, die modernisiert, um technische Schulden zu reduzieren, sollte die Geschäftsbereiche in die Diskussion einbeziehen. Die Technologieteams müssen mit den Geschäftsbereichen zusammenarbeiten, um Lösungen zu entwickeln, die deren spezifischen Anforderungen entsprechen. Gleichzeitig müssen die Produktmanager ein grundlegendes Verständnis für Technologie und technische Schulden entwickeln – nicht zuletzt auch, weil die meisten Produkte heute ein technisches Element enthalten.

Technische Schulden sollten bis auf die Ebene der einzelnen Anwendungen oder Systeme heruntergebrochen werden. Dann sollte jede Komponente der Geschäftseinheit zugewiesen werden, der sie zugehörig ist. Diese Zuordnung zur richtigen Geschäftseinheit motiviert diese, Verantwortung zu übernehmen und an der Lösung mitzuwirken.

2. Behutsames Vorgehen

Ein gewisses Maß an technischen Schulden ist unvermeidlich. Jeder Versuch, dieses auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, führt zu unnötiger Ressourcenverschwendung und verlangsamt die Anwendungsentwicklung. Stattdessen sollten Unternehmen versuchen, die technischen Schulden innerhalb einer bestimmten Grenze zu halten.

Zudem ist es nicht ratsam, zu versuchen, die technischen Schulden in einer groß angelegten Offensive abzubauen. Dies birgt nicht nur ein hohes Ausführungsrisiko, sondern könnte das Unternehmen auch daran hindern, während der gesamten Projektlaufzeit im Wettbewerb zu bestehen. Technische Schulden lassen sich am besten in Raten abbauen – schrittweise, konsequent und vorhersehbar –, um sowohl eine Anhäufung von Schulden als auch eine Unterbrechung des Systems zu vermeiden. IT-Teams können entweder alle paar Sprints einen bestimmten Aufwand vorsehen oder sogar in jedem Sprint einen kleinen Aufwand zur Behebung technischer Schulden einplanen, mit dem Ziel, die in früheren Sprints möglicherweise angehäuften Schulden abzutragen. 

3. Strukturen aufbauen

Damit eine Strategie zur Modernisierung von Legacy-Systemen und zum Abbau der technischen Schulden funktioniert, muss diese durch angemessene finanzielle und personelle Ressourcen unterstützt werden. Darüber hinaus ist eine starke Governance erforderlich, um eine strukturierte Entscheidungsfindung zu ermöglichen und den Fortschritt während der Ausführung auf Kurs zu halten.

Entscheidend ist die Beteiligung sowohl der IT– als auch der Geschäftsleitung. Bei der Bereitstellung von Mitteln für den Abbau technischer Schulden geht es nicht darum, zehn bis 20 Prozent der Projektkosten zusätzlich aufzuwenden. Vielmehr sollte das Unternehmen darauf achten, wohin jeder Euro fließt und auf welche geschäftlichen Maßnahmen sich dieser auswirken soll – Umsatz, Agilität, Markteinführungszeit, Kundenerfahrung und so weiter. Das Programm, um technische Schulden zu beheben, sollte auch regelmäßig überprüft werden, um die Nutzung der Ressourcen und die Ergebnisse zu überwachen.

Um effektiv zu sein, muss die Governance von einem bevollmächtigten, repräsentativen Team geleitet werden, das die (oft widersprüchlichen) Prioritäten von Unternehmen und IT ausgleichen kann. Eine weitere Aufgabe des Teams besteht darin, die kritischen Leistungsverbesserungen im Hinblick auf ein Programm für technische Schulden zu ermitteln, beispielsweise die Geschwindigkeit der Einführung neuer Funktionen, die Zuverlässigkeit des Systems und die Zeit, die für die Entwicklung neuer Funktionen anstelle von Wartungsaktivitäten aufgewendet wird. 

Zudem spielt die Zusammenarbeit eine wichtige Rolle in diesem Prozess. Sie trägt dazu bei, Altsystem-Silos aufzubrechen, um eine nahtlose Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Entwicklungsteams zu ermöglichen. Dadurch wird sichergestellt, dass alle Beteiligten eine einheitliche Sicht auf die technischen Schulden haben, was für deren rechtzeitige Erkennung und Verwaltung hilfreich ist.

Um die Anhäufung technischer Schulden in Zukunft zu minimieren, muss die Organisation diszipliniert agieren. Sie darf nicht von bewährten Praktiken wie der Verwendung der besten Technologien und dem Abbau technischer Schulden in neuen Projekten abrücken – selbst wenn es schnellere Alternativen gibt. Der Schwerpunkt muss weiterhin auf dem kontinuierlichen Abbau technischer Schulden liegen und gleichzeitig gewährleisten, dass neue Initiativen so wenig neue Schulden wie möglich verursachen.

4. Einführung von Modernisierungslösungen der nächsten Generation

Technische Schulden resultieren häufig aus monolithischen, unflexiblen und teuer zu wartenden Altsystemen. Unternehmen, die mit veralteter IT und technischen Schulden zu kämpfen haben, sind nicht in der Lage, digitale Technologien zu skalieren oder Innovationen einzuführen. Das wirkt sich auf ihre Fähigkeit aus, Marktanteile zu halten, Kunden zu gewinnen und effizient zu arbeiten. Die Legacy-Modernisierung löst diese Probleme, indem sie die Agilität und Produktivität verbessert und Ressourcen für Innovationen freisetzt.

Durch den Einsatz einer Kombination von Technologien der nächsten Generation modernisieren Unternehmen ihre Infrastruktur und reduzieren gleichzeitig ihre technischen Schulden erheblich. Zweifellos ist die Cloud das wichtigste Instrument dieser Transformation. Sie befreit die Unternehmen von der Last der Bereitstellung und Wartung ihrer Technologielandschaft und ermöglicht damit, die Infrastrukturschulden zu reduzieren. Darüber hinaus können Unternehmen verschiedene Cloud-Dienste auf einer Pay-per-Use-Basis abonnieren, um Kapitalkosten zu sparen. Dazu gehören auch Cloud-Dienste, die paketierte Codekomponenten zusammen mit regelmäßigen Updates anbieten. Unternehmen sind damit in der Lage, ihre eigenen Anwendungen zu entwickeln und so Design- und Softwareschulden zu verringern.

DevSecOps und CI/CD-Pipelines tragen auch dazu bei, technische Schulden durch regelmäßige, automatisierte Scans zur Identifizierung von Codeproblemen und schnellere, bessere Software-Updates zu verringern. Der Lebenszyklus der Softwareentwicklung und -tests wird automatisiert, um die Anhäufung technischer Schulden im Laufe der Zeit zu verhindern. 

Künstliche Intelligenz (KI) spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Modernisierung und dem Abbau von technischen Schulden. Eine KI-Plattform erfasst Daten aus der gesamten IT-Landschaft eines Unternehmens in Echtzeit und verarbeitet diese. Einer der vielen Anwendungsfälle ist die Predictive Maintenance. Sie verhindert, dass sich technische Schulden anhäufen, indem sie eine frühzeitige Erkennung und Behebung von Problemen ermöglicht, bevor diese explodieren.

5. In die richtigen Skills investieren

Die Modernisierung von Legacy-Systemen kann nicht warten. Das belegen auch die Ergebnisse einer Infosys-Umfrage: In den nächsten Jahren werden fast alle aktuellen Technologie-Assets modernisiert – 88 Prozent sind Legacy-Systeme, von denen die Hälfte kritische Systeme sind.

Der Erfolg von Modernisierungsprogrammen ist jedoch eng mit der Qualität der verfügbaren Qualifikationen verbunden. Infosys-Untersuchungen zeigen, dass der Mangel an Fähigkeiten und Talenten die größte Sorge der CIOs ist, wenn es um Modernisierungsinitiativen geht – viel größer als die Kosten und das Risiko von Unterbrechungen.

Naresh Duddu, Infosys

„Eine Organisation, die modernisiert, um technische Schulden zu reduzieren, sollte die Geschäftsbereiche in die Diskussion einbeziehen. Die Technologieteams müssen mit den Geschäftsbereichen zusammenarbeiten, um Lösungen zu entwickeln, die deren spezifischen Anforderungen entsprechen.“

Naresh Duddu, Infosys

Unternehmen müssen wichtige Fähigkeiten aufbauen oder erwerben. Dafür schulen sie idealerweise IT-Teams in wichtigen Modernisierungstechnologien wie Cloud, KI, Microservices und DevSecOps. Organisationen sollten auch Fähigkeiten und personelle Ressourcen mobilisieren, um technische Schulden zu bekämpfen. Dies könnte von der Einrichtung eines zentralen Teams oder der Beauftragung von ein oder zwei Personen in jedem Entwicklungsteam ausgehen: Diese bieten dann fachkundige Beratung an, um alle Mitarbeiter für die Auswirkungen von technischen Schulden zu sensibilisieren. 

Modernisierung: Abzahlung für Amortisation 

Die Modernisierung von Legacy-Systemen ist für Unternehmen unerlässlich, um im digitalen Zeitalter bestehen zu können. Sie ist auch die Lösung, um technische Schulden abzubauen. Eines der größten Probleme mit technischen Schulden ist jedoch, dass sie die Modernisierung von vornherein behindern. Dies ist eine komplizierte Herausforderung, die jedoch ohne weitere Verzögerung angegangen werden muss. Unternehmen können jedoch die Ergebnisse verbessern, indem sie die technischen Schulden aus einem geschäftlichen Blickwinkel betrachten, sie durch eine schrittweise Modernisierung abbauen, eine gute Unternehmensführung praktizieren, Technologien der nächsten Generation einsetzen und die Fähigkeiten aufbauen, um all dies zu verwirklichen. Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass sich der Abbau der technischen Schulden durch die Modernisierung in Form einer umfassenden Verbesserung auszahlen wird.

Über den Autor: Naresh Duddu ist AVP and Global Head – Modernization bei Infosys. Naresh Duddu ist Associate Vice President und Global Head of the Modernization Practice bei Infosys. Der Bereich entwickelt neue Angebote, baut Dienstleistungen und Beratungsleistungen auf und leitet Projekte zur Transformation von Anwendungen in verschiedenen Branchen und Servicebereichen. Die Praxis besteht aus den vier Hauptsäulen der Anwendungsmodernisierung – Open Source, Agile/DevOps, Legacy-Modernisierung und Cloud.

Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder.

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