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Super-Apps: Sind deutsche Banken bereit für All-in-one-Apps?

Der Blick nach Fernost zeigt, dass es reichlich Spielraum für neue digitale Geschäftsmodelle gibt. Das betrifft insbesondere die Einführung datenbasierter Dienste.

Das Vertrauen der Verbraucher in Banken und Sparkassen ist hierzulande seit jeher hoch – insbesondere, wenn es um Fragen des Datenschutzes geht, schneiden deutsche Finanzdienstleister im Vergleich zur Digital Economy traditionell besser ab.

Ein Vertrauensvorsprung, der durch die Einführung der EU-Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) ausgebaut werden konnte. Aber wird er auch ausreichend genutzt? Der Blick in andere Märkte – vor allem nach Fernost – zeigt, dass es reichlich Spielraum für neue digitale Geschäftsmodelle gibt. Das betrifft insbesondere die Einführung innovativer, datenbasierter Dienste wie beispielsweise Super-Apps.

Vertrauen in Datensicherheit öffnet Potenzial

Nach Einschätzung deutscher Unternehmen ist das Vertrauen in die Verarbeitung personenbezogener Daten mit der Einführung der EU-DSGVO gestiegen: Einer Studie des IT-Sicherheitsanbieters Check Point Software Technologies zufolge gaben 67 Prozent der befragten deutschen CIOs und Sicherheitsmanager an, dass sich die Verordnung aus ihrer Sicht positiv auf das Vertrauen der Nutzer ausgewirkt hat.

Die Umfrage des Open Data Institutes bestätigt diese Einschätzung. Demnach sind insbesondere junge Nutzer zwischen 18 und 24 zusehends bereit, ihre Daten zu teilen, wenn der individuelle Mehrwert stimmt. Was bedeutet dieser erfreuliche DSGVO-Effekt für Serviceanbieter und Dienstleister in der Finanzbranche?

Je gefestigter das Vertrauen der Kunden in ihre Bank ist, umso eher sind sie bereit, individuelle Informationen zur Bereitstellung von datenbasierten Dialog-, Bestell- und Service-Funktionen preiszugeben.

Damit steigen allerdings zugleich die Erwartungen an die Qualität der bereitgestellten Services. Generische Anwendungen mit kleinem Funktionsumfang und geringem Mehrwert werden kaum einen Bankkunden dazu bewegen, mehr über sich zu verraten.

Kluge Apps, die zahlreiche hochpersonalisierte Features auf einer Plattform vereinen, schaffen hingegen Erlebnisse, die in den Augen vieler Anwender die (DSGVO-konforme) Verarbeitung von persönlichen Daten rechtfertigt. 

In Schwellenländern sind Super-Apps allgegenwärtig

Schwellenländer wie China, Indien oder Indonesien sind den europäischen und nordamerikanischen Märkten einen guten Schritt voraus, wenn es um die Personalisierung von Services im großen Stil geht.

Die so genannten Super-Apps sind im Laufe der vergangenen Jahre ausgesprochen populär geworden. Gerade in Ländern, in denen das Smartphone der einzige Zugangspunkt zum Internet ist, greift das Prinzip der mobilen All-in-one-App mit enormem Erfolg. Das wohl prominenteste Beispiel ist WeChat von Tencent: Was 2011 als Single-Purpose-App mit einer Chat-Funktion begann, vereint heute zahlreiche unterschiedliche Dienste und knapp einer Milliarden Nutzer auf einer einzigen Plattform. Davon leben nach unternehmenseigenen Angaben mindestens 100 Millionen außerhalb Chinas.

Ein wesentlicher Grund für die hohe Akzeptanz der multifunktionalen App ist ihre bequeme Handhabung. Die Anwender können mit nur einem Login chatten, telefonieren, Nachrichten lesen, Geld transferieren, ihre Fitness im Blick behalten, spielen, Fotos posten, Arzttermine buchen oder eine Pizza bestellen. Die Integration neuer Dienste von Drittanbietern ist unkompliziert, nahezu täglich werden neue, spezialisierte Features hinzugefügt.

Neben der Komplexität des WeChat-Universums wächst auch die Zahl der Anbieter, die sich die Erfolgsidee von Tencent zum Vorbild machen. Grab in Malaysia, Rappi in Lateinamerika, Truecaller und Paytm in Indien, Gojek in Indonesien – das sind nur einige Namen, die Liste von Super-App-Providern wird kontinuierlich länger.

Finanzbranche muss Chancen ergreifen

Super-Apps decken den kompletten Customer Lifecycle ab: Sie fungieren letztlich wie eine Betriebsplattform für viele kleine Softwareeinheiten. Dass darunter auch Bezahl- und Retail-Banking-Lösungen sind, könnte für das klassische Bankgeschäft durchaus zur Herausforderung werden. Dass die Erfassung und (teilweise bereits KI-gestützte) Auswertung des gesamten Konsumverhaltens einzelner Kunden hochpersonalisierte Vertriebsstrategien zulässt, von denen viele Kundenberater kaum zu träumen wagen, macht die Konkurrenz zur ernsthaften Bedrohung.

Zudem ist es durchaus wahrscheinlich, dass sich der Trend zum digitalen Multifunktions-Tool auch in Europa durchsetzt – transatlantisch agierende Giganten wie Amazon, Google, WhatsApp oder auch Uber haben ihr Stück vom Kuchen, das sie mit Super-Apps für sich gewinnen können, längst im Visier. Die erweiterten Geschäftskonzepte reichen von Facebook Pay bis hin zu Google-eigenen Girokonten.

Wenn die klassischen Bankhäuser heute den Kopf in den Sand stecken, droht die Gefahr, dass sie schon morgen weitere existenzielle Marktanteile an die Player der Digital Economy verlieren. Dabei ist es jetzt an der Zeit, eine der größten Ressourcen des traditionellen Bankgeschäfts zu nutzen: Das ohnehin ausgeprägte und durch die DSGVO intensivierte Vertrauen der Kunden.

Partnerschaften sind unumgänglich

Banken, die das disruptive Potenzial von Super-Apps als Chance für das eigene Endkundengeschäft begreifen, haben mit dieser Einsicht bereits einen entscheidenden Schritt getan. Ebenso wichtig wird es künftig sein, Kundendialog und Customer Experience durch Partnerschaften mit anderen Dienstleistern zu bereichern – hier müssen eben jene Mehrwerte ins Spiel kommen, die zahlreiche Verbraucher zur Weitergabe von persönlichen Informationen erwarten.

Aus technologischer Sicht steht der Entwicklung von multifunktionalen Finanz-Apps nichts entgegen: Der Datenaustausch über Open Banking und die Nutzung offener Schnittstellen liefern eine zuverlässige Grundlage für die Integration verschiedener Dienste und Anbieter auf einer Plattform. Ebenso denkbar wie naheliegend wäre zum Beispiel die Bündelung von Bank- und Kreditdienstleistungen, Vermögensverwaltung, Versicherungsservices und der Vermittlung von Immobilien auf einer App.

Klaus Able, Finastra

„Wenn die klassischen Bankhäuser heute den Kopf in den Sand stecken, droht die Gefahr, dass sie schon morgen weitere existenzielle Marktanteile an die Player der Digital Economy verlieren.“

Klaus Able, Finastra

Kann der Anwender obendrein über den gleichen Account und die gleiche Anwendung Handwerkerpreise vergleichen, ein Umzugsunternehmen buchen und die erforderlichen Ummeldungen tätigen, ist das Serviceportfolio perfekt.

In einem solchen Szenario wird die Bank zum Orchestrator: Neben der Bereitstellung ihrer eigenen Kernkompetenzen koordiniert sie die Aktivitäten und Dienstleistungen externer Anbieter. Eine weitere Möglichkeit für Banken und Sparkassen, ihre Marktposition durch Partnerschaften voranzutreiben, ist Banking as a Service (BaaS).

Bei BaaS werden digitale Retail-Banking-Services in das Geschäftsmodell des Partners integriert. So kann beispielsweise eine Fluggesellschaft die Customer Journey ihrer Kunden optimieren, indem sie eine hauseigene Debit-Karte anbietet oder direkt bei Ticketbuchung einen Online-Kredit vergibt. Die Bank agiert in diesem Fall im Hintergrund.

Ob nun Banken selbst als Betreiber multifunktionaler App-Plattformen in Erscheinung treten oder ihre Services aus der zweiten Reihe in den Customer Lifecycle externer Dienstleister integrieren, ohne ein aktives Partnermanagement und den strategischen Einsatz von Open Banking wird die Luft im Retail Banking künftig dünn werden.

Über den Autor:
Als Senior Manager Solution Consultant for Core Banking in Europe verantwortet Klaus Able bei Finastra, einem der weltweit größtem Finanzsoftwareanbieter, die Einführung der Kernbankenlösung Fusion Essence Cloud im deutschen Markt. Er ist außerdem Geschäftsführer der Finastra International GmbH in Frankfurt.

Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder.

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