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Mit Digitalisierung das Lieferkettengesetz durchsetzen

Richtig umgesetzt ist Digitalisierung ein Hebel für einen faireren weltweiten Handel. Sie fördert die Transparenz über die gesamte Liefer- und Wertschöpfungskette.

Laut BMZ erfüllen auf freiwilliger Basis zu wenig deutsche Unternehmen ihre Sorgfaltspflicht über die gesamte Liefer- und Wertschöpfungskette. Das dürfte auch daran liegen, dass die Prozesse und genutzten Technologien veraltet sind.

Lieferketten haben sich in den letzten 50 Jahren mehr und mehr zu komplexen, globalen Strukturen entwickelt. Die Prozesse und IT halten dem nicht Stand.

Mangelnde Transparenz

In vielen Unternehmen und Organisationen finden sich Insellösungen und starre Siloarchitekturen. Große Beschaffungssuiten sind für die neuen Lieferantenbeziehungen nicht ausgelegt. Es mangelt an abteilungsübergreifenden Lösungen. Die meisten Informationen gibt es nur auf Papier. Lieferanten arbeiten mit Sublieferanten für Zwischenproduktionen.

Das ist nirgendwo transparent nachvollziehbar. Die Sichtbarkeit der Lieferkette geht bei den meisten Organisationen bis zum Lieferanten, mit dem sie direkt in Kontakt stehen. Danach hört sie auf. Es herrscht ein Mangel an Transparenz.

Digitale Netzwerke als Wegbereiter

Supply Chain Digitalisierung ist spätestens seit den Lieferkettenengpässen und -zusammenbrüchen in 2020 in der Prioritätenliste der Unternehmen nach oben gerückt. Viele Prozesse werden automatisiert, B2B-Beschaffungsmarktplätze eingeführt. Technologisch geht das nicht weit genug.

Die Zukunft im Beschaffungswesen gehört digitalen Netzwerken, die die folgenden Punkte erfüllen:

  • Relevante Informationen sind digital erfasst und jederzeit für alle Beteiligten abrufbar. Analysen, zum Beispiel zu Nachhaltigkeitsaspekten, in Echtzeit erstellbar.
  • Gewünschte Funktionalitäten können flexibel hinzugefügt oder neu entwickelt und angebunden werden.
  • Kommunikation ist via Chat in Echtzeit möglich.
  • Neben traditionellen Funktionen wie Logistik, Rechnungsstellung oder Beschaffungsprogrammen lassen sich auch Faktoren wie Zusammenarbeit, Innovation, Risikomanagement und Nachhaltigkeit abdecken.
  • Dynamische Anpassungen unterstützen nutzerzentriertes Arbeiten sowie abteilungs- und unternehmensübergreifendes Arbeiten.
  • Künstliche Intelligenz wird zur Arbeitsprozesserleichterung und Frühwarnung eingesetzt.

Die Anforderungen des Lieferkettengesetzes einhalten

Organisationen und Lieferanten hinterlegen in diesen digitalen Netzwerken unter anderem Daten zu Produkten, Angeboten, Dienstleistungen, Preise, Rabattstaffeln, relevante Unternehmensinformationen, mit welchen Sublieferanten sie arbeiten, Bestell- und Versandbestätigungen, Lieferstatus und -zeiten sowie Rechnungen. Zusätzlich vermerken sie aktuelle Arbeitsbedingungen, Nachhaltigkeitsrichtlinien und wie sie diese einhalten – bei der Produktion, der Warenlieferung genauso wie den Bezug eingesetzter Arbeitsmittel. Drittanbieter prüfen die Angaben vor Ort und pflegen die Ergebnisse ebenfalls ins Netzwerk ein.

So lässt sich die gesamte N-Tier Liefer- und Wertschöpfungskette abbilden, inklusive Analysen in Echtzeit. Das schafft die Transparenz, die vielen Unternehmen heute noch fehlt, um den Anforderungen des Lieferkettengesetzes nachzukommen.

Unternehmen entdecken Lieferengpässe oder Störungen in der Lieferkette schneller und können rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen, zum Beispiel auf andere Lieferanten umschwenken. Lieferanten – vor allem in Schwellenländern – sind global angebunden und erhalten so eine bessere Chance auf fairere Preise.

Platform-as-a-Service-Lösungen und -Apps für Nachhaltigkeit

Technisch bewerkstelligen lässt sich das mit Platform-as-a-Service-Lösungen (PaaS). Dazu zählen intelligente API-basierte Plattformen auf Basis von globalen Netzwerken, die mit einer flexiblen Architektur, Blockchain-Technologie und künstlicher Intelligenz (KI) arbeiten und an die im Unternehmen vorhandenen Anwendungen, wie zum Beispiel ERP- und Buchhaltungssysteme, angeschlossen sind.

Mit entsprechender Bandbreite, diversen Security-Layern und datenschutzkonformen Richtlinien. Denn idealerweise fungieren solche Lösungen als offene Systeme mit einer flexiblen App-Struktur, die die starren Softwarebausteine ablösen.

Je nach Aufgabenbereich können Apps im Benutzer-Dashboard hinzugefügt werden. Zum Beispiel Analyse-Apps, die den CO2-Footprint anhand von Rechnungsdaten über die gesamte Lieferkette betrachten. Oder Apps, mit denen Unternehmen soziale Risiken auf jeder Ebene ihrer Lieferkette verfolgen und überwachen, von den Rohstoffen bis hin zu den fertigen Produkten.

Ebenso lassen sich unternehmenseigene Apps entwickeln und anbinden. Zum Beispiel, wenn Organisationen Belohnungsprogramme für Lieferanten, die Nachhaltigkeitsziele einhalten und dokumentieren, einsetzen wollen.

Aktiver Einsatz von KI und Blockchain

Mit künstlicher Intelligenz lassen sich Daten aus einer Reihe von öffentlichen und proprietären Quellen auf nachhaltigkeitsrelevante Aspekte analysieren. So können Nachhaltigkeitsziele überprüft und gegebenenfalls angepasst werden. Auf der nächsten Ebene können sie automatisch warnen, wenn Lieferanten die Nachhaltigkeitsziele nicht einhalten und Maßnahmen oder alternative Lieferanten vorschlagen.

Blockchain wiederum schützt vor Betrug. QR-Codes auf Produkten bilden lückenlos die gesamte Lieferkette ab bis zum ersten Produzenten. Das schafft Transparenz beim Verbraucher genauso wie beim Lieferanten. Wird bei der Entwicklung Blockchain-Technologie eingesetzt, verhindert das ein unerlaubtes Kopieren.

Nachhaltigkeit belohnen

Die Digitalisierung fördert auch die Entwicklung neuer Finanzierungsmodell. Zum Beispiel kann die Rechnungshistorie der letzten zwei Jahre ausgewertet werden. Das Ergebnis dient dann als Basis, um das Ausfallrisiko zu berechnen und einen Rabatt für vorzeitige Zahlung (Early Payment Discount) festzulegen. Unternehmen können so auf Basis der digitalen Daten ihre Lieferanten zum Beispiel frühzeitiger bezahlen.

Andreas Thonig, Tradeshift

„Mit künstlicher Intelligenz lassen sich Daten aus einer Reihe von öffentlichen und proprietären Quellen auf nachhaltigkeitsrelevante Aspekte analysieren.“

Andreas Thonig, Tradeshift 

Entweder mit ihrem eigenen Unternehmenskapital oder über Finanzdienstleister, die die digitalen Auswertungen und Belege als Garantie akzeptieren. Das kann auch zusätzlich an die Einhaltung von Nachhaltigkeitszielen gekoppelt werden.

Solche Modelle stärken die Lieferantenbindung, es können mehr Lieferanten berücksichtigt werden und sie sind ein zusätzlicher Gewinn zu klassischen Lieferketten-Finanzierungsprogrammen (Supply Chain Finance, SCF).

Dasselbe Prinzip kann bei Krediten herangezogen werden. Digitale Informationen dienen auch hier als Basis und Garantie. Organisationen, die bereit sind, sich an Nachhaltigkeitszielen auszurichten, erhalten günstigere Kreditlinien. Die Lieferanten erhalten Kapital, um ihre Arbeitspraktiken zu verbessern. Einkäufer erhalten Kapital, um ihre eigenen Prozesse zu verbessern.

Über den Autor:
Andreas Thonig ist Regional VP Sales DACH bei Tradeshift und verfügt über rund zwanzig Jahre Erfahrung in den Bereichen E-Invoicing, Business Collaboration, Digitalisierung und E-Procurement. Vorher war der studierte Bankfachwirt bei SAP / Ariba als Senior Product Sales Executive sowie als Associate Director bei Lufthansa AirPlus tätig und führte als CEO die Siacon GmbH, eine Tochter der Bayern LB. Darüber hinaus ist Thonig Mitbegründer des Verbands elektronische Rechnung (VeR).

Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder.

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