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Wie sich kontaktlose Prozesse per Handy realisieren lassen

Im Interview erklärt Samuel Müller, CEO von Scandit, warum viele Kunden des Unternehmens ihre Digitalisierungsstrategie überdenken und sich für kontaktlose Prozesse rüsten.

„Unsere Kunden müssen nicht nur schnell auf die durch die Pandemie verursachten aktuellen Extremsituationen reagieren, sondern blicken auch in die Zukunft“, sagt Samuel Müller, CEO und Mitgründer von Scandit. Das Unternehmen sieht sich als Anbieter für Scanlösungen gut gerüstet, um nicht nur während der COVID-19-Pandemiesituation kontaktlose Prozesse zu ermöglichen.

Neben Scanlösungen für Barcodes und Ausweisdokumente stellt das Unternehmen auch Apps für den Logistikbereich zur Verfügung, die zum Beispiel Paketboten und Empfängern einen kontaktlosen Liefernachweis erlaubt. Im Interview erläutert Müller die entwickelten Lösungen und erklärt, welche Rolle Machine Learning und Computer Vision hierbei spielen.

Herr Müller, Scandit bietet Softwarelösungen an, mit denen sich unter anderem Barcodes und Texte per Smartphone scannen lassen. Können Sie uns ihr Produktportfolio beschreiben?

Samuel Müller: Einfach ausgedrückt verwandelt unsere Software jedes Smartphone, Tablet oder Wearable, das mit einer Kamera ausgestattet ist, in einen leistungsfähigen Barcode Scanner. Dieser kann zudem Text und Objekte erkennen sowie Echtzeitinformationen mit Augmented Reality Overlays anzeigen.

Unternehmen integrieren die Software von Scandit entweder mit unserem Barcode Scanner SDK oder der sofort einsatzbereiten Keyboard-Wedge-Anwendung in ihre nativen, mobilen Apps. Um unsere Lösung in Websites und Webanwendungen hinzuzufügen, nutzen unsere Kunden das SDK for the Web.

Eine Alternative hierfür wäre der Enterprise Browser, für den keine Integration erforderlich ist. Eine Besonderheit ist MatrixScan. Diese Funktion erkennt, erfasst und dekodiert mehrere Barcodes mit einem einzigen Scan. Durch visuelles Feedback wird angezeigt, welche Barcodes gescannt wurden.

Auf welchen Technologien basieren Ihre Lösungen?

Müller: Unsere Technologieplattform bietet einen einzigartigen Ansatz aus Computer Vision und Machine Learning zur Datenerfassung und Objektidentifizierung. Das führt zu einer hohen Scanreichweite, Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit. Mit diesem Ansatz ermöglichen wir klassisches Barcode-Scanning, Texterkennung, Objekterkennung und Augmented Reality.

Wer sind Ihre Kunden?

Müller: Unsere Kunden sind in verschiedenen Branchen zu Hause, denn fast überall gibt es Barcodes, die zur Dokumentation, Nachbestellung oder Rückverfolgung erfasst werden. Im Einzelhandel zählen der Drogeriemarkt dm, Valora mit seinem Self-Checkout-System, Metro und Coop zu unseren Kunden. In der Logistik und Lieferbranche setzen unter anderem DHL, Hermes UK, DPD Russland und Post NL unsere Lösung ein. Auch im Healthcare-Bereich wie bei Cardinal Health oder bei Fluglinien wie SAS und Alaska Airways wird unsere Lösung genutzt.

Sie bieten eine Lösung für das Scannen von Ausweisdokumenten an. Können Sie uns diese erläutern?

Müller: Unsere ID-Scanning-Lösung wird für verschiedenen Aufgaben eingesetzt. Dazu gehören Pass- und Bordkartenkontrollen am Flughafen, Ausweiskontrollen oder Altersverifikation bei einem Kauf oder der Registrierung bei einer Mitarbeiter- oder Kunden-App.

Ein Vorteil dieser Lösung ist, dass es auf dem Mobilgerät funktioniert und Mitarbeiter sich frei bewegen können – sie sind nicht mehr auf einen festen Platz am Gate angewiesen. Mit ID Scanning werden zahlreiche Prozesse beschleunigt und es macht zudem die manuelle Dateneingabe überflüssig. Das führt wiederum zu weniger Fehleingaben. Auch hinsichtlich des Datenschutzes und der Datensicherheit gibt es keine Bedenken, die Verarbeitung der Angaben erfolgt ausschließlich auf dem Gerät. Lesbar sind Ausweisdokumente mit maschinenlesbarem Bereich, ePässe mit RFID und Führerscheine mit PDF417-Barcode.

Wo kommt diese Lösung bereits zum Einsatz?

Müller: Diese Lösung wird bereits bei Scandinavian Airlines (SAS), Alaska Airlines und Valora eingesetzt. SAS hat eine mobile App für die Abfertigung im Einsatz, die unsere Lösung zum Erfassen von Pässen, Bordkarten, Gepäckanhängern und Essensgutscheinen nutzt. Außerdem verfügen sie über eine Web-App, mit der die Mitarbeiter Gepäckanhänger und Essensgutscheine von einer Website aus scannen können.

Alaska Airlines setzt die Lösung für das Boarding ein, wodurch sie die kostenintensive und umständliche Built-In-Hardware am Gate durch das iPad Mini ersetzen konnten. Ziel war es, die Abläufe zu optimieren und den Mitarbeitern mehr Bewegungsspielraum zu ermöglichen. Der Foodvenience-Anbieter Valora nutzt dagegen das ID Scanning bei der Registrierung in der Kunden-App für seine Selbstbedienungs-Stores an den Bahnhöfen. Kunden scannen ihre Ausweise oder Pässe mit dem Smartphone ein, um so ihren Account freizuschalten und Zutritt zu der Filiale zu erhalten.

Wie können Sie mit der Lösung die verschiedenen Arten von Ausweisdokumenten verarbeiten?

Müller: Die Enterprise-Lösung kombiniert Barcode-Scanning, Texterkennung und NFC-Technologie und ermöglicht so das Erfassen von maschinenlesbaren Zonen, PDF417-Codes sowie biometrischen RFID-Chips.

Im Zuge der COVID-19-Pandemie bringen Technologieanbieter verschiedene Lösungen für die kontaktlose Abwicklung von Prozessen auf den Markt – so auch Scandit. Können Sie uns erklären, welche Lösung Sie entwickelt haben?

Müller: Scandit stellt aktuell Unternehmen und Behörden zwei Lösungen für den Healthcare- und Logistikbereich kostenlos zur Verfügung. Post- und Paketdienstleister sind gerade in dieser Zeit stark gefragt, da sehr viel online bestellt und verschickt wird. Um eine höchstmögliche Sicherheit für Paketboten und Kunden zu garantieren und trotzdem den Erhalt des Pakets bestätigen zu können, haben wir eine App zum kontaktlosen Liefernachweis entwickelt. Kunden erfassen einen QR-Code, der damit die Web-App öffnet. Anschließend scannen sie einfach den Barcode auf der Lieferung und unterschreiben auf ihrem eigenen Gerät.

Zudem wollten wir auch die Prozesse zur Erfassung von Patientendaten für Behörden und Krankenhäuser, die Corona-Tests durchführen, vereinfachen. Das gilt vor allem für mobile und Drive-In-Tests. Die Mitarbeiter im Gesundheitswesen scannen mit der App den Ausweis einer Person, erfassen dann den Barcode auf dem Test und gleichen ihn mit der Person ab.

Samuel Müller, Scandit

„Um eine höchstmögliche Sicherheit für Paketboten und Kunden zu garantieren und trotzdem den Erhalt des Pakets bestätigen zu können, haben wir eine App zum kontaktlosen Liefernachweis entwickelt.“

Samuel Müller, Scandit

Anschließend werden die erfassten Daten gedruckt oder exportiert. Das Personal muss zur Aufnahme der Daten keine Ausweise mehr berühren und die manuelle Eingabe, wo durchaus auch Fehler passieren können, entfällt. Auch hier kommt unser ID Scanning zum Einsatz, die App kann sowohl maschinenlesbaren Bereiche als auch PDF417-Barcodes einlesen.

Wie funktioniert die Lösung?

Müller: Die Healthcare-App ist eine eigenständige native Anwendung für iOS und Android auf Basis unseres nativen SDK. Sie ist HIPAA-konform – es werden weder Daten innerhalb der App auf dem Gerät gespeichert noch an Scandit oder Dritte weitergegeben. Die App für den Liefernachweis basiert auf unserem Web-SDK. Wir haben zudem eine Referenzkodierung für Entwickler bereitgestellt, die sie in ihre Websites integrieren können.

Wo werden die erfassten Daten gespeichert und verarbeitet?

Müller: Bei allen Lösungen von Scandit erfolgt die Datenverarbeitung direkt auf dem Gerät. Die erfassten Daten werden an die Anwendung unserer Kunden, in der unsere Software läuft, weitergegeben. In unserer Software werden keinerlei Daten gespeichert.

Wird die aktuelle Entwicklung Technologien wie Augmented Reality oder die kontaktlose Erfassung und Verarbeitung von Prozessen nachhaltig prägen?

Müller: Unsere Kunden müssen nicht nur schnell auf die durch die Pandemie verursachten aktuellen Extremsituationen reagieren, sondern blicken auch in die Zukunft. Sie berichten uns, dass sie ihre Pläne zur digitalen Transformation überdenken und anzupassen, um sich so auf eine neue kontaktlose Normalität einzustellen.

Im Lebensmittelsektor beobachten wie zum Beispiel eine zunehmende Nutzung und Nachfrage nach Scan-and-Go- und Click-and-Collect-Dienstleistungen. Das wäre eine Möglichkeit, den kontaktlosen Einzelhandel zu realisieren.

Ebenso können Logistik- und Lieferunternehmen ihre Personalkapazität durch die Einführung oder Erweiterung von Bring-your-own-Device- und Corporate-owned-personally-enabled-Richtlinien schnell erhöhen. Letztendlich spielt auch die Forderung, das Physische mit dem Digitalen zu verbinden, eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung zukünftiger kontaktloser Prozesse, um Kunden und Mitarbeiter in vielen Branchen zu schützen.

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