Cisco zu KI, Quantennetzwerken und Souveränität
Laut Cisco eröffnet KI Deutschland eine zweite Chance. Industrie, Verwaltung und IT müssen jetzt ihre Infrastruktur, Software und Prozesse für das KI-Zeitalter modernisieren.
Die IT-Branche und die deutsche Industrie stehen vor einem tiefgreifenden Wandel. Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Anwendungen, sondern zunehmend auch die zugrunde liegende Infrastruktur. Auf der Cisco Connect 2026 in Frankfurt skizzierten Chintan Patel, CTO Cisco EMEA , und Uwe Peters, General Manager von Cisco Germany, ihre Sicht auf die nächste Entwicklungsstufe der KI, den Modernisierungsbedarf in Unternehmen und die sich daraus ergebenden Chancen für Deutschland und Europa.
KI treibt den nächsten Infrastrukturzyklus an
Nach Einschätzung von Chintan Patel befindet sich die Branche derzeit in einer Übergangsphase. Die ersten Produktivitätsgewinne durch Chatbots und generative KI seien erst der Anfang. Als nächste Entwicklungsstufe erwartet er agentische Systeme und anschließend „Physical AI“, also KI-Anwendungen in Robotik, Industrieanlagen und automatisierten Prozessen.
Diese Entwicklung stellt Unternehmen vor erhebliche infrastrukturelle Herausforderungen. Laut Patel laufen viele geschäftskritische Systeme noch auf Hardware, die das Ende ihres Lebenszyklus erreicht hat. Solche Systeme lassen sich nicht mehr ausreichend gegen moderne, zunehmend KI-gestützte Cyberangriffe absichern.
Patel rechnet deshalb in den kommenden Jahren mit einem umfassenden Modernisierungszyklus. Unternehmen müssen ihre Netzwerke, Rechenzentren und Sicherheitsarchitekturen auf eine Umgebung vorbereiten, in der KI-Workloads und autonome Softwareagenten zum Alltag gehören.
Um die zunehmende Komplexität beherrschbar zu machen, verfolgt Cisco einen Plattformansatz. Lösungen wie Cisco Cloud Control sollen unterschiedliche Infrastrukturdomänen zusammenführen und zentrale Transparenz über Netzwerk-, Rechenzentrums- und Collaboration-Umgebungen schaffen. Das Ziel besteht darin, Informationen domänenübergreifend auszuwerten und daraus betriebliche Mehrwerte abzuleiten.
Patel ist der Meinung, dass die Branche noch weit von vollständig autonomen Netzwerken entfernt ist. Zwar sind die technischen Grundlagen vorhanden, doch die finale Entscheidung über Änderungen an produktiven Infrastrukturen sollte weiterhin beim Menschen liegen. „Human in the loop“ werde auf absehbare Zeit ein wichtiges Prinzip bleiben.
Quanten-Netzwerke als möglicher Entwicklungspfad
Neben KI zählt Cisco auch Quantencomputing zu den strategischen Zukunftsthemen. Patel weist darauf hin, dass der Aufbau großer universeller Quantencomputer technisch äußerst anspruchsvoll bleibt. Die benötigten Qubits müssen in hochspezialisierten, kryogenen Umgebungen betrieben werden.
Cisco untersucht deshalb einen alternativen Ansatz: Anstatt immer größere Quantencomputer zu bauen, könnten künftig mehrere kleinere Systeme über spezialisierte Netzwerke miteinander verbunden werden. Einen ersten Schritt in diese Richtung stellt ein von Cisco vorgestellter Forschungsprototyp für einen Quantum-Switch dar. Das Projekt soll zeigen, wie sich verteilte Quantenrechner künftig miteinander koppeln lassen.
Parallel dazu bereitet sich das Unternehmen auf die Sicherheitsrisiken einer möglichen Quantenära vor. Leistungsfähige Quantencomputer könnten eines Tages heutige kryptografische Verfahren knacken. Deshalb integriert Cisco bereits heute Post-Quantum-Kryptografie in aktuelle Routing- und Switching-Plattformen. Das Ziel bestehe darin, heutige Kommunikationsdaten auch gegen zukünftige Entschlüsselungsverfahren abzusichern.
Deutschlands zweite Chance im KI-Zeitalter
Für Uwe Peters bietet KI der deutschen Industrie insbesondere neue Möglichkeiten. Er spricht von einer „zweiten Chance“ für den Standort Deutschland.
Als Beispiel nennt er die Modernisierung von Embedded Software in industriellen Anlagen. Zwar seien viele Maschinen technisch hoch entwickelt, sie basieren jedoch auf über Jahre gewachsenen, komplexen Softwarestrukturen. Die Überarbeitung dieser Systeme könne erhebliche Effizienzgewinne freisetzen und gleichzeitig die Nutzung neuer KI-Funktionen ermöglichen.
Optimistisch stimmt ihn zudem die hohe Akzeptanz von KI in Unternehmen. Laut dem State of Industrial AI Report von nutzen bereits rund 65 Prozent der deutschen Firmen KI-Technologien. Aus seiner Sicht zeigt dies, dass die Wirtschaft deutlich digitaler arbeitet als häufig angenommen.
Small Language Models stärken Datensouveränität
Patel und Peters sehen einen wichtigen Trend in kleineren, spezialisierten Sprachmodellen. Anstatt ausschließlich auf große, universelle Modelle zu setzen, gewinnen sogenannte Small Language Models (SML) und domänenspezifische KI-Modelle an Bedeutung.
Cisco entwickelt beispielsweise eigene Modelle für Netzwerke, Sicherheit und Observability. Der Vorteil liegt laut Patel in präziseren und besser kontrollierbaren Ergebnissen innerhalb klar definierter Anwendungsbereiche.
Für deutsche Unternehmen ist vor allem die Frage der Datensouveränität relevant. Peters beobachtet, dass viele Organisationen ihre KI-Agenten im eigenen Rechenzentrum betreiben und auf unternehmensspezifischen Daten trainieren. Dadurch bleiben sensible Informationen unter eigener Kontrolle, während gleichzeitig die Vorteile moderner KI genutzt werden können.
Die öffentliche Verwaltung könnte zu den Gewinnern der KI-Revolution gehören
Peters sieht überraschenderweise besonders großes Potenzial im öffentlichen Sektor. Behörden verfügten oft über strukturierte Datenbestände, klar definierte Prozesse und eindeutig dokumentierte Regelwerke. Das sind ideale Voraussetzungen für den Einsatz deterministischer KI-Anwendungen.
Als Beispiel verweist er auf ein Projekt der Hamburger Verwaltung. Dort werden Genehmigungen für Gefahrguttransporte durch einen KI-Agenten unterstützt. Solche Anträge umfassen oft mehrere Tausend Seiten und basieren auf zahlreichen Gesetzen und Vorschriften.
Der Agent analysiert die eingereichten Unterlagen innerhalb von Sekunden und markiert kritische Punkte für die Sachbearbeitung. Verfahren, die bislang Bearbeitungszeiten von mehreren Monaten erforderten, könnten dadurch erheblich beschleunigt werden. Für Peters zeigt dieses Beispiel, dass KI nicht nur in der Industrie, sondern auch in der Verwaltung zu deutlichen Produktivitätssteigerungen führen kann.
Innovation statt Regulierung
Mit Blick auf Europa mahnt er, die Debatte über KI nicht ausschließlich unter regulatorischen Gesichtspunkten zu führen. Regulierung könne zwar notwendig sein, dürfe jedoch nicht zum zentralen Instrument europäischer Technologiepolitik werden.
Er fordert mehr Fokus auf Innovation, Investitionen und Geschwindigkeit. Europa verfüge zwar über erhebliche finanzielle Ressourcen, nutze diese jedoch häufig nicht produktiv genug. Als Beispiel nennt er die Kapitalbestände in Pensionsfonds, die im internationalen Vergleich deutlich weniger in Zukunftstechnologien investiert würden.
Für deutsche Unternehmen sei es von entscheidender Bedeutung, Teil globaler Innovationsökosysteme zu bleiben und technologische Entwicklungen aktiv mitzugestalten, statt lediglich auf sie zu reagieren.
Transatlantische Partnerschaften bleiben unverzichtbar
Trotz aktueller geopolitischer Spannungen warnt Peters davor, politische Entwicklungen mit den langfristigen Beziehungen zwischen Unternehmen gleichzusetzen. Deutsche Firmen arbeiten seit Jahrzehnten erfolgreich mit amerikanischen und asiatischen Technologieunternehmen zusammen, da sich daraus konkrete wirtschaftliche Vorteile ergeben.
Diese Partnerschaften werden auch künftig notwendig sein, um Zugang zu Innovationen und globalen Märkten zu erhalten. Gleichzeitig müssen Unternehmen ihre digitale Souveränität stärken und jederzeit die Kontrolle über Daten, Systeme und Geschäftsprozesse behalten.
Für Peters liegt die Zukunft deshalb weder in vollständiger Abhängigkeit noch in vollständiger Abschottung. Erfolgreich sind laut ihm diejenigen Unternehmen, die Innovation, technologische Offenheit und Souveränität miteinander verbinden.