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Warum Netzwerkzertifizierungen keine Rolle mehr spielen

Lange Zeit waren Netzwerkzertifizierungen ein wichtiger Qualifizierungsnachweis. Doch moderne Netzwerkinfrastruktur, Automatisierung und bessere Bedienbarkeit könnten dies ändern.

Jahrzehntelang ist der Erwerb von Netzwerkzertifizierungen ein wichtiger Karriereschritt gewesen. Durch bestimmte Trends in der Networking-Branche glaube ich allerdings, dass viele dieser Zertifizierungen schon bald nicht mehr entscheidend sein werden.

Networking-Zertifizierungen nahmen aus zwei Gründen an Bedeutung zu. Erstens entstand die Zertifizierungsindustrie deshalb, weil Netzwerkanbieter einen äußerst schlechten Job bei der Gestaltung ihrer Benutzeroberflächen machten. Über viele Jahre war die Kommandozeile (Command-line Interface, CLI) der einzige Weg, um Netzwerkgeräte zu konfigurieren.

Der Konfigurationsprozess war komplex und alles andere als intuitiv. Wenn Netzwerktechniker überhaupt eine Chance haben wollten, ein Gerät ordnungsgemäß einzurichten, brauchten sie Schulungen. Das führte zu Zertifizierungen, mit denen sich eine bestimmte Qualifizierungsstufe nachweisen ließ.

Der zweite Treiber für Netzwerkzertifizierungen war die Vormachtstellung von Cisco als der Netzwerkausrüster. Am Anfang lieferten sich Anbieter wie Wellfleet Communications, Proteon, ACC und sogar IBM bei den Verkaufszahlen oft ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Cisco. Jeder von ihnen besaß seine eigene CLI, und wenn man sich für jede Variante separat hätte zertifizieren lassen, wäre dies sehr unpraktisch und beschwerlich gewesen.

Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich Cisco zum unangefochtenen Branchenführer. Wer später auf dem Switch- und Router-Markt Fuß fassen wollte, kopierte einfach Ciscos Konfigurationssprache. Dadurch fiel es leichter, Kunden zu gewinnen, da diese mit dem Ansatz von Cisco größtenteils bereits vertraut waren. Die Fokussierung auf Ciscos CLI als der Lingua franca machte das Training praktisch.

Von dieser Situation profitierten viele Seiten. Netzwerktechniker konnten auf diese Weise ihr Know-how nachweisen und so ihren Marktwert und ihre Gehälter steigern. Für Schulungsanbieter entstand eine Subbranche. Netzwerkanbieter schließlich konnten darauf verzichten, ihre Produkte einfacher nutzbar zu machen.

Doch die Dinge wandeln sich. Ich glaube, dass drei grundlegende Änderungen jetzt die Notwendigkeit für traditionelle Netzwerkzertifizierungen überflüssig machen.

1. Diversifizierung der Netzwerkinfrastruktur

Vor zwanzig Jahren bestanden viele Netzwerke aus Switches, Routern und Firewalls. Aber die Anzahl unterschiedlicher Funktionen – das heißt Geräte –, die unsere Netzwerkinfrastruktur ausmachen, ist mittlerweile um ein Vielfaches größer.

Hinzu kommen Next-Generation Firewalls (NGFW), Web Application Firewalls (WAF), Software-defined WAN (SD-WAN), VPN, Intrusion Prevention und Intrusion Detection Systems sowie Session Border Controller (SBC). Damit erhalten Sie eine Vorstellung, wie vielfältig das Netzwerk geworden ist. Bei so vielen verschiedenen Geräten ist es einfach nicht mehr praktikabel, durch Training zum Experten für alle Komponenten zu werden.

Obwohl Cisco nach wie vor ein starker Player ist, ist das Unternehmen nicht mehr der wichtigste Anbieter auf all diesen Gebieten. Daher wird die Zertifizierung als Cisco Certified Internetwork Expert inhärent weniger bedeutsam, denn sie deckt nicht alles ab, was im Netzwerk bereitgestellt wird. Zudem zählt noch nicht einmal IoT dazu. Diese Umgebungen mit Sensoren, Überwachungskameras und vielem mehr machen die umfangreiche Welt des Networking noch komplexer.

Abbildung 1: Erfahren Sie, welche Kenntnisse heute für Netzwerktechniker relevant sind.
Abbildung 1: Erfahren Sie, welche Kenntnisse heute für Netzwerktechniker relevant sind.

2. Einfache Bedienbarkeit

Es hat lange gedauert, aber inzwischen lässt sich Netzwerkequipment einfacher nutzen – auch wenn das nicht immer der Fall ist. Die Anbieter haben erkannt, dass es schlecht fürs Geschäft ist, wenn ausschließlich Experten die Netzwerkkomponenten einrichten und konfigurieren können. Um mehr Geräte zu verkaufen, mussten die Anbieter dafür sorgen, dass diese sich einfacher nutzen lassen. Das galt insbesondere für KMUs und kleine Enterprise-Installationen.

Jetzt verfügen Netzwerkgeräte im Allgemeinen über intuitive Benutzeroberflächen, und viele Anbieter liefern die Managementschnittstelle über die Cloud. Zwangsläufig wird dadurch die Bereitstellung von neuer Managementsoftware vereinfacht, denn die Geräte kommen ohne Managementsoftware. Die Nutzer melden sich einfach im System an und erhalten die neuen Funktionen Der Anbieter-Code kümmert sich um das Back-End zwischen der Managementsoftware und den Geräten. Etliche Produkte ermöglichen es dem Nutzer, einen erweiterten Konfigurationsmodus ein- oder auszuschalten, um unnötige Optionen zu verbergen.

Netzwerkkomponenten stecken voller Funktionen, aber ich bezweifle, dass viele Benutzer auch nur 20 Prozent des Funktionsumfangs eines Geräts benötigen. Deshalb ist es relativ simpel, die Bedienbarkeit dieser Geräte zu vereinfachen, sofern der Anbieter sich auf die Kernfunktionen konzentriert, die die meisten Kunden nutzen.

3. Automatisierung

Wenn Nutzer versuchen, komplexe Dinge durchzuführen, machen sie Fehler. Und einige Netzwerke, zum Beispiel Data Center mit mehreren Standorten, können äußerst komplex werden. Sie erfordern möglicherweise kompliziertes QoS-Mapping (Quality of Service), Virtual Extensible LANs (VXLAN) und andere erweiterte Funktionen. Im Falle eines Fehlers müssen für genau diese Netzwerke Austausch-Switches und -Router schnell bereitgestellt werden.

Um mit solchen Anforderungen zurechtzukommen, entscheiden sich die meisten Anbieter dafür, Intelligenz ins Netzwerk zu integrieren, anstatt den Kunden zu nötigen, teure, hochqualifizierte Mitarbeiter rund um die Uhr in Bereitschaft zu halten.

Aber das ist nicht über Nacht passiert. Seit mittlerweile mehreren Jahren bewerben Anbieter Zero Touch Provisioning (ZTP). Mit ZTP muss ein Netzwerktechniker einen neuen Switch nicht mehr manuell konfigurieren. Vielmehr schließt er den Switch einfach an, und dann kommuniziert die Intelligenz im Netzwerk – entweder in einem Controller oder verteilt in der Fabric – mit dem neuen Switch und stellt ihn automatisch bereit.

Darüber hinaus nutzen Anbieter auch Automatisierungsplattformen wie Ansible, um umfassende, leistungsstarke Systeme aufzubauen, die in der Lage sind, komplexe Netzwerkumgebungen zu automatisieren.

Fortschritte in der Automatisierung verdrängen Networking-Zertifizierungen

Die Zukunft gehört der Automatisierung. Ein Netzwerkexperte kann profitieren, wenn er ein Automatisierungsexperte ist. Auch Ansible wird eine maßgebliche Rolle zukommen. Daher sollten Netzwerkfachleute sich mit der Nutzung dieses Tools vertraut machen, um komplexe Umgebungen zu steuern und zu verwalten. Python ist das universelle Tool der Wahl für die Automatisierung von allgemeinen Aufgaben, so dass Netzwerkprofis auch an Python-Kenntnissen nicht vorbeikommen.

Netzwerkzertifizierungen sind ein großes Geschäft und könnten für bestimmte Jobs wichtig sein. Doch bevor Sie Zeit und Geld dafür investieren, sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass die Zukunft des Networking Automatisierung auf allen Ebenen ist.

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