Kosten und Leistung entscheidend für Storage-Technologien

Das Verhältnis zwischen den Kosten eines bestehenden Problems und den Kosten der angepeilten Lösung entscheidet darüber, ob eine neue Storage-Technologie sich im Markt durchsetzt.

Wenn ein Konzept, Service oder Produkt plötzlich durchschlagenden Markterfolg hat, verändert sich etwas Grundsätzliches. Man spricht hier von so genannten Tipping Points (Wendepunkten). Der Begriff ist derzeit vor allem bekannt aus der naturwissenschaftlichen Klimadiskussion: Sind bestimmte Schwellen überschritten, gibt es kein Zurück mehr zum alten Zustand. Er wird aber hier technologisch und ökonomisch verwendet.

Bei Technologieprodukten, einschließlich Storage, erkennt man das Erreichen eines Tipping Points daran, dass sich ein steiler Anstieg der Verkaufszahlen abzeichnet. Die entstehende Verkaufskurve bezeichnet man als Hockey Stick, also Hockeyschläger. Manchmal dauert es bis dahin Jahre wie bei NAND-Flash-SSDs. Manchmal geht es blitzschnell wie bei Smartphones, als das iPhone 2007 auf den Markt kam.

Malcom Gladwell, mit John Decker zusammen Autor des vor 20 Jahren erschienenen Buches The Tipping Point: How Little Things Can Make a Big Difference waren die ersten, die die moderne Diskussion über solche Wendepunkte einleiteten. Mittlerweile wurde schon viel und kontrovers über diese Themen diskutiert, die Diskussionen haben aber ihr Gutes. Wendet man die wichtigsten Konzepte des Buches auf Storage an, zeigt sich ein möglicher Weg, Wendepunkte mit den Indikatoren Storage-Leistung, Kosten und Markterfolg zu messen.

Wer sorgt dafür, dass Wendepunkte erreicht werden?

Gladwell und Decker sehen drei Prinzipien hinter ökonomischen Tipping Points am Werk. Das erste ist das Gesetz der Wenigen, auch als Pareto-Prinzip oder 80/20-Regel bekannt: 20 Prozent der Mitarbeiter erledigen 80 Prozent der Arbeit. Diese 20 Prozent bahnen den Weg zu den Wendepunkten. Es sind spezielle Menschentypen, die zu ihnen gehören: Gladwell und Decker bezeichnen sie als Kontaktspezialisten, Experten und Vertriebsleute.

Kontaktspezialisten wie Social Media Influencer mit Millionen Followern haben einen überdimensionalen Einfluss darauf, wie andere Menschen Produkte und Dienstleistungen akzeptieren. Eine Analogie aus der Technologiewelt wäre, wenn eine große Bank eine neue Storage-Technologie einsetzt und einen Wettbewerbsvorteil gewinnt. Dann sind andere Unternehmen dieser Branche aus Wettbewerbsgründen eher bereit, ebenfalls diese Technologie einzusetzen.

Experten sammeln Unmengen von Daten zu Märkten, Produkten und Herstellern. In der Technologiewelt tun dies Marktforscher wie Gartner, Enterprise Strategy Group, IDC und unabhängige Analysten und Berater. Experten können den Markt sehr stark beeinflussen.

Die Rolle von Vertriebsmitarbeitern erklärt sich von selbst, allerdings muss man diesen Begriff genauer definieren. Gute Vertriebler können hervorragend überzeugen, verhandeln und verkaufen und so den Weg zu Wendepunkten beschleunigen. Mittelmäßige und schlechte Vertriebler können das nicht. Die 80/20-Regel gilt auch für den Vertrieb – 20 Prozent der Mitarbeiter sind für 80 Prozent der Verkäufe zuständig.

Wodurch kommt es zum Wendepunkt?

Der zweite Faktor ist der sogenannte Stickiness-Faktor. Er bezieht sich auf die Langlebigkeit des betreffenden Konzepts, Services oder Produkts. Storage ist dafür ein gutes Beispiel, insbesondere Storage-Systeme. Werden Daten einmal auf einem Storage-System gespeichert, ist es nicht einfach, auf ein anderes Storage-System zu wechseln.

Die Migration von Daten zwischen Speichersystemen, auf Cloud Storage und Tape ist eine manuelle Arbeit, arbeitsintensiv und teuer. Daher wird Storage möglichst lang genutzt. Im Fall von Cloud Storage verstärken die Gebühren für das Herunterladen der Daten aus der Cloud die Neigung, diese möglichst wenig zu bewegen.

Das dritte Prinzip hinter Tipping Points ist die Macht des Kontexts. Sie bezieht sich auf die Bedingungen, Umstände, Zeitpunkte und Orte, in denen das Konzept, der Dienst oder das Produkt eingesetzt wird. Der Kontext kann weit mehr Einfluss haben als die beiden erstgenannten Faktoren. Eine schnelle 15K RPM HDD mit hoher Kapazität hatte vor 20 Jahren mehr Erfolg als wenn dasselbe Produkt heute auf den Markt käme, wo es Konkurrenz durch Flash-SSDs gibt. Der Kontext ist also extrem wichtig.

Was bedeutet Kontext?

Der Kontext hat großen Einfluss darauf, ob ein Wendepunkt erreicht wird. Beispielsweise kann die Fähigkeit einer neuen Storage-Technologie, ein Marktproblem zu lösen, determinieren, wann der Markt zugunsten dieser Technologie „kippt“. Andere Kontextfaktoren in diesem Szenario sind:

  • Die Kosten des Problems für die Anwender
  • Die aktuell verfügbaren Lösungen
  • Die Kosten der aktuell verfügbaren Lösungen
  • Die Kosten der Lösung unter Nutzung der neuen Storage-Technologie

Man sollte stets im Auge haben, dass die Kosten der Lösung nicht den Kosten des Problems selbst entsprechen. Zum Beispiel hat Ausfallzeit Kosten, die von Tausenden bis zu Millionen oder sogar Milliarden Dollar pro Stunde reichen können. Davon getrennt sind die Kosten, das Problem zu entschärfen oder zu lösen. Das sind unterschiedliche Kostenpositionen.

Wenn die Kosten für die Lösung des Problems die Kosten des Problems selbst übersteigen, macht dieser Kontext es unwahrscheinlich, dass die für die Lösung erwogene neue Technologie den Punkt erreicht, an dem sie vom Markt breit akzeptiert wird.

Storage-Leistungsfaktoren, Kapazität und Kosten

Der Aufstieg von unternehmenstauglichen Flash-SSDs beleuchtet dieses Thema. SunDisk, später SanDisk und heute Teil von Western Digital, lieferte die ersten kommerziell verfügbaren Flash-SSDs 1991 aus, also vor fast drei Jahrzehnten. Doch es dauerte noch rund 25 Jahre bis etwa 2015, dass diese Produkte ihren Wendepunkt zum Erfolg erreicht hatten.

An dieser Stelle wird das Verhältnis zwischen Storage-Leistung, Kapazität und Kosten deutlicher. Flash-SSDs besaßen von Anfang an die drei- bis vierfache Transaktionsleistung von Hochleistungsfestplatten. Dabei ist es bis heute geblieben.

Aber ihre Kosten pro Gigabyte mussten sich erst schrittweise an die der leistungsstarken HDDs annähern, bis sie von breiten Kundenkreisen akzeptiert wurden. Das wurde durch den signifikanten Anstieg der NAND-Kapazitäten sowohl mit planaren als auch 3D-Herstellungsverfahren möglich.

Abbildung 1: Die Latenzzeiten von SSDs sind signifikant geringer als die traditioneller Speichermedien wie Festplatten.
Abbildung 1: Die Latenzzeiten von SSDs sind signifikant geringer als die traditioneller Speichermedien wie Festplatten.

Dabei sollte man sich bewusst machen, dass dieselben Technologien, die den massiven Kapazitätsanstieg verursachten, gleichzeitig die Storage-Leistung hinsichtlich Latenz, IOPS und Durchsatz verringerten. Performance ist grundsätzlich ein wichtiger Faktor, allerdings muss man Leistung auf den Kostenkontext des jeweils zu lösenden Problems beziehen.

So legt man beim Hochfrequenzhandel extrem hohen Wert darauf, die Latenz gering zu halten. Für Unternehmen auf diesem Markt übersetzt sich Latenzzeit in Millionen oder gar Milliarden verlorener Euros. Sie sind also eher bereit, eine Storage-Technologie mit höheren Kosten für dieselbe Kapazität einzusetzen als andere Anwender.

Als die Kosten für Flash-SSDs kapazitätsbezogen sanken, sahen immer mehr IT-Spezialisten SSDs als gute Lösung für ihre Probleme. Die Kosten pro Kapazität mussten nicht niedriger oder gleich mit denen der Hochleistungsfestplatten sein, damit sich Flash-SSD im Markt ausbreiten konnte, und dieser Prozess vollzog sich auch nicht in einem Schritt.

Als die Kosten-Kapazitätskurve von Flash-SDDs in Richtung von HDDs zu fallen begann, wurde das als gestiegener Wert der Storage-Leistung wahrgenommen. Das direkte Ergebnis ist, dass HDDs auf dem Markt zurückgedrängt werden. Dasselbe spielt sich nun zwischen NVMe-SSDs und SATA-SSDs ab.

Die Bedeutung des Kontexts

Es gibt einen kontextgebundenen Wendepunkt für Storage, an dem Leistung ein überzeugendes Argument für die Lösung bestimmter Probleme ist. Mit den sinkenden Kosten können immer mehr unterschiedliche Probleme durch eine neue Storage-Technologie gelöst werden. Der breite Einsatz erfordert Lösungen für vielfältige Probleme und einen kontextbezogenen Wert der Problemlösung, der viel größer ist als die kontextbezogenen Kosten dafür, die neuartige Lösung einzusetzen.

Das bedeutet nun nicht, dass Kontaktspezialisten, Experten und gute Vertriebsleute oder die Langlebigkeit einer Lösung nicht wichtig sind. Selbstverständlich sind sie das. Doch der kontextbezogene Wert ist der entscheidende Faktor.

Wenn neue Storage-Technologien wie persistentes Memory, Storage Class Memory und Computational Storage auf den Markt kommen, sollte man sich die Tipping-Point-Regeln für die breite Marktdurchdringung vergegenwärtigen, um zur richtigen Zeit auf neue Technologien umzusteigen.

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