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Die wahren Kosten von Wireless Power

Wireless Power, Stromversorgung ohne Kabel oder Ladestationen, wird am Ende Steckdosen und kabelgebundenen Strom ersetzen. Das sagt Hatem Zeine von Ossia. Doch zu welchem Preis?

Bevor man die Kosten einer Sache betrachtet, empfiehlt es sich immer, genau zu wissen, um was es eigentlich geht. Das gilt insbesondere für Wireless Power, denn mit dem Begriff werden aktuell mehrere, auch variierende Bedeutungen assoziiert. Die Definition entwickelt sich fortlaufend weiter.

Bei echter Wireless Power handelt es sich um eine Stromübertragung „Over the Air“, die ohne Kabel oder Lade-Pads automatisch zu einem Gerät oder Sensor erfolgt. Ein Eingreifen des Benutzers ist nicht nötig. Das Ganze lässt sich über die Cloud verwalten und absichern. Hierbei muss das Gerät keinen Sichtkontakt zum Sender haben. Bei echter Wireless Power ist es sogar so, dass das Gerät innerhalb von Bereichen, die Wireless Power unterstützen, bewegt werden darf, etwa in einer Hosen- oder Handtasche.

Wireless Power ist ein entscheidender Schritt für die Transformation der Gesellschaft. Es wird am Ende die Steckdose ersetzen und ein breites Spektrum an Produkten sowie Services ermöglichen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Doch ich greife vor. Kehren wir noch einmal zurück zu den Kosten.

Wer die Investitionskosten in eine neue Technologie wie Wireless Power betrachtet, denkt zuerst an die harten Kosten:

  • Wie viel kostet es, die Wireless-Power-Technologie zu lizenzieren und aufzubauen? Wie teuer ist die Anschaffung der Hardware?
  • Wie viel kostet es, die Technologie in vorhandene Geräte, Netzwerke und Systeme zu integrieren?
  • Wie wirken sich die Kosten von Wireless Power auf unsere Stromrechnung aus?

All dies sind berechtigte Fragen, aber es gibt noch viel mehr Kosten zu berücksichtigen. Zum Beispiel:

  • Wie machen sich die Kosten der aktuellen Verkabelungsinfrastruktur beim Aufbau einer neuen Infrastruktur bemerkbar?
  • Wie viel geben wir für Akkus, Akkukontrolle und Recycling-Management aus? (Die in Akkus gespeicherte Energie kostet tausendmal mehr als das, was die gleiche Energie aus der Steckdose kostet.)
  • Wie hoch sind die Kosten für die Ausfallzeiten von Mitarbeitern, wenn ein Gerät aufgeladen werden muss?
  • Worin besteht der Nutzen für einen Verbraucher, sich nicht die Zeit für eine Wiederaufladung zu nehmen und deshalb ein wiederaufladbares Haushaltsgerät zu verwenden?
  • Was sind die Kosten für die verpasste Gelegenheit künftiger Erfindungen, die kontinuierlich geringe Strommengen nutzen könnten, ohne dass es einer Aufladung oder Kontrolle bedarf? (Dies betrifft auch akkulose Geräte, die uns prinzipiell überleben können.)

Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir könnten den ganzen Tag über Kosten reden, besonders im Hinblick auf die vertane Chance, Wireless Power nicht zu nutzen. Der springende Punkt ist: Bei den Kosten geht es nicht nur um den Preis. Es geht um die mittel- und langfristigen Renditemöglichkeiten von Wireless Power. Es geht um das große Ganze, darum zu sehen, wie Einsparungen in anderen Bereichen – gesellschaftlich, ökologisch oder den Lifestyle betreffend – die Kosten von Wireless Power selbst rasch in den Schatten stellen.

Anhand des folgenden einfachen Szenarios lässt sich gut erkennen, inwiefern Wireless Power Auswirkungen auf unser Leben und unsere Brieftasche haben wird.

Kabelgebundene Haushaltsgeräte versus Wireless Power

Nehmen Sie ein Gerät, das heute über ein Kabel mit Strom versorgt wird, wie ein Bewegungssensor für ein Alarmsystem, und betreiben es über Wireless Power. Angenommen, der kabelgebundene Strom ist der einfacheren Argumentation halber zu 80 Prozent effizient, da man die Netzspannung von 230 Volt in ein für den Bewegungssensor geeignetes Niveau umwandeln muss. Wireless Power in diesem Szenario zu verwenden, wäre nur zu 10 Prozent effektiv. Wenn man den Bewegungssensor kabellos betreibt, ist es teurer, als kabelgebundenen Strom zu nutzen, denn Wireless Power ist nicht so effizient wie sein kabelgebundenes Pendant.

Wenn Sie an dieser Stelle nicht weiter recherchieren, könnten Sie zu der Schlussfolgerung gelangen, dass kabelgebundener Strom Ihre Organisation weniger kostet als Wireless Power. Damit würden Sie aber falsch liegen.

Wenn Sie die tatsächlichen Stromkosten vergleichen, kostet Sie kabelgebundener Strom für einen Sensor 38 Cent im Jahr, während Wireless Power mit 1,80 Euro zu Buche schlägt. In diesem Szenario fehlen allerdings einige Kosten – die Kosten für das Kabel selbst (zirka 9 Euro), die Arbeitskosten für den Elektriker (über 350 Euro) und Dinge wie die Umweltkosten zur Beförderung des Elektrikers (Benzin, Emissionen, Straßenabnutzung, Verkehr) und den Kupferabbau für das Kabel. Für ein Haus mit sechs Bewegungssensoren, die bei der Versorgung mit Wireless Power 10,60 Euro pro Jahr kosten, würde es mehr als 34 Jahre dauern, bis die Kosten, die der Stromversorger in Rechnung stellt, die Kosten der Elektroinstallation für kabelgebundene Sensoren erreicht hätten.

Erweitern Sie dieses Beispiel und berücksichtigen dabei, wie viele Steckdosen in einem Haus installiert sind. Falls wir gut 80 Prozent dieser Steckdosen nicht benötigen würden, weil all unsere kleinen Geräte stattdessen Wireless Power nutzen, könnten alleine die Kosten der Elektroinstallation für den Bau eines Hauses um 7 bis 8 Prozent sinken.

Sieben oder acht Prozent mögen nicht viel erscheinen, aber für ein Haus im Wert von 350.000 Euro sind das Einsparungen von 24.680 bis 28.200 Euro. Selbst wenn Sie 50 kleine Geräte kabellos mit Strom versorgen und Ihre Stromrechnung um 69,20 Euro im Jahr steigt, müssten Sie 407 Jahre in diesem Haus leben, damit die Stromrechnung für Wireless Power echte Kosten für Sie verursacht.

Das Wohnen günstiger zu gestalten und mehr Bürgern Wohneigentum zu ermöglichen, ist nur ein Beispiel für den Nutzen, den Wireless Power für die Gesellschaft bringt.

Die Kosten von Wireless Power: negativ

Wireless Power lässt uns bereits unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Infrastrukturen überdenken. Die wahren Kosten von Wireless Power sind negative Kosten. Dadurch entfallen viele der Dinge, für die wir heute zahlen, und es entsteht eine Fülle von ungeahnten Möglichkeiten zur Verbesserung des Lebensstils.

Derzeit schränken wir unsere Vorstellungskraft dessen, was möglich ist, ein, denn eine automatische Stromversorgung „Over the Air“ an jedem Ort und für beliebige Dinge erscheint verrückt. Das muss aber nicht so sein.

Der Nutzen von Wireless Power steigert sich mit der Zeit

Wireless Power ist eine Investition, die dem Gesetz sinkender Erträge nicht folgt. Je mehr Geräte über Wireless-Power-Funktionen verfügen, desto größer ist der Nutzen.

Und wenn wir mehr Geräte haben, die in der Lage sind, kontinuierlich Daten zu erfassen, besitzen wir mehr Informationen, um Systeme zu analysieren und zu verbessern. Wenn wir über mehr Geräte verfügen, die sich vernetzen und kommunizieren können, werden KI und Machine Learning sich weiterentwickeln, um uns mehr Sicherheit und Produktivität zu bieten.

Der Nutzen von Wireless Power lässt nicht nach oder endet, und die Kosten sind negativ. Wir sollten uns aber folgende Frage stellen: Wie teuer kommt es Sie – und uns als Gesellschaft – zu stehen, wenn wir Wireless Power nicht einsetzen?

Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder und entsprechen nicht unbedingt denen von ComputerWeekly.de.

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