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Enterprise Agentic Automation: KI in Geschäftswert übersetzen

Viele KI-Agenten scheitern an Skalierung und Vertrauen. Enterprise Agentic Automation verbindet Orchestrierung, Guardrails und BPMN für produktive, kontrollierte KI.

2025 markierte den Durchbruch der KI-Agenten und zugleich eine ernüchternde Realität: Viele KI-Initiativen blieben in isolierten Prototypen stecken und scheiterten daran, den Sprung in geschäftskritische Produktionsumgebungen zu schaffen.

Zahlreiche Projekte stießen an eine Skalierungsgrenze. Die Kluft zwischen dem Versprechen der agentenbasierter KI und der betrieblichen Realität (Stichwort: Trust/Scale Gap (PDF)) ist allgegenwärtig. Dies manifestiert sich auch im Vertrauen: Nur 27 Prozent der Unternehmen vertrauen heute laut Capgemini (PDF) vollautonomen KI-Agenten, ein deutlicher Rückgang gegenüber dem Vorjahr.

Doch wie kann man Agenten dazu befähigen, komplexe, ausnahmeintensive oder kognitive Aufgaben zu automatisieren, ohne die Kontrolle zu verlieren? Die Antwort liegt nicht in mehr Autonomie sondern in einem strategischen Ordnungsrahmen, den wir als Enterprise Agentic Automation (EAA) bezeichnen. EAA baut auf Agentic Orchestration (AO) auf, der gezielten Einbettung agentenbasierter Intelligenz in kontrollierte End-to-End- Prozesse.

1. Vertrauen durch Architektur: Das Ende der Black Box

KI-Piloten scheitern selten an fehlender Intelligenz der Agenten, sondern an fehlender Struktur. Agenten, die isoliert arbeiten oder auf Chatbot-Logik reduziert sind, sind operativ blind und nicht skalierbar.

EAA schließt diese Lücke, indem es dynamische KI-Intelligenz mit deterministischen Kontrollmechanismen und klaren Human-in-the-Loop-Kontrollpunkten verschränkt wird.

Ein zentrales Element ist die Agentic Orchestration. Dabei geht es nicht nur um die Koordination mehrerer KI-Agenten nacheinander. Ziel ist es, das Beste aus deterministischer Prozesslogik mit der Anpassbarkeit eines KI-Agenten in einem Prozess zu kombinieren.

Diese vier entscheidenden architektonischen Anforderungen für vertrauenswürdige Agenten sollten erfüllt werden:

  1. Statefulness (Zustandserhaltung): Agenten müssen ihren Kontext, ihre Entscheidungen und ihre Daten über Tage, Wochen oder Monate hinweg zuverlässig in Langzeitprozessen halten können. Die Zustandserhaltung (Statefulness) der Automatisierungsplattform gewährleistet die vollständige Rückverfolgbarkeit und Wiederherstellbarkeit jeder Agentenaktion, was für die Compliance unerlässlich ist.
  2. Agentic Business Process Model and Notation (BPMN): Agentic BPMN erweitert den Standard, um dynamisches Agentenverhalten wie Reasoning Loops (Planungszyklen), Gedächtnis, Retrieval-Augmented Generation (RAG) und menschliche Kontrollpunkte (Human-in-the-Loop) direkt im Prozessmodell explizit modellierbar zu machen. So wird aus implizitem KI-Verhalten explizite, prüfbare Prozesslogik ohne Black-Box. Gleichzeitig wird die Zusammenarbeit von Business und IT durch gemeinsame Sprache gewährleistet.
  3. Eingebaute Guardrails: Autonomie wird nicht abgeschafft, sondern gezielt durch Guardrails begrenzt, die direkt durch die Orchestrierung durchgesetzt werden. Es lässt sich zum Beispiel festlegen, dass kritische Aktionen (wie eine Überweisung oder ein Geräte-Reset) immer erst eine menschliche Genehmigung erfordern.
  4. RAG-Integration: RAG wird nicht dem Agenten überlassen, sondern vom Prozess gesteuert, wie der Agent auf externe Wissensquellen zugreift, damit Entscheidungen faktenbasiert, nachvollziehbar und compliant bleiben.

2. Praktische Lehren aus Project Orchestr-AI-te

Die Learnings aus unseren über 50 Kundenprojekten im Rahmen von Project Orchestr-AI-te – von Banking über Telekommunikation bis zum Gesundheitswesen – zeigen klar, welche Anwendungsfälle sich für EAA eignen und wie der ROI erzielt wird.

Automatisierung des Unvorhersehbaren

Der größte Hebel für Agenten liegt im Unvorhersehbaren, wo Regeln enden und Ausnahmen dominieren. Ein zentraler Anwendungsfall ist die Bewertung und Anreicherung von komplexen Handelsdetails im Finanzwesen.

  • Das Problem: Die Validierung unstrukturierter Handelsdaten muss sehr schnell erfolgen, um die regulatorischen Fristen (T+1) einzuhalten. Aufgrund der Komplexität und der vielen Variablen war dies manuell extrem aufwendig und fehleranfällig. Schätzungen zufolge arbeiten allein in den USA 25.000 Vollzeitstellen an dieser Trade Reconciliation, was jährliche Kosten von über zwei Milliarden US-Dollar verursacht. Ein menschlicher Mitarbeiter konnte oft nur sechs bis zehn Trades pro Tag überprüfen.
  • Die EAA-Lösung: Agentic Orchestration nutzt KI-Agenten, um unstrukturierte Dokumente dynamisch zu analysieren und zu validieren. Gleichzeitig werden deterministische Tools wie DMN-Entscheidungstabellen eingesetzt, um alle mathematischen Berechnungen und Compliance-Prüfungen durchzuführen. Die Lösung folgt einem klaren Muster: KI dort, wo Interpretation nötig ist – Determinismus dort, wo Präzision zählt:
  • Der Impact: Die manuelle Anstrengung in diesem Prozess konnte um 86 Prozent reduziert werden. Die Mitarbeiter konnten nun 40 bis 60 Trades pro Tag prüfen, und die Verzögerungen über die regulatorische Frist hinaus sanken um beeindruckende 98 Prozent.
  • Der Lernzyklus und ROI: Der tatsächliche Return on Investment (ROI) entsteht nicht nur durch die einmalige Lösung von Fällen durch den Agenten, sondern durch einen kontinuierlichen Lernzyklus.
Daniel Meyer, Camunda

„Der Weg zur produktiven KI führt über die Orchestrierung. Unternehmen müssen aufhören, KI-Agenten als isolierte Aufgaben-Bots zu betrachten. Sie müssen als verwaltete, kontrollierte Teilnehmer in End-to-End-Geschäftsprozesse eingebettet werden.“

Daniel Meyer, Camunda

Zuerst nutzen wir den Agenten, um unbekannte Fälle zu lösen. Wenn der Agent jedoch ein Problem wiederholt auf dieselbe Weise löst (etwa bei der Analyse eines unbekannten Fehlercodes im technischen Support), kann dieses Muster erkannt und in eine deterministische Regel (BPMN oder DMN) überführt werden. Dadurch ernten wir deterministische Lösungen aus dem dynamischen Verhalten der KI. Das senkt langfristig die Kosten für teure LLM-Aufrufe und steigert gleichzeitig Geschwindigkeit und Vorhersagbarkeit.

3. Ausblick: Vom Piloten zur Transformation

EAA ermöglicht es, die Autonomie des Agenten dort zu erhöhen, wo sie den größten Wert stiftet – nämlich indem sie menschliche Zeit für höherwertige Aufgaben freisetzt. Beispielsweise konnte bei einem globalen Bankkunden das Onboarding durch die Nutzung von Agenten zur Dokumentenprüfung und Kundeninteraktion um 65 Prozent beschleunigt werden, was die Mitarbeitenden entlastete und das Kundenerlebnis verbesserte.

Der Weg zur produktiven KI führt über die Orchestrierung. Unternehmen müssen aufhören, KI-Agenten als isolierte Aufgaben-Bots zu betrachten. Sie müssen als verwaltete, kontrollierte Teilnehmer in End-to-End-Geschäftsprozesse eingebettet werden. Durch die Kombination von integrierten Guardrails, Zustandserhaltung und voller Transparenz über die Orchestrierungsebene können Unternehmen sicherstellen, dass KI-Agenten nicht nur intelligent, sondern auch verantwortungsvoll und compliant agieren. Nur so wird aus dem Hype von 2025 die messbare betriebliche Realität von 2026.

Über den Autor:
Daniel Meyer ist Chief Technology Officer bei Camunda, wo er die Produkt- und Entwicklungsteams leitet. Er ist der Visionär hinter einigen von Camundas größten technologischen Fortschritten und ist verantwortlich für die End-to-End-Entwicklung und Wartung von Camundas branchenführenden Produkten. Daniel hält regelmäßig Vorträge zu den Themen Automatisierung und Prozessorchestrierung bei Veranstaltungen der Technologiebranche. Er hat einen Masterabschluss in Informatik von der Universität Potsdam.

 

Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder.

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