Digitale Souveränität – realistisches Ziel oder Wunschbild?

Digitale Souveränität gewinnt an Bedeutung. Donald Trumps erratische Politik zeigt, dass der Zugang zu US-IT-Technologien nicht selbstverständlich und mit Risiken verbunden ist.

Es rumort schon lange unter den Nutzern US-amerikanischer Cloud-Dienstleistungen. Denn der Cloud Act macht trotz aller immer wieder geäußerten Beteuerungen entsprechender Anbieter hinsichtlich der bei ihnen gehaltenen Kundendaten klar: Absolute Garantien für die Sicherheit der Daten in US-Händen gibt es nicht.

Seuchen, Kriege und andere Krisen zeigen zudem, wie zerbrechlich globale Lieferketten sind. Und die willkürlichen Verhaltensweisen des US-Präsidenten Donald Trump – Zölle mal rauf und mal runter, Exportbeschränkungen für kritische IT-Güter wie KI-Modelle oder GPUs und so weiter haben auch nicht dazu beigetragen, die Situation zu entschärfen.

Da ist klar, dass der Ruf nach digitaler Souveränität laut und lauter erschallt. Doch wie viel davon ist in Europa derzeit überhaupt möglich?

Rohstoffe und Vorprodukte: Europa ist abhängig

Fangen wir einmal ganz unten an: bei Rohstoffen und Chips. Die Rohstoffe und Vorprodukte für digitale Chips werden überwiegend in China und anderen außereuropäischen Ländern gefertigt. Daran wird sich so schnell nichts ändern lassen, zumal sich der Bergbau bei den Europäern als relativ schmutzige Industrie auch nicht unbedingt größter Beliebtheit erfreut.

Die Chips kommen vorwiegend aus Asien, auch aus den USA. Wozu Chipfertigung in Asien führen kann, zeigte sich in der Speicherkrise während der Corona-Epidemie bei gleichzeitig steigendem Bedarf durch KI. Seitdem sind Speicherpreise in die Höhe geschossen und verteuern IT-Produkte für Endverbraucher. Zwar wird nachgebaut, so errichtet Micron derzeit eine neue Fab in Singapur, doch dürfte es dauern, bis hier Entlastung eintritt.

Eine besonders wichtige Rolle spielt die taiwanesische TSMC als Auftragsfertiger für die Großen der Branche. Weitere wichtige Chipfertiger sind Intel und Samsung. In Europa sieht es bislang eher mau aus. Intel hat seine Fertigungspläne bei Dresden erst einmal auf Eis gelegt.

TSMC baut im Rahmen des Joint Venture European Semiconductor Manufacturing Company zusammen mit Bosch, Infineon und NXP eine neue 2,5-Nanometer-Chipfabrik bei Dresden. Darin sollen innerhalb von fünf Jahren zehn Milliarden Euro investiert werden. Doch der erste europäische KI-Hochleistungschip Rhea-1 von SiPearl wird wegen anderer Strukturbreiten wieder bei TSMC in Taiwan gefertigt. Angesichts ständiger chinesischer Drohgebärden gegen die aus seiner Sicht abtrünnige Republik kein beruhigender Zustand.

Investitionen unumgänglich

Immerhin hat die EU begriffen, dass sie Geld in die Hand nehmen muss, will sie irgendwann auf dem Chipmarkt weltweit eine Rolle spielen. Mit dem EU Chips Act startet sie eine massive Subventionierung von Halbleiterfabriken. Das muss flankiert werden von erheblichen Bemühungen um die Ausbildung und Gewinnung geeigneten Personals – angesichts ausländerfeindlicher Parteien und der eigenen demografischen Delle ein schwieriges Unterfangen.

Auch die Systeme kommen weitgehend aus den USA oder China. Die großen Systemlieferanten heißen HPE, Lenovo, Dell, Apple, Cisco und Huawei. Dazu kommt noch Fujitsu aus Japan. Ein Hoffnungsschimmer ist, dass sich Bull auf der europäischen Ebene als Supercomputeranbieter zurückmeldet. Allerdings brauchen die meisten Unternehmen keinen Supercomputer.

Bleiben noch die oberen Ebenen: Software und Services. Bei den Betriebssystemen gibt es für quelloffenes Linux immerhin diverse europäische Bezugsquellen und eine große Open-Source-Community. Bei den großen Anwendungen kann SAP punkten. Ansonsten blickt man bei Betriebssystemen auf eine Microsoft-Monokultur und bei ERP hat SAP mit Oracle einen beinharten Wettbewerber. Dazu kommen die Lösungen der Hyperscaler, die heute aus den USA kommen, genau wie die meisten Kolokateure.

Cloud-Provider: Es muss kein Hyperscaler sein

Immerhin gibt es Ausweichmöglichkeiten bei etwas kleineren und mittleren Cloud-Providern, hier wären einschlägige Namen wie T-Systems, Hetzner, OVH und andere zu nennen. Das lange viel geschmähte Gaia-X gibt Kunden entsprechend zertifizierter Partner die Möglichkeit, ihre Daten untereinander auszutauschen respektive zur Gestaltung neuartiger Services oder Produkte zusammenzuführen, ohne Spionage oder den Verlust der Datenhoheit fürchten zu müssen.

Von Europa ausgehende Gesetze wie die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und der AI Act sorgen für eine gewisse Sicherheit und Kontrolle. Vor allem, wenn sie, wie sich anzudeuten scheint, auch tatsächlich in entsprechende Entscheidungen und Strafzahlungen umgesetzt werden. Es bleibt abzuwarten, wie standhaft sich Europa gegenüber Druckversuchen, etwa mit Zöllen, der US-Regierung gegen solche Sanktionen zeigt.

Digitalisierung: Ist weniger mehr?

Das alles deutet darauf hin, dass es mit der digitalen Souveränität in Europa bislang nicht allzu weit her ist. Dennoch werden Firmen aus nachvollziehbaren Gründen nicht müde, zu betonen, man könne auch in der aktuellen IT-Welt eine gewisse digitale Souveränität realisieren. Beispielsweise durch die Kontrolle über die Verwaltung der digitalen Umgebung, durch die Ausführung von KI-Modellen unter lokaler Gesetzgebung, durch Open Source, Standards und Interoperabilität und durch lokale Datenhoheit.

Das alles ist aber angesichts der Rohstoff- und Hardwareabhängigkeit der Europäer vorläufig ein eher schwacher Trost, wenn auch besser als nichts. Allerdings sollte es zu denken geben, wenn Länder wie Schweden für mehr Resilienz jetzt nicht mehr, sondern weniger Digitalisierung verlangen. Weil das Internet nämlich auch einmal ausfallen könnte, müssen dort jetzt Lebensmittelläden und Apotheken wieder Bargeld entgegennehmen. Schließlich soll niemand verhungern, nur weil die digitale Infrastruktur aus welchen Gründen auch immer versagt.

Über die Autorin:
Ariane Rüdiger ist freie Redakteurin, Autorin und Moderatorin mit über 30 Jahren Erfahrung in verschiedenen Themenbereichen wie Telekommunikation, IT und IT-Management sowie Erneuerbare Energien/Nachhaltigkeit.

Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder.

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