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Digitale Souveränität braucht pragmatisches Risikomanagement
US-Plattformen bleiben für viele Unternehmen unverzichtbar. Entscheidend ist deshalb nicht vollständige Unabhängigkeit, sondern ein resilienter Umgang mit digitalen Risiken.
Die Abhängigkeit europäischer Unternehmen von US-Technologieanbietern ist längst operative Realität. Das gilt auch für Boehringer Ingelheim. Als globales Pharmaunternehmen findet Wertschöpfung in vernetzten Plattformökosystemen statt, die größtenteils aus den USA stammen: Hyperscaler für Rechenleistung und Speicher, Softwareplattformen für Marketing und Vertrieb sowie Werkzeuge für Forschung und Entwicklung.
Wie relevant der Standort digitaler Technologien geworden ist, zeigte sich erst kürzlich: Ein einzelner politischer Beschluss der US-Regierung genügte, um einen Teil der digitalen Infrastruktur – den Zugang zum KI-Modell Mythos 5 von Anthropic – für Millionen Menschen außerhalb der USA unerreichbar zu machen. Wer globale Plattformen nutzt, ist damit immer auch von der politischen Stabilität ihrer Herkunftsländer abhängig.
Schwarz-Weiß-Denken hilft nicht weiter
Die naheliegende Reaktion wäre, diese Abhängigkeit möglichst schnell zu beenden: alles nach Deutschland oder Europa zu verlagern, alles selbst zu betreiben, vollständige Unabhängigkeit herzustellen. Aus unserer Sicht ist das jedoch weder realistisch noch sinnvoll.
Für viele Anwendungen gibt es derzeit keine gleichwertige Alternative. Im Pharmamarketing beispielsweise nutzt die Branche weitgehend dieselbe etablierte Plattform eines US-Tech-Giganten. Der Nutzen liegt gerade in deren globaler Skalierung. Ein Ausstieg würde uns von Innovationen sowie internationalem Austausch abschneiden und am Ende unsere Wettbewerbsfähigkeit schwächen.
Hinzu kommt, dass für vollständige Unabhängigkeit schlicht die Kapazität fehlt. Würde sich Europa auf die wenigen eigenen Anbieter verlassen, wären die Kapazitäten schnell ausgeschöpft. Die Initiativen der Bundesregierung für souveräne Datenräume und eigene KI-Rechenzentren sind ein richtiger und wichtiger Schritt. Im Vergleich zur Geschwindigkeit, mit der große internationale Anbieter Infrastruktur aufbauen, reichen sie jedoch noch nicht aus.
Aus der Abhängigkeit in die Handlungsfähigkeit
Vollständige Souveränität ist deshalb kein erreichbares Ziel. Entscheidend ist, Risiken realistisch einzuschätzen und gezielt zu steuern. Boehringer Ingelheim löst sich also nicht pauschal von globalen Plattformen. Stattdessen analysieren wir unsere digitale Abhängigkeit und prüfen für jeden Bereich, auf welche Daten und Systeme wir jederzeit zugreifen können müssen – und wo eine vorübergehende Einschränkung zwar unangenehm, aber vertretbar wäre. Unsere Strategie ist eine resiliente Architektur und pragmatisches Risikomanagement statt eines vollständigen Systemwechsels.
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„Vollständige Souveränität ist deshalb kein erreichbares Ziel. Entscheidend ist, Risiken realistisch einzuschätzen und gezielt zu steuern.“
Andreas Henrich, Boehringer Ingelheim
In unserer hybriden Infrastruktur betreiben wir eigene Rechenzentren und Co-Locations mit deutschen Betreibern, insbesondere für sensible Daten. So bleiben diese auch dann verfügbar, wenn einzelne Plattformen eingeschränkt sind oder geopolitische Entscheidungen den Zugang zu Diensten verändern. Gleichzeitig nutzen wir weiterhin internationale Plattformen und Hyperscaler dort, wo sie uns mehr Geschwindigkeit und Innovationskraft bieten als eigene Rechenzentren.
Zentrale und kritische Daten spiegeln wir zusätzlich in kontrollierte Umgebungen, damit der Zugriff nicht von einer Plattform oder einem Standort abhängt. In Hyperscaler-Umgebungen werden Daten über verschiedene Zonen repliziert. Fällt eine Zone oder ein Anbieter aus, greifen wir auf eine gespiegelte Version zu. In unseren eigenen Rechenzentren ergänzen wir das durch interne Backup-Mechanismen und Spiegelungen an andere Unternehmensstandorte.
Im Pharmamarketing zeigt sich diese Balance im Alltag: CRM-Systeme, Content-Plattformen und Kampagnensteuerung laufen weiter auf etablierten globalen Plattformen. Zusätzliche eigene Datenspeicher, Datenspiegelungen und Governance-Strukturen sichern sie ab. So bleiben Datenflüsse und das Tagesgeschäft auch dann stabil, wenn einzelne Systeme eingeschränkt sind.
Cyberangriffe gehören zum Alltag
Digitale Souveränität heißt für uns auch, im Umgang mit Cyberkriminalität eigenständig und handlungsfähig zu bleiben. Wir registrieren monatlich über 20.000 Angriffsversuche auf unsere Systeme, Tendenz steigend. Mit dem Einsatz von KI werden diese Angriffe raffinierter, Muster lassen sich schwerer erkennen. Nach wie vor sind Phishing-Mails der häufigste Einfallsweg ins Netzwerk. Daneben beobachten wir verstärkt organisierte Gruppen, die gezielt kritische Infrastrukturen angreifen, um operative Prozesse zu stören. Die Folgen eines erfolgreichen Angriffs können fatal sein: Wenn Systeme ausfallen oder Daten nicht verfügbar sind, trifft das nicht nur die IT, sondern unmittelbar Geschäftsprozesse. So kann ein kompromittiertes System im schlimmsten Fall die Produktion und damit die Verfügbarkeit von Medikamenten beeinträchtigen.
Zum Schutz haben wir eine eigene Sicherheitsstruktur aufgebaut: Eine Einheit schützt unsere Systeme, die andere testet sie gezielt auf Schwachstellen. Ergänzend setzen wir KI-gestütztes Monitoring ein, das große Mengen an Logdaten auswertet und Angriffsmuster früh erkennt. Hinzu kommen Multifaktor-Authentifizierungen, feste Meldewege sowie regelmäßige Awareness- und Verhaltenstrainings. Wird ein System kompromittiert, können wir es isolieren, einzelne Standorte vom Unternehmensnetzwerk trennen oder Mailboxen sperren, bevor sich der Vorfall ausbreitet.
Chancen digitaler Vernetzung durch Resilienz nutzen
Digitale Souveränität bedeutet für uns, so robust aufgestellt zu sein, dass wir im Ernstfall handlungsfähig bleiben und trotzdem die Chancen digitaler Vernetzung nutzen können. Über deren möglichen Gefahren wird in Deutschland und Europa viel gesprochen und vergleichsweise wenig darüber, welche Innovationen sie ermöglicht. Etwa in der Entwicklung neuer Arzneimittel mithilfe von KI: Sie erlaubt uns, mehr Daten zu verknüpfen und auszuwerten und Nebenwirkungen zu simulieren – in der Arzneimittelforschung bringt uns KI klar nach vorn. Wir können potenzielle Wirkstoffkandidaten schneller bewerten, Nebenwirkungen virtuell simulieren und durch das bessere Verständnis von Krankheitsmechanismen ganz neue Therapien entwickeln. Das verkürzt Entwicklungszyklen spürbar. Um diese Potenziale zu nutzen, setzen wir auf gezielte Absicherung dort, wo sie notwendig ist, und auf die bewusste Nutzung internationaler Plattformen dort, wo Abhängigkeit vertretbar ist.
Über den Autor:
Andreas Henrich ist Corporate Vice President IT Infrastructure, bei Boehringer Ingelheim. Boehringer Ingelheim ist ein biopharmazeutisches Unternehmen, das in den Bereichen Humanmedizin und Tiergesundheit tätig ist
Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder.
