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Wie ERP 2026 zum strategischen Steuerungsinstrument wird
Während 2025 für viele Unternehmen das Jahr der Cloud-Konsolidierung ihrer ERP-Systeme war, steht 2026 im Zeichen der intelligenten Vernetzung und Automatisierung.
Der Handlungsdruck bleibt hoch. Volatile Lieferketten, neue EU-Vorgaben und steigende Cyberrisiken treffen weiterhin auf anhaltende Fachkräftelücken. In diesem Umfeld entwickeln sich ERP-Systeme vom administrativen Rückgrat zu aktiven Steuerungsinstrumenten, die Prozesse automatisieren, Entscheidungen vorbereiten und regulatorische Anforderungen absichern – von Disposition und Finanzwesen bis hin zu Service und Logistik. ERP wird damit vom Datenverwalter zum proaktiven Taktgeber operativer Wertschöpfung.
Wichtiger Baustein ist dabei der Einsatz von KI. Doch derzeit liegt Deutschland beim KI-Einsatz mit 32 Prozent deutlich unter dem europäischen Durchschnitt zurück, ergab das Industriebarometer 2025 von Forterro. Mehr als die Hälfte der Unternehmen berichtet, dass fehlende Cloud-Grundlagen und mangelnde KI-Kompetenz bisher den erhofften Nutzen verhindern.
Die Konsequenz für 2026: Wettbewerbsfähigkeit entsteht durch Vertrauen in Daten und Automatisierung, durch pragmatische Cloud-Migration mit Hybridmodellen sowie durch ERP als zentrale Compliance- und Integrationsplattform. Wer jetzt strukturiert vorgeht, baut Resilienz auf, reduziert Risiken und schafft die Voraussetzungen für transparente, vernetzte und skalierbare Prozesse. Dabei stehen folgende Trends im Blickpunkt:
1. Intelligente Automatisierung: Von der Analyse zur Handlung
Künstliche Intelligenz ist im ERP-Kontext kein Zukunftsversprechen mehr, sondern wird 2026 zunehmend zur operativen Realität. Der entscheidende Wandel liegt dabei weniger in neuen Analysefunktionen als in der Konsequenz ihrer Nutzung: ERP-Systeme liefern nicht länger nur Kennzahlen und Auswertungen, sondern leiten konkrete Handlungsschritte ab. Automatisierte Bestellvorschläge, vorausschauende Wartungsplanung oder intelligente Prognosen in Finanz- und Lieferkettenprozessen entwickeln sich zum neuen Standard.
Für Unternehmen jeder Größe wird KI-gestützte Automatisierung damit zu einer strategischen Notwendigkeit – nicht zuletzt, um Fachkräftelücken abzufedern und operative Effizienz zu sichern. Gleichzeitig zeigt sich eine deutliche Umsetzungslücke. Laut dem Industriebarometer 2026 geben 56 Prozent der Unternehmen an, bislang nicht von KI zu profitieren, weil sowohl die Cloud-Basis als auch die erforderliche KI-Kompetenz fehlen. Im europäischen Vergleich weist Deutschland mit lediglich 32 Prozent den niedrigsten KI-Einsatz auf.
Gerade im Mittelstand ist dabei weniger die technische Machbarkeit ausschlaggebend als das Vertrauen in die Systeme. Als praktikabler Ansatz etabliert sich zunehmend sogenannte Embedded AI – KI-Funktionen, die nativ und schrittweise in bestehende ERP-Workflows integriert sind. Ziel ist nicht die Automatisierung um ihrer selbst willen oder die Ersetzung menschlicher Entscheidungen, sondern deren gezielte Unterstützung durch transparente, erklärbare und wirtschaftlich nachvollziehbare Modelle.
Während 2025 vielfach noch dem Verständnis und der Einordnung von KI diente, markiert 2026 den Übergang zur aktiven Entlastung im Tagesgeschäft. Der Fokus verschiebt sich von retrospektiven Analysen hin zu Smart Workflows. ERP-Systeme reagieren nicht mehr nur auf Eingaben, sondern agieren proaktiv innerhalb definierter Regeln und Prozesse.
Ein typisches Szenario, das 2026 zur Normalität wird: Das ERP erkennt automatisch, dass ein Meldebestand unterschritten wird, berücksichtigt aktuelle Lieferzeiten und erstellt selbstständig einen Bestellvorschlag. Durch die enge Verzahnung von Einkaufs-, Lager- und Planungsprozessen werden Routinetätigkeiten weitgehend automatisiert. Mitarbeitende gewinnen dadurch Zeit für wertschöpfende, strategische Aufgaben – ein zentraler Hebel in einem zunehmend angespannten Arbeitsmarkt.
2. Cloud-Strategien: Trend zu Hybridlösungen
Trotz jahrelanger Diskussion ist Cloud-ERP im deutschen Mittelstand noch keine Selbstverständlichkeit. Ein erheblicher Teil der Unternehmen arbeitet weiterhin mit klassischen On-Premises-Installationen oder nur teilweise cloud-basierten Systemen. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass der vollständige Verzicht auf Cloud-Technologien zunehmend zum Wettbewerbsnachteil wird – insbesondere beim Einsatz von KI, Automatisierung und datengetriebenen Echtzeitanalysen.
Der Trend für 2026 ist daher weniger ein radikaler Wechsel, sondern eine pragmatische Annäherung: Hybride ERP-Architekturen setzen sich als bevorzugter Weg durch, da sie den Spagat zwischen Kontrolle und Innovationsfähigkeit ermöglichen. Sensible Kernprozesse verbleiben dort, wo Unternehmen maximale Hoheit wünschen, während skalierbare, datenintensive Anwendungen in der Cloud betrieben werden. Cloud wird damit nicht länger als isoliertes IT-Projekt verstanden, sondern als betriebliche Grundlage für Integration, Resilienz und regulatorische Konformität.
Aktuelle Marktdaten unterstreichen diese Entwicklung. Derzeit nutzen lediglich 42 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Deutschland Cloud-ERP, weitere 31 Prozent setzen auf hybride Modelle, während 24 Prozent weiterhin ausschließlich On-Premises arbeiten. Gleichzeitig sehen 60 Prozent der Befragten den bisherigen Verzicht auf Cloud-Technologien als ungenutzte Chance – der höchste Wert im europäischen Vergleich. Entsprechend verschiebt sich der Fokus: Der Anteil hybrider Lösungen dürfte 2026 weiter steigen und rund 40 Prozent erreichen, während reine Cloud-Modelle zwar wachsen, aber weniger dynamisch als ursprünglich erwartet.
Ein ähnliches Bild zeigt sich auch auf europäischer Ebene. Jüngste Studien belegen, dass rund 39 Prozent der Unternehmen bereits Cloud-ERP nutzen, während weitere 31 Prozent hybride Ansätze verfolgen und 28 Prozent weiterhin an On-Premises-Strukturen festhalten. Für viele Unternehmen bedeutet das: Neben modernen Cloud-Nutzern existieren nach wie vor Organisationen, die mit veralteten Servern, manuellen Prozessen und eingeschränkter Transparenz arbeiten – mit entsprechenden Auswirkungen auf Effizienz, Skalierbarkeit und Innovationsfähigkeit.
Für 2026 wird damit klar: Der Weg in die Cloud ist für den Mittelstand kein Alles-oder-nichts-Szenario. Entscheidend ist eine realistische, schrittweise Cloud-Strategie, die bestehende Strukturen berücksichtigt, Investitionen absichert und gleichzeitig den Zugang zu neuen Technologien eröffnet.
3. Regulatorik als Transformationstreiber
Mit dem EU Digital Product Passport (DPP) erreicht 2026 eine neue Qualität regulatorischer Anforderungen den industriellen Mittelstand. Erstmals verpflichtet eine europäische Vorgabe Unternehmen dazu, strukturierte, überprüfbare Produktdaten über den gesamten Lebenszyklus hinweg bereitzustellen – von der Herkunft eingesetzter Materialien über CO2-Emissionen bis hin zu Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit. Der DPP wird damit zum zentralen Baustein der europäischen Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschaftsstrategie.
Die eigentliche Herausforderung liegt dabei weniger in der Regulierung selbst als in den organisatorischen und technischen Voraussetzungen. Viele Unternehmen sind mit den konkreten Anforderungen noch nicht ausreichend vertraut oder unterschätzen den Aufwand, der mit der Erhebung, Pflege und Bereitstellung konsistenter Produktdaten verbunden ist. Aktuelle Erhebungen zeigen, dass lediglich 42 Prozent der deutschen Unternehmen die DPP-Anforderungen gut kennen, während sich nur rund die Hälfte auf deren Umsetzung vorbereitet fühlt. Ohne durchgängige ERP- und Datenmanagementsysteme wird eine regelkonforme Umsetzung kaum realisierbar sein.
Gleichzeitig eröffnet der DPP strategische Chancen. Unternehmen, die frühzeitig in strukturierte Datenmodelle und transparente Prozesse investieren, stärken nicht nur ihre regulatorische Sicherheit, sondern auch ihre Position in internationalen Lieferketten. Verlässliche Produktdaten erhöhen die Transparenz gegenüber Kunden und Partnern, verbessern die Nachverfolgbarkeit und schaffen Vertrauen – Faktoren, die zunehmend über Wettbewerbsfähigkeit entscheiden.
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„Personalisierung spielt sowohl im B2B- als auch im B2C-Bereich eine zentrale Rolle. Denn ein personalisiertes Angebot ist meist ein relevantes.“
Thomas Knorr, Forterro
Parallel zum DPP gewinnt ein weiteres regulatorisches Thema an operativer Relevanz: die verpflichtende elektronische Rechnungsstellung im B2B-Bereich. Mit Inkrafttreten der entsprechenden Vorgaben ab 2025/2026 wird die E-Rechnung zum Standard. Für 2026 bedeutet das, dass ERP-Systeme nicht nur in der Lage sein müssen, Formate wie ZUGFeRD oder XRechnung zu empfangen und zu versenden, sondern diese Prozesse vollständig digital und revisionssicher abzubilden.
Damit wandelt sich das ERP zunehmend zur zentralen Compliance-Plattform. Medienbrüche, manuelle Erfassungsprozesse und fehleranfällige Abtipparbeiten verlieren an Bedeutung. Stattdessen rücken automatisierte Prüf-, Freigabe- und Buchungsprozesse in den Vordergrund, die Transparenz schaffen und den administrativen Aufwand deutlich reduzieren. Gerade im Mittelstand wird dies zu einem wichtigen Hebel, um begrenzte personelle Ressourcen effizienter einzusetzen.
4. Compliance als Wettbewerbsvorteil verstehen
Der zunehmende Regulierungsdruck erstreckt sich inzwischen auf nahezu alle Bereiche industrieller Wertschöpfung – von Datenschutz und Umweltberichterstattung bis hin zu erweiterten Herstellerpflichten. Gleichzeitig wächst das Verständnis dafür, dass konsequente Compliance mehr ist als nur administrativer Aufwand: 51 Prozent der Unternehmen sehen darin einen klaren Wettbewerbsvorteil und investieren gezielt in Technologien, die eine transparente und effiziente Erfüllung regulatorischer Anforderungen ermöglichen. Ebenso viele geben an, dass Compliance ihre operativen und technologischen Kaufentscheidungen maßgeblich beeinflusst.
Auch der DPP ist weit mehr als ein reines Regulierungsinstrument. Er gilt als Schlüssel zu datengetriebener Nachhaltigkeit und damit zu einer zukunftssicheren Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie.
Fazit: Flexibilität sichert die Zukunft
Die ERP-Trends für 2026 zeigen deutlich: Es geht nicht mehr nur um das Verwalten von Daten, sondern um Agilität und Vernetzung. Mit einer flexiblen Cloud-Lösung sind mittelständische Unternehmen bestens aufgestellt, um regulatorische Anforderungen wie die E-Rechnung spielend zu meistern und gleichzeitig ihre individuellen Prozesse effizient zu gestalten.
Über den Autor:
Thomas Knorr ist Director Cloud Transformation bei Forterro und unterstützt die Digitalisierung sowie den Weg in die Cloud bei den Forterro Portfolio-Unternehmen. Seit über 18 Jahren befasst er sich mit dem Thema „Cloud ERP“ für kleine, mittelständische und große Unternehmen und begleitete Cloud-Transformation auf Kunden- und Anbieterseite unter anderem bei SAP, Workday und IFS.
Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder.