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Der Jahresabschluss ist nicht das Problem – sondern das Symptom

Warum schnellere Abschlussprozesse allein nicht reichen – und wie CFOs durch kontinuierliche Buchführung den Monatsabschluss zur Formalität machen.

Die Diskussionen rund um den Jahresabschluss drehen sich meist um Geschwindigkeit: schneller konsolidieren, schneller prüfen, schneller reporten. Doch Geschwindigkeit allein löst kein strukturelles Problem. Die Dauer des Monatsabschlusses ist oft nur ein Symptom. Wenn zehn Tage dafür benötigt werden, Fehler zu identifizieren, Buchungen zu korrigieren und Abstimmungen nachzuholen, dann spiegelt das wider, was unterjährig nicht sauber vorbereitet wurde.

Auch bei uns war das so. Wir haben unseren Close von zehn auf sechs Tage reduziert. Das klingt nach Effizienzgewinn, und das ist es auch. Die entscheidende Erkenntnis war jedoch: Diese vier Tage haben wir nicht durch bessere Abschlussprozesse gewonnen, sondern durch eine konsequente Verlagerung der Arbeit aus dem Abschlussfenster in den laufenden Monat.

Jeder Tag ist Abschluss

Genau hier liegt der Kern des Umdenkens: Der Monatsabschluss als isolierter Prozess wird perspektivisch an Bedeutung verlieren. Nicht, weil wir ihn abschaffen, sondern weil er seinen Ausnahmecharakter verliert. Wenn jede Buchung am Tag des Geschäftsvorfalls korrekt erfasst, kontiert und abgestimmt wird, wenn Intercompany-Differenzen in Echtzeit sichtbar sind und Rückstellungen kontinuierlich aktualisiert statt einmal monatlich geschätzt werden – dann ist der Abschluss nur noch einen Klick entfernt.

Das klingt nach Zukunftsmusik, Teile davon sind heute jedoch bereits Realität. Wir haben nahezu 100 Prozent unserer Eingangsrechnungen automatisiert. Nicht aus technologischen Gründen – Automatisierung ist kein Selbstzweck – sondern weil eine korrekt verarbeitete Rechnung, die bereits am Tag des Eingangs richtig gebucht wird, am Monatsende keine zusätzliche Arbeit mehr verursacht. Dasselbe Prinzip gilt für Revenue Recognition, Abgrenzungen und Währungsumrechnungen: Je näher die Verarbeitung am Geschäftsvorfall erfolgt, desto geringer ist der Aufwand im Close.

Das eigentliche Hindernis: Drei Abteilungen, drei Silos

Was diesen Wandel in vielen Unternehmen verlangsamt, ist weniger Technologie als Organisation. Finance erstellt den Abschluss, Tax stellt das Steuerreporting sicher, Sustainability sammelt ESG-Daten – alle basieren auf denselben Geschäftsvorfällen, arbeiten jedoch in unterschiedlichen Systemen und nach unterschiedlichen regulatorischen Standards. Solange diese Trennung besteht, bleibt jeder Abschluss ein Abstimmungsmarathon, unabhängig davon, wie effizient einzelne Teams agieren.

 Carsten Gerger, Lucanet

„Als ich 2016 die Finanzabteilung bei Lucanet übernahm, lagen wir bei rund zehn Millionen Euro Annual Recurring Revenue, der Abschluss war überschaubar und Excel erfüllte seinen Zweck. Heute steuern wir knapp 180 Millionen Euro über mehr als zehn Ländern hinweg, inklusive IFRS-Konsolidierung, CSRD-Anforderungen und einer Prüfungstiefe, die sich alle zwei Jahre verdoppelt. Was sich in dieser Zeit am stärksten verändert hat, ist nicht die Komplexität der Zahlen – sondern die Erwartung, wann diese Zahlen verfügbar sein müssen.“

Carsten Gerger, Lucanet

Die Lösung liegt daher nicht in besserer Koordination zwischen Silos, sondern in deren Auflösung: eine gemeinsame Datenbasis, auf der Finanz-, Steuer- und Nachhaltigkeitsreporting parallel und konsistent aufsetzen. Das ist keine rein technische Frage – es ist eine Führungsentscheidung.

Vom Stressfaktor zur Steuerungsgrundlage

In Gesprächen mit CFOs, höre ich häufig: „Unser Abschluss dauert zu lange.“ Meine Gegenfrage lautet dann: „Was passiert an den übrigen 20 Tagen im Monat?“ Denn dort liegt der Hebel. Ein Unternehmen, das seine Bücher jeden Tag sauber führt, benötigt keinen heldenhaften Close-Sprint am Monatsende. Und ein Jahresabschluss, der auf zwölf sauberen Monatsabschlüssen aufgebaut ist, wird zur planbaren Formalität statt zum Krafttakt.

Das ist die Richtung, in die sich Finance bewegen muss: weg vom periodischen Ausnahmezustand, hin zu einem kontinuierlichen, belastbaren Prozess. Nicht weil Regulatoren es verlangen, sondern weil das Geschäft es braucht. Entscheidungen warten nicht auf den Monatsabschluss. Unsere Zahlen sollten es auch nicht. Ein kontinuierlicher Abschluss ist jedoch mehr als Prozessstabilität. Wer saubere, konsistente Daten in Echtzeit verfügbar hat, schafft die Grundlage für belastbare Forecasts, belastbare Forecasts und strategische Entscheidungen, nicht rückblickend, sondern vorausschauend.

Über den Autor:
Carsten Gerger leitet die Finanzabteilung von Lucanet und ist für das Berichtswesen, die Konsolidierung sowie die Finanzabläufe zuständig, um das weltweite Wachstum des Unternehmens zu unterstützen. Mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in den Bereichen IFRS/HGB, Konsolidierung und Unternehmensberichterstattung, die er in verschiedenen Positionen bei Lucanet und PwC gesammelt hat, bringt er fundiertes Fachwissen in den Bereichen Rechnungswesen, Finanzwesen und Optimierung von Finanzprozessen mit.

 

Die Autoren sind für den Inhalt und die Richtigkeit ihrer Beiträge selbst verantwortlich. Die dargelegten Meinungen geben die Ansichten der Autoren wieder.

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